Nach Zeckenstich

«Wäre mein Bruder nicht gewesen, wäre ich wohl tot»

Lorenz Barazetti, 26. Juni 2022, 09:59 Uhr
Der Aarauer Max Suter ist diesen Frühling mutmasslich wegen eines Zeckenstiches schwer an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) erkrankt. Nach wie vor spürt er, dass er dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen ist. Wir haben mit ihm gesprochen.
Nach der FSME-Infektion hatte Max Suter riesiges Glück. Hätte ihn sein Bruder nicht gefunden, würde er wohl nicht mehr leben.
© ArgoviaToday / Lorenz Barazetti

Max Suter, pensionierter Kantonspolizist, fühlt sich eine Woche lang einfach nicht so gut, hat Erkältungssymptome. Scheinbar. Denn nach und nach kommen starke Kopfschmerzen hinzu, erst denkt er noch, es könnten Long-Covid-Symptome sein. Nach einigen Tagen fühlt er sich schwindlig. «Trotzdem habe ich noch mein Ski-Wochenende vorbereitet», sagt er heute, rund drei Monate später. Aus dem Ausflug in die Berge wird aber nichts mehr. Stattdessen springt er in den folgenden Tagen dem Tod wohl nur knapp von der Schippe.

Zum Glück war da der Bruder

«Am Freitag beim Aufstehen hat sich alles gedreht. Ab Mittag habe ich richtig gefroren, mir war schwindlig, ich hatte starke Kopfschmerzen», sagt Suter rückblickend. Ab da geht es rapid bergab. Als sein Bruder ihn am Nachmittag anruft, redet Suter wirr. «Er hat gemerkt, dass ich komische Antworten gebe und die Worte nicht finde», erzählt er. Sein Bruder ist besorgt, fährt von Kölliken nach Aarau, um nach Max zu schauen. Als dieser den Türsummer betätigen will, geht nichts mehr: Nach einem Schritt verlassen ihn die Kräfte, der Länge nach klatscht er auf den Boden, landet mit dem Kopf auf dem Boden und blutet stark. Er schafft es noch knapp, sich hochzuziehen und seinen Bruder in die Wohnung zu lassen. Dieser alarmiert die Ambulanz, ab da fehlen Max Suter jegliche Erinnerungen für die nächsten Tage.

Er wird mit Verdacht auf einen Hirnschlag ins Kantonsspital Aarau eingeliefert und auf die Überwachungsstation gebracht. Erst an den Montagmorgen kann er sich wieder erinnern: «Da sass eine Frau mit einem Buch in der Hand neben mir: ‹Erschrecken sie sich nicht, ich bin ihre Sitzwache.›» Sein Bruder hat ihm später erzählt, Max habe in den vorherigen Tagen versucht, das Zimmer zu verlassen, ein MRI habe wegen seines renitenten Verhaltens abgebrochen werden müssen. Max fehlt jegliche Erinnerung daran. Tests weisen das FSME-Virus in Suters Körper nach, eine Hirnhautentzündung also, kein Schlag. Die Auswirkungen sind anfangs verheerend: «Ein Neurologe hielt mir einen Kugelschreiber vor das Gesicht und forderte mich auf, diesen zu beschreiben», erzählt Suter. «Ich konnte nichts sagen, wusste zwar, was für ein Ding das ist, brachte aber nur ein Stottern hervor. Nicht mal meinen Vornamen brachte ich heraus.» Auch aufstehen darf er nicht.

Anstrengende Reha

Immerhin, ab da ist das Schlimmste überstanden: Suter kommt auf die Neurologie-Abteilung, seine Bewacherin kann den Dienst quittieren. «Ab da hatte ich den Rundum-Service des KSA», sagt er und ist dankbar. Mehrmals täglich hat Suter Ergo- und Physiotherapie, Logopädie, macht rasch Fortschritte beim Sprechen, die Wortfindungsstörungen schwächen sich ab, der Körper unterwirft sich wieder mehr dem Willen seines Besitzers.

«Eine Ärztin war überrascht, wie schnell ich mich erholt habe.» Sie habe zu ihm gesagt: «Sie hatten gleich zweimal riesiges Glück: Dass Ihr Bruder Sie rechtzeitig gefunden hat und dass der Körper das mitmacht.» Er müsse wohl einfach dankbar sein für jede Minute Sport, die er in seinem Leben als Polizist und in der Freizeit getrieben habe und die eine rasche Gesundung mit ermöglicht habe. In der Reha in Rheinfelden hätten einige andere Patienten von Verwandten erzählt, die wegen eines Zeckenstiches seit Jahren gelähmt sind oder andere schwerwiegende Schäden davongetragen haben.

Fazit: «Impfen, impfen, impfen!»

Auch heute ist Suter noch in der Physiotherapie, um sein Gleichgewichtsgefühl, das durch die FSME-Erkrankung beeinträchtigt ist, und Nachwehen des Sturzes in der eigenen Wohnung zu behandeln. Sein Amt als Einwohnerrat von Aarau hat er abgegeben. Trotzdem, heute geht es ihm sehr gut.

Auf Glück allein zählen muss man aber nicht. Dass Max Suter uns seine Erlebnisse wegen eines vermeintlich kleinen Zeckenstiches schildert, verbindet er mit einem Aufruf: «Für mich gibt es da nur eins: Impfen, impfen, impfen!» Gegen das FSME-Virus braucht es dreimal einen Piks, danach hält der Schutz rund zehn Jahre und kann aufgefrischt werden. Ausser dem Tessin und dem Kanton Genf sind alle Kantone Zeckengebiete, der Aargau und Solothurn sind besonders beliebte Gebiete bei den Spinnentieren.

Weitere wichtige Tipps im Umgang mit Zeckenstiches haben wir dir zusammengefasst. Im Umfeld von Suter hat seine Erkrankung Spuren hinterlassen: «Wer mich im Spital besucht hat, hat sich anschliessend gleich impfen lassen. Ich habe wohl schon ziemlich ‹schitter› ausgesehen.»

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 26. Juni 2022 06:39
aktualisiert: 26. Juni 2022 09:59
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