Paul Scherrer Institut

Aargauer Forschende verlieren Klima-Schatz: «Gletscherschmelze zerstört wichtige Daten»

· Online seit 26.01.2024, 12:10 Uhr
Im Rahmen der Initiative Ice Memory haben Forschenden des Paul Scherrer Instituts (PSI) in Villigen mit weiteren Wissenschaftlern aus Fribourg und Italien Eiskerne vom Corbassière-Gletscher am Grand Combin im Wallis analysiert. Das Ergebnis: Die Erderwärmung hat wichtige Klimadaten unwiderruflich zerstört.

Quelle: Riccardo Selvatico / CNR, Ca’ Foscari Universität / ArgoviaToday / Severin Mayer

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Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und am Corbassière-Gletscher am Grand Combin im Wallis ist diese abgelaufen. Forschende um Margit Schwikowski, Leiterin des Labors für Umweltchemie am PSI, und Doktorandin Carla Huber zeigen, dass sich keine verlässlichen Informationen mehr über das vergangene Klima und die Luftverschmutzung gewinnen lassen. Für die Klimaforschung sind Gletscher von unschätzbarem Wert. In ihrem Eis sind Klimabedingungen und Atmosphärenzusammensetzungen vergangener Zeitalter konserviert, die Aufschluss über Temperaturen und den Niederschlag geben können.

Aber wofür werden die Gletscher denn eigentlich gebraucht? «Wir nutzen die Gletscher als natürlich Archive, weil dort normalerweise wichtige Informationen gespeichert werden – ähnlich wie Baumringe oder Meeressedimente», erklärt Margit Schwikowski auf Anfrage von ArgoviaToday. Denn Stoffe wie Ammonium, Nitrat und Sulfat stammen aus der Luft und lagern sich durch Schneefall auf dem Gletscher ab. «Dazu werden Eiskerne erbohrt und anschliessend eine chemische Analyse durchgeführt», so Schwikowski.

Forschungsarbeiten in den Alpen

In diesem speziellen Projekt wollten die Forschenden den Corbassière-Gletscher am Grand Combin untersuchen, weil es von ihm noch keine Daten gab. «Wir hatten dort die Hoffnung, dass wir in der Zeit recht weit zurückkommen können, weil pro Jahr nicht so viel Niederschlag fällt, aber doch noch genug, um einzelne Jahre auflösen zu können.» Es gibt auch noch zwei andere Orte in den Alpen, an denen das Forschungsteam in den letzten Jahren gearbeitet hat. Da wäre zum einen der Gletscher Col du Dôme am Mont Blanc. «Dort konnten wir aber 2016 nur wenige Hundert Jahre in der Zeit zurückgehen», berichtet die Projektleiterin.

Auf dem Colle Gnifetti am Monte-Rosa-Massiv an der Grenze von Italien und der Schweiz konnten die Forschenden aber einen Eisbohrkern mit noch intakter Signatur gewinnen, wie das Video oben zeigt. «Dieser bietet uns Daten, die sehr weit in der Zeit zurückliegen – bis 10'000 Jahre.» Damit konnte man das älteste Eis der Alpen konservieren. Da man aber immer nur ein Jahr in einer Eiskernprobe hat, sei die Zeitauflösung nicht unbedingt optimal, meint Schwikowski. Daher hat man gehofft, dass der Gletscher im Wallis genau in der Mitte liegt: «So hätten wir genügend Messpunkte gehabt.»

In einer Vorstudie hat das Team 2018 nur einen kurzen Kern gebohrt, um zu schauen, ob die Signatur noch intakt ist. «Damals sah alles sehr gut aus. Wir konnten gut abzählen, wie viele Jahre sich in dem Kern befinden.» Zwei Jahre später sollte dann die tiefe Bohrung stattfinden, aber die Expedition auf den Grand Combin stösst immer wieder auf Widerstände: «Wir sind dann mehrfach auf dicke, feste Eisschichten geprallt, die sich in der Zwischenzeit durch Schmelzen und Wiedergefrieren des Wassers gebildet hatten.»

Eigentlich hätten sie achtzig Meter tief bis auf den Felsgrund bohren wollen, um das Tausende Jahre umfassende Archiv des Gletschers zu erfassen. Aber das war nicht möglich. «Unsere Analysen haben es jetzt bestätigt», sagt Schwikowski. «Beim Grand Combin sind wir zu spät. Das Klimaarchiv ist wegen der Erderwärmung zerstört.»

Zwischen 2018 und 2020 muss die Gletscherschmelze wohl so stark gewesen sein, dass besonders viel und häufig Wasser von der Oberfläche in den Gletscher eingedrungen ist. «Zunächst haben wir gedacht, dass es 2019 besonders warm gewesen sein muss, aber wenn wir die Wetterdaten anschauen, sehen wir in dem Jahr keinen Ausreisser», berichtet Schwikowski. «Wir gehen davon aus, dass sich der Effekt summiert. Die Jahre werden immer wärmer und jedes einzelne warme Jahr kann so einen Schaden anrichten und diese Archive auf den Gletschern zerstören.»

Eisbohrkern-Archiv in der Antarktis

Für Schwikowski sind diese Eisbohrkerne von besonderer Wichtigkeit, weil sie zusammen mit weiteren Eisbohrkernfachleuten aus aller Welt an der Initiative der Ice Memory Foundation beteiligt ist. Dieses Forschungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt, in 20 Jahren aus 20 gefährdeten Gletschern rund um den Globus Eisbohrkerne zu gewinnen, um diese in einem erdumspannenden Klimaarchiv zu sammeln.

Die Kerne sollen, gestückelt in rund ein Meter lange und acht Zentimeter Durchmesser dicke Stangen, die einzeln aus der Tiefe geholt wurden, in der zentralen Antarktis dauerhaft und sicher verwahrt werden. Die zuverlässigen Temperaturen in Südpolnähe von minus 50 Grad Celsius gewährleisten, dass die Kerne auch in Zukunft für Studien nutzbar bleiben. Dazu werden die Analysemethoden und die Technologien stetig verbessert, damit nachfolgende Generationen dem Eis noch ganz andere Informationen entlocken können, so die Forscherin weiter.

veröffentlicht: 26. Januar 2024 12:10
aktualisiert: 26. Januar 2024 12:10
Quelle: ArgoviaToday

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