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Versuchter Femizid: «Nichts rechtfertigt Gewalt an einem anderen Menschen»

Windisch

Versuchter Femizid: «Nichts rechtfertigt Gewalt an einem anderen Menschen»

15.03.2023, 18:55 Uhr
· Online seit 15.03.2023, 17:51 Uhr
Wieder wurde einer Frau Gewalt angetan und schon wieder im Aargau. Nachdem kürzlich in Rupperswil eine Frau von ihrem Mann erstochen wurde, ist am Dienstag in Windisch eine Frau vermutlich von ihrem Mann angeschossen worden. Jedoch ist Gewalt an Frauen kein Einzelfall, sondern ein Resultat struktureller Gewalt.

Quelle: ArgoviaToday/Michelle Brunner

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Am Dienstag gegen 13.30 Uhr ging bei der Kantonspolizei Aargau eine Meldung über eine Schussabgabe in Windisch ein. Eine Frau wurde in ihrem Fahrzeug angeschossen – vermutlich von ihrem Ehemann. Die angeschossene 42-Jährige wurde verletzt ins Spital gebracht, über ihren Gesundheitszustand ist derzeit nichts näher bekannt. Der Täter konnte zunächst flüchten. Die Polizei hatte anschliessend eine Grossfahndung mit Helikoptern ausgelöst. Erst am Abend wurde der Ehemann festgenommen, welcher als tatverdächtig gilt. Die Staatsanwaltschaft hat derweil Untersuchungshaft für den Italiener beantragt. Der Tatbestand lautet auf versuchte vorsätzliche Tötung.

Schon wieder erlebt eine Frau Gewalt und schon wieder im Aargau. Erst vor einem Monat ist eine Frau in einem Imbiss in Rupperswil erstochen worden. Auch hier steht der Ehemann unter dringendem Tatverdacht. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau eröffnete eine Strafuntersuchung.

Quelle: ArgoviaToday/Michelle Brunner

Warum kommt es aber immer wieder zu Gewalt gegen Frauen? «Feminizide sind keine Einzelfälle, sondern immer das Resultat von struktureller Gewalt, also eines ganzen Systems», sagt Simone Eggler, Verantwortliche für den Bereich Politik bei Brava. «Dieses System basiert auf Geschlechterhierarchien und Normen, welche ein Produkt der Gesellschaft sind.» Bei Femiziden spiele vor allem der Faktor Geschlecht eine bedeutende Rolle. «Es ist wichtig, dass der Faktor Geschlecht sichtbar wird, denn nur so kann dieses strukturelle Problem angegangen werden.» Meist zeige sich dies in Besitzansprüchen gegenüber der Frau oder wie kürzlich in Yverdon, ein Besitzanspruch gegenüber der gesamten Familie.

Einzelne Faktoren müssen berücksichtigt werden 

In den meisten Fällen von Femizid baut sich dieser Anspruch auch auf. «Häufig hat es davor schon unterschiedliche Arten von Gewalt und Übergriffen gegeben – beispielsweise Besitz- oder Kontrollansprüchen vonseiten des Mannes», erklärt Eggler. Diese Mechanismen schleichen sich immer mehr ein und werden schliesslich verinnerlicht. «Allerdings muss man sich jeden Fall einzeln anschauen und die verschiedenen Faktoren dazu berücksichtigen.»

Bei einer Person kann eine mögliche Trennung der Auslöser sein, bei der anderen eine prekäre Lebenssituation, Suchtverhalten, eine bevorstehende Geburt, Jobverlust oder ein Ortswechsel können dabei Faktoren sein, die Gewalt begünstigt. «Unsicherheiten oder Verlust von gewohnten Strukturen können als Krisen-Auslöser fungieren», so Simone Eggler.

Welche Rolle spielt der Migrationshintergrund bei Femiziden? «Migration kann ein Faktor sein. Allerdings nur einer von mehreren. Wenn man an einen neuen Ort kommt, die Umgebung nicht kennt, getrennt von seinen Freunden und der Familie ist oder einen prekären Aufenthaltsstatus hat, kann dies zu Verunsicherung führen. Beharrt man allerdings nur auf einem Faktor, redet man konsequent am Problem vorbei», sagt Eggler. Frauenfeindlichkeit kein Migrationsproblem, sondern das einer patriarchal geprägten Gesellschaft.

Jedoch fügt Eggler weiter an, dass viele Frauen in der Schweiz ein besseres soziales Netz haben als Frauen mit Migrationshintergrund. «Diese kommen eher bei Freundinnen oder Familie unter, haben das Geld für ein Hotel und suchen weniger den Schutz in Frauenhäusern wie Frauen mit Migrationshintergrund.» Daher ist der einfache Schluss nicht immer der passende.

Behörden müssen engmaschiger zusammenarbeiten

Daneben spielt auch nach wie vor die Erziehung eine Rolle. «Was leben die Eltern vor, wie sind die Familienstrukturen, gehen beide arbeiten, teilen sie sich die Care-Arbeit. Das, was wir vorgelebt bekommen, übernehmen wir auch in irgendeiner Form», erklärt Eggler. «Strukturelle Gewalt ist ein weitaus komplexeres Problem, weshalb mehr in die Prävention und in Bildung zum Thema Geschlecht investiert werden muss.»

Sie fordert ausserdem, dass bei Gerichtsterminen, Sorgerechtsstreitereien oder Trennungsterminen eine Gefährdungseinschätzung präventiv vorgenommen wird und sich die Behörden austauschen. «Jedes Mal, wenn ein Feminizid ausgeübt wird, sollte möglichst rasch eine Analyse gemacht werden, um daraus zu lernen, was man anders hätte machen können, welche Wege verbessert werden sollen. Vor allem dann, wenn die verschiedenen Akteure schon in einen Fall involviert waren.»

Verantwortung muss beim Täter bleiben

Jedoch warnt sie davor, dass es immer wieder Tendenzen gibt, die den Opfern eine Mitschuld geben: «Vor allem dann, wenn in der Berichterstattung von ‹Tat aus Eifersucht› gesprochen wird. Oder die Handlungen des Täters gerechtfertigt oder interpretiert werden. Die tatausübende Person trägt die Verantwortung und nichts rechtfertigt es einem Menschen, das Leben zu nehmen – unabhängig welche Faktoren eine Rolle spielen.»

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Quelle: Tele M1

veröffentlicht: 15. März 2023 17:51
aktualisiert: 15. März 2023 18:55
Quelle: ArgoviaToday

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