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«Ehe für Alle»

«Es geht um Toleranz und Akzeptanz anderer Lebensformen»

Noëmi Laux, 14. September 2021, 07:46 Uhr
Am 26. September wird über die «Ehe für Alle» abgestimmt. Andreas und Markus leben seit 2007 in einer eingetragenen Partnerschaft, heiraten käme für sie eher nicht infrage. Gegenüber ArgoviaToday erzählen sie ihre Geschichte und was sie über die Abstimmung denken.
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Quelle: ArgoviaToday

Markus steht im Eingang der «Schoggi-Werkstatt» in Laufenburg und blickt auf den Rhein. Es ist ein warmer Herbstabend, die Sonne spiegelt im Rheinwasser. Als Markus mich kommen sieht, winkt er von Weitem. Hinter ihm springt ein kleiner, wuscheliger Hund aus der Tür und rennt mir schwanzwedelnd entgegen. «Filou, do blibe!» Filou tut nichts dergleichen. Was für eine freudige Begrüssung.

Im Laden sind die hohen Wände rosa gestrichen, das Schaufenster ist hübsch dekoriert. Seit zwei Jahren betreibt der 58-jährige Markus hier eine kleine Schokoladen-Manufaktur, verkauft eigens produzierte Pralinen, Truffes und andere Schokolade. «Das ist meine Lieblingsschokolade», sagt er gerade und zeigt dabei auf eine Vollmilchschokolade mit kandierten Mandel, als sich die Ladentür mit einem lauten «Ding-Dong» öffnet und Markus’ Lebenspartner Andreas eintritt. Andreas kommt direkt aus Basel, wo er für einen grossen Pharmakonzern in der Informatik arbeitet. Normalerweise würde er länger arbeiten. Für unser Treffen hat er aber extra etwas früher Feierabend gemacht.

Aus dem Kochbuch ist nichts geworden, dafür sind die zwei jetzt ein Paar

Markus und Andreas lernten sich vor knapp 20 Jahren über eine Online-Datingplattform kennen. «Ja, das gab's damals schon», sagt Markus und lacht. Zu jener Zeit betreibt Markus eine Confiserie und ein Café in Einsiedeln im Kanton Schwyz. Andreas lebt in Stuttgart, arbeitet für einen globalen Technikkonzern. Nebenbei schreibt er Bücher. Als er für sein erstes Kochbuch nach Unterstützung sucht, fragt er Markus um Hilfe. Kurz darauf kommt es zum ersten Treffen in der Nähe von Stuttgart, einem «Arbeitsessen». Das Buch wurde nie fertig, dafür sind die beiden zwei Wochen später ein Paar. Es folgt eine Fernbeziehung zwischen Stuttgart und Einsiedeln bis die beiden beschliessen, zusammenzuziehen und schliesslich nach Laufenburg kommen.

Mit der Beziehung zu Andreas kommt für Markus ein anderer grosser Schritt: Das Outing. Dass er schwul ist, weiss er seit seiner Jugend. Outen wollte er sich aber erst mit dem richtigen Mann. Es dauerte 40 Jahre, bis Markus diesen mit Andreas kennengelernt hat. «Es war schon anstrengend, dieses Doppelleben. Aber ich habe keinen Grund gesehen, mich zu outen.»

Anders bei Andreas. Er ist Mitte 20, als ihm seine Homosexualität bewusst wird. «Aber ein pinkes Kinderzimmer hattest du», sagt Markus und lacht. «Stimmt, vielleicht wollte ich es mir lange einfach nicht eingestehen», entgegnet Andreas. Als er sich vor seinem damaligen Chef outet, rät ihm dieser ab, im Geschäftsumfeld offen mit seiner Homosexualität umzugehen. Das würde das Ende seiner Karriere bedeuten, habe es damals geheissen. «Daraufhin habe ich gekündigt und mir geschworen, meine Sexualität nie wieder – weder geschäftlich noch privat – zu verheimlichen.»

Gerade bauen die beiden ein Haus in Sulz, einem kleinen Dorf im Bezirk Laufenburg. «Also genaugenommen bauen wir einen Bungalow», ergänzt Markus. Obwohl sie vom Typ her grundverschieden sind – Markus ist impulsiv und hört gerne Volksmusik, während Andreas eher der deeskalative Typ ist und elektronische Musik mag – gibt es beim Hausbau kaum Meinungsverschiedenheiten. Ein grosser, begehbarer Kleiderschrank ist geplant und die Küche ist ihnen wichtig. «Wir verbringen viel Zeit beim gemeinsamen Kochen», sagt Andreas. In die Küche sollen grosse Kronleuchter kommen, ergänzt Markus. Andreas lacht: «Ja, die Küche wird unser kleiner Tuntenpalast.»

Seit 2007 leben Markus und Andreas in einer eingetragenen Partnerschaft. Ob sie diese bei einer Annahme der «Ehe für Alle» in eine Eheschliessung umwandeln würden? «Eher nicht», sagt Andreas. «Die Ehe ist vor allem dann interessant, wenn man Kinder in Betracht zieht und dafür sind wir wohl langsam zu alt. Ausserdem haben wir mit der eingetragenen Partnerschaft die gesetzlichen Hürden und den ganzen Bürokram schon einmal durchgemacht.» Markus entgegnet: «Also wenn wir kirchlich heiraten könnten, fände ich das eigentlich schon schön.»

Heirat hin oder her, noch ist die «Ehe für Alle» nicht angenommen, solche Diskussionen rein hypothetisch. In einem Punkt sind sich aber beide einig: «Diese Abstimmung ist ein Indikator dafür, ob die Gesellschaft in der Schweiz in der Gegenwart angekommen ist. Es geht um Toleranz und Akzeptanz anderer Lebensformen.» Toleranz und Akzeptanz wünscht sich das Paar aber nicht nur gegenüber der LGBTQ*-Community, sondern in alle Richtungen. «Egal, ob es um die Herkunft, den Namen oder die Sexualität geht – ein bisschen mehr leben und leben lassen würde uns allen guttun.»

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 14. September 2021 07:35
aktualisiert: 14. September 2021 07:46