Prozess

Nach Unfall mit drei Toten: Sieben Jahre für Unfalllenker gefordert

1. Dezember 2021, 19:47 Uhr
Vor dem Bezirksgericht Brugg hat sich ab heute Montag ein 47-jähriger Mann wegen mehrfacher vorsätzlicher Tötung zu verantworten. Vor zwei Jahren hatte er auf der Autobahn A3 im Fricktal einen Unfall mit drei Todesopfern verursacht. Ein Angehöriger erzählt.

Quelle: ArgoviaToday / Tele M1 / Severin Mayer

Es ist ein schwerer Gang für Ali Ekici. Der 40-jährige Basler steht heute dem Mann gegenüber, der für den Tod seiner Eltern und seines Schwagers verantwortlich sein soll. «Es geht mir auf Deutsch gesagt beschissen», sagt Ekici gegenüber Tele M1. «Es ist schwer, in einem Raum mit ihm zu sitzen. Für uns ist es klar Mord!» Für den Angehörigen der Unfallopfer ist es ein Fehler des Schweizer Gesetzes, dass der Unfallverursacher seit zwei Jahren auf freiem Fuss ist.

Quelle: TeleM1

Ali Ekici fordert eine harte Strafe für den 47-jährigen Montenegriner, zehn, sogar 15 Jahre soll er kriegen. Dennoch ist Ali Ekici bewusst: «Meine Eltern bringt das nicht zurück. Es vergeht kein Tag, keine Minute, keine Sekunde, in der ich nicht an sie denke. Dieser Mann hat uns das Herz herausgerissen.» Alis Familie leide immer noch wie an Tag eins. Auch ihm selber gehe es seit dem Unfall schlecht, er habe Herzprobleme – und das, obwohl er bis zu jenem verhängnisvollen Tag am 27. November 2019 kerngesund gewesen sei.

Auch die Staatsanwaltschaft fordert eine hohe Strafe: Sieben Jahre und eine vollzugsbegleitende ambulante Therapie. Anschliessend sei der Montenegriner für zehn Jahre des Landes zu verweisen. Staatsanwalt Christoph Rüedi wirft in einer Mitteilung zur Anklageerhebung vom vergangenen März dem Beschuldigten vor, er habe den Tod anderer Autoinsassen zumindest billigend in Kauf genommen. «In der Strafe ist berücksichtigt, dass der Beschuldigte laut einem psychiatrischen Gutachten vermindert schuldfähig gewesen sein soll», erläutert Rüedi im Interview mit Tele M1.

Der Verteidiger des Beschuldigten, Kenad Melunovic, führt aus, dass sein Mandant im Vorhinein sehr angespannt auf die Verhandlung blickte: «Es ist sehr schwer für ihn. Der Unfall nagt an ihm und bestimmt sein Leben», so Melunovic.

Die Verhandlung findet aus Platzgründen in der Mehrzweckhalle in Hausen statt. Am Montag und Dienstag werden der Beschuldigte, ein psychiatrischer und ein medizinischer Sachverständiger sowie mehrere Zeugen befragt. Danach kommen die Parteienvertreter zu Wort. Die Urteilseröffnung ist für Mittwochnachmittag vorgesehen.

Darum geht es

Zum Unfall kam es am Vormittag des 27. November 2019 auf der A3 kurz vor der Einfahrt in den Bözbergtunnel in Richtung Zürich. Wegen einer Baustelle war die Überholspur gesperrt. Der Verkehr kam auf dem rechten Fahrstreifen nur langsam und stockend voran.

Quelle: TeleM1

Mit «mindestens 133 Kilometern pro Stunde», so die Staatsanwaltschaft, näherte sich auf der gesperrten Überholspur der Beschuldigte mit seinem Porsche. Er schwenkte nach rechts in die Normalspur ein, touchierte einen Sattelschlepper und prallte dann ungebremst ins Heck eines Renault.

Durch die Wucht des Aufpralls wurde dieser nach vorne ins Heck eines Anhängerzuges geschoben und eingeklemmt. Alle drei Insassen – eine 55-jährige Frau sowie ein 42- und ein 64-jähriger Mann – wurden getötet. Ihr Renault war derart zerquetscht, dass die Rettungskräfte zunächst nicht erkennen konnten, wie viele Menschen sich darin befanden (siehe Sondersendung von Tele M1 von damals im Video).

Unverletzt geflüchtet

Der heute Angeklagte stieg nach der Kollision unverletzt aus seinem demolierten Porsche aus und rannte davon. Kurz darauf wurde er festgenommen. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Laut Staatsanwaltschaft macht er geltend, sich nicht an den Unfall erinnern zu können.

(red.)

Quelle: Tele M1 / ArgoviaToday / sda
veröffentlicht: 29. November 2021 04:35
aktualisiert: 1. Dezember 2021 19:47
Anzeige