Verwüstung im Aargau

«Sie markieren ihr Revier» – Jugendliche Vandalen werden schlimmer

· Online seit 04.10.2023, 07:07 Uhr
Vor allem im Sommer häuften sich die Meldungen über Vandalen im Aargau. Die Verwüstungen wurden mit den Jahren immer schlimmer. Ein Grund dürfte Social Media sein, erklärt ein Jugendpsychologe.
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«Mal machen sie ein Feuer im Pavillon und ein anderes Mal schneiden sie die Kabel der Strassenbeleuchtung durch», erzählt Stefan Schumacher, Gemeindeschreiber von Auw. Die Vandalen in der Freiämter Gemeinde werden immer dreister.

Die Jugendlichen füllten Pulver in Türschlösser, die danach teuer ersetzt werden müssten, sie verstopften die Toiletten und überfluteten diese, Handpapier auf dem WC werde angezündet, Wände würden mit Stiften und Spraydosen verschmiert und am Ende lägen da nur noch die leeren Flaschen und Zigarettenkippen, erzählt Schumacher weiter. «Vor allem in den Sommermonaten war es schlimm ums Schulhausgebäude herum.» Schumacher berichtet von hohen Kosten, die sich über die Jahre summierten und das Schlimmste sei, dass man die Verantwortlichen meist nicht finde. Auw installiert deshalb jetzt Überwachungskameras rund ums Schulhaus.

Überall nehmen die Vandalen zu

Bereits zum zweiten Mal verwüsteten Unbekannte zudem den Unihockeyplatz in Bremgarten. Wie der Club in einer Mitteilung schreibt, wurde die Bande um das Outdoorfeld zerstört und auf dem Platz verteilt. Unter anderem hingen die Elemente im Basketballkorb. Der Platz konnte allerdings vom UHC Bremgarten wieder aufgebaut werden. 

Auch in Bergdietikon gab es in den letzten Wochen zu kaputte Lampen, Velos wurden auf die Strasse geworfen und auf dem Kirchplatz wurde ein Benzinkanister angezündet. In Mellingen werden per sofort wieder Patrouillen eingesetzt, da Jugendliche vermehrt ihren Abfall liegen lassen und auch mit Feuerwerk Unfug treiben. Mitte September wurden ausserdem in Schönenwerd die Scheiben einer Firma von zwei Buben eingeschlagen.

Quelle: Tele M1

In Stein wurden vom Saalbau mehrere Buchstaben abgerissen und die Pflanzen wurden aus den Rabatten gerissen. Auch da wurden Jugendliche als Täter vermutet.

Quelle: TeleM1/Jeff Gnehm/ArgoviaToday/Michelle Brunner

Nachdem in Mellingen wieder vermehrt über Lärmbelästigung durch Jugendliche geklagt worden war und auch die Sachbeschädigungen zugenommen hatten, hat sich auch diese Gemeinde dazu entschieden, die Patrouillen am Wochenende wieder einzuführen. Somit sollen die Jugendlichen das Gefühl haben, nicht abtauchen zu können.

Kameras verbessern die Situation, lösen sie aber nicht

Nach diesem Konzept wird seit einigen Jahren in Muri den Vandalen vorgebeugt. Beim Schulhaus, dem Bahnhof und seit kurzem auch bei der Entsorgungsstelle, wurden von der Regionalpolizei Muri Kameras installiert. Vor allem die Kamera um den Pausenplatz zeigt diese Wirkung, sagt Renato Orsi, Leiter Sicherheit der Gemeinde. «Der Vandalismus rund um die Schule ist zurückgegangen, bei den Bahnhöfen und der Entsorgung ist der Effekt noch nicht so gross.»

Einen Teil der Verbesserung sieht der Polizeichef allerdings auch in der Präventionsarbeit. «Wir gehen in die Schule und zeigen den Jugendlichen zum Beispiel ein Velo mit durchgetrennten Bremskabeln. Sie sollen begreifen, dass dies kein lustiger Streich ist», so Orsi. «Und auch wie die Eltern mit der Situation umgehen, spielt eine Rolle. Sie sollen mit den Kindern darüber sprechen, was im Dorf passiert.» Jugendliche sollen keine Angst haben, mit den Eltern zu sprechen, falls sie einen «Seich» gemacht haben.

Vorbilder auf Social Media

«Es könnte schon sein, dass sich Jugendliche durch Social Media zu Vandalenakten angestiftet werden», vermutet der Polizeichef. Immer öfters posten die Randalierer ihre Taten auf Social Media oder erzählen am Morgen in der Schule davon. Anstatt ihren Freund oder ihre Freundin zurechtzuweisen, klopfen die Jugendlichen ihren Mitschülern auf die Schultern. «Sie markieren damit ihr Revier», sagt Psychotherapeut Allan Guggenbühl. «Sie wollen sich aggressiv postieren. Deshalb ist es auch klar, dass sie dies auf Social Media präsentieren.» Durch Tiktok-Videos von Freunden oder auch fremden Jugendlichen fühlten sie sich herausgefordert.

Es sei ein Aufstand, ein Begehren nach Beachtung. «Sie haben in diesem Sinne kein Unrechtsbewusstsein», so Guggenbühl. Jugendliche würden oft keinen anderen Weg sehen, sich bemerkbar zu machen. Deshalb würden sie Lampen kaputtmachen, Toiletten verstopfen und Papier anzünden.

Jugendliche brauchen Verantwortung

Teenager befinden sich gerade in einer Phase, in der sie sich nicht mehr wie Kinder fühlen, trotzdem aber noch nicht erwachsen sind. «Deshalb sollte man ihnen Verantwortung geben», predigt Allan Guggenbühl. Jugendliche hätten kein Gefühl dafür, wie viel Arbeit in gewissen Projekten steckt und wie viel Geld ihr Vandalismus kostet. Deshalb sollten sie Aufgaben übertragen bekommen.

Es braucht echte Strafen

Jugendliche, die trotz allem weiter verwüsten, sollen härter bestraft werden, so Guggenbühl. «Wir scheuen davor, sie richtig zu bestrafen. Sie müssten den Schaden selber bezahlen.» Mit der Begründung «Sie sind ja noch Kinder» bekommen sie oftmals eine sehr milde Strafe, die auch die immer schlimmer werdenden Verwüstungen erklären würden. «Wenn in Gemeinden Sachen verwüstet werden, müsste es vielleicht heissen, dass es Zonen gibt, in die Jugendliche nicht hinein dürfen», ergänzt der Psychotherapeut. Es müsse ihnen weh tun, ansonsten nütze es nichts.

veröffentlicht: 4. Oktober 2023 07:07
aktualisiert: 4. Oktober 2023 07:07
Quelle: ArgoviaToday

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