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Psychische Probleme

Suizidgedanken können schon die Jüngsten betreffen

26. November 2021, 11:55 Uhr
Der Gedanke, dass bereits Kinder Suizid in Betracht ziehen, scheint absurd, ist aber traurige Wahrheit. Die Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche «Pro Juventute» verzeichnet heuer fast doppelt so viele Suizid-Beratungen wie noch vor Corona.
Auch Kinder leiden seit Corona vermehrt unter psychischer Belastung. (Symbolbild)
© GettyImages

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Jugendliche, die suizidale Gedanken haben. Wenn euch bei diesem Thema negative Gefühle aufkommen, dann raten wir euch, den Artikel nicht zu lesen.

Täglich suchen sieben Jugendliche schweizweit den Kontakt zur Hotline 147 von Pro Juventute, um über Suizid zu sprechen, teilte die Stiftung diese Woche mit. Dabei ist jedes Kind und jeder Jugendliche, der solche Gedanken hegen muss, einer zu viel. Wie gross die Dunkelziffer hinsichtlich Kindern und Jugendlichen ist, die zwar solche Gedanken hegen, sich aber nicht mitteilen, weiss niemand. Suizid-Versuche sind laute Hilferufe der jungen Menschen, so Niklas Brons, stellvertretender Klinikleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Brugg jüngst gegenüber Radio SRF. Der erste Gedanke ist häufig, dass einem alles zu viel ist. «Man will, dass sich ein Loch aufmacht und man einfach verschwindet», so Brons. Erst später würden konkrete Gedanken über das «Wie mache ich das?» kommen.

«Es gibt einen Mangel an Fachpersonen»

Das wichtigste sei, dem Kind zu zeigen, dass es nicht alleine ist – und man es auch nicht alleine lässt, sagt Christina Hegi-Kunz, Geschäftsleiterin «Tel. 143 - Dargebotene Hand Aargau-Solothurn» und Vize-Präsidentin Suizid Netz Aargau, im Interview mit ArgoviaToday. «Dabei denke ich aber, dass ein Merkmal einer Krise ist, dass sich das Kind eher zurückzieht, als offen darüber zu sprechen. Dass es sich isoliert, ins Zimmer zurückzieht, ‹komisch wird› hätte man früher gesagt. Als Mutter oder Vater ist es dann ganz schwierig, überhaupt Zugang zum Kind zu finden.» Ein weiteres, akutes Problem sei der Mangel an Fachpersonen, so Hegi weiter. «Ich kriege oft die Rückmeldung, dass sich Eltern bei Kinderpsychologen melden und zur Antwort bekommen, dass diese auf Monate ausgebucht sind.»

Die Geschäftsleiterin der Dargebotenen Hand Aargau-Solothurn führt aber aus, dass es nicht immer Psychiater oder Psychologen sein müssen, die dem Kind helfen. «Wir haben ein ausgezeichnetes Netzwerk im Kanton Aargau bei Schulsozialarbeitenden. Eine gute Anlaufstelle ist auch immer der Hausarzt oder auch ganz allgemein die Jugendbetreuung», so Hegi. Sie habe ausserdem persönlich sehr gute Erfahrungen im religiösen Bereich gemacht, auch wenn das Kind oder die Familie selber gar nicht religiös seien. «Religionslehrpersonen oder Katecheten und Katechetinnen sind ebenfalls sehr geübt und erfahren mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das sind also auch gute Ansprechpersonen.»

Wichtig sind Mitgefühl und Empathie

Laut Christina Hegi ist es wichtig, dass man das Mitgefühl und die Empathie aufbringen kann, die Belastung aber auch tragen kann. Und je enger man mit dem Kind verbunden ist, desto grösser die Gefahr, dass man unter dem Leid des Kindes bricht. Hier sei es dann eben ratsam, eine gewisse Distanz zu wahren, um die eigenen Ressourcen zu schonen. Denn bei aller Liebe: Dem Kind ist nicht geholfen, wenn man an dessen Probleme selber zerbricht.

(sfr/web)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 26. November 2021 12:08
aktualisiert: 26. November 2021 11:55