Digitalisierung

Youtube statt Lehrer: «Die Schule hat kein Informationsmonopol mehr»

12. Mai 2022, 13:46 Uhr
«Simpleclub», «Daniel Jung» und «Mathe Guru» – das sind die Youtube-Kanäle, die heutzutage fast alle Schülerinnen und Schüler konsumieren. Doch wie hilfreich sind sie wirklich für die Abschlussprüfungen? ArgoviaToday hat bei Schulen im Argovialand nachgefragt.
YouTube-Tutorials werden bei Schülerinnen und Schüler immer beliebter, können laut Lehrpersonen den Präsenzunterricht aber nicht ersetzen. (Symbolbild)
© Getty

Die Abschlussprüfungen stehen an und man bemerkt, dass man während des Unterrichts nicht genügend aufgepasst hat. In unserer digitalisierten Ära liegt es nahe, dass man sich im Internet Unterstützung sucht. Dazu gehören die berühmt-berüchtigten Youtube-Tutorials. Der Schulstoff aus einem Jahr kann online in wenigen Minuten zusammengefasst nachgeschaut werden. ArgoviaToday hat bei verschiedenen Aargauer Schulen nachgefragt, ob der Präsenzunterricht aufgrund der Youtube-Tutorials überhaupt noch notwendig ist.

Das Informationsmonopol der Schulen verschwindet

Dass Schülerinnen und Schüler die herkömmlichen Lehrmittel immer öfters mit Youtube-Tutorials ergänzen, da sind sich die angefragten Schulen einig. Beliebt sind vor allem Tutorials in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Informatik. «Die Schülerinnen und Schüler können das Video in ihrem eigenen Versteh-Tempo anschauen, Pause machen und sogar zurückspulen», sagt Dominique Burger, Schulleiter der neuen Kantonsschule Aarau, gegenüber ArgoviaToday. Dass die Schülerinnen und Schüler die Youtube-Tutorials als Hilfsmittel benutzen, bemerkt auch Phil Tobler, Standortleiter der Privatschule Minerva in Aarau: «In gewissen Fächern merkt man es aufgrund einer anderen Herangehensweise oder eines anderen Lösungswegs, den wir nicht im Unterricht vermitteln. Auch werden Aufgaben meist detaillierter, also mit mehreren Unterschritten gelöst als nötig.» Je nach Fach könne es dann sogar vorkommen, dass dadurch leichtere Lösungswege auftauchen.

Heutzutage haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich Informationen zu einem bestimmten Thema auf einfache Weise selber zu beschaffen. «Die Schule hat kein Informationsmonopol mehr», so Burger. Eine Konkurrenz zum Präsenzunterricht sehen die Lehrpersonen trotzdem nicht, wie Burger erzählt: «Videos können das Wichtigste nicht ersetzen, nämlich das Verstehen, das Lösen von Problemen und das Übertragen des Wissens auf neue Fälle. Das geschieht immer noch alles im Unterricht.» Sowieso sei das Lernen eine soziale Aktivität. Diese gelinge am besten im Austausch mit den Mitschülerinnen und Mitschüler sowie den Lehrpersonen – und nicht mit einem Youtube-Tutorial. Auch ist das Angebot auf der Videoplattform zum gleichen Thema von Erklärvideos so gross, dass die Lösungsansätze unübersichtlich werden. «Wie sollen die Schülerinnen und Schüler das finden, was ihnen wirklich hilft?», fragt sich der Schulleiter der neuen Kantonsschule Aarau deshalb. Dafür brauche es wiederum die Lehrpersonen, die ihnen sagen können, worauf es bei einem bestimmten Thema ankommt.

«Man muss mit der Zeit mitgehen»

Für die jungen Lehrerinnen und Lehrer, welche in ihrer Schulzeit selbst Tutorials schauten, können die Erklärstücke auch eine Bereicherung sein. «Die Tutorials können sich positiv auf den Unterricht auswirken», erklärt Tim Klaffke, angehender Gymnasiallehrer für Französisch und Philosophie, gegenüber ArgoviaToday. So kommt es, dass Schülerinnen und Schüler die Theorie aus den Videos nehmen und sich im Unterricht auf die Umsetzung konzentrieren können. «Im Präsenzunterricht können wir mit den Schülern Dialoge führen und die richtige Anwendung für das Lösen eines Problems lernen. Das kann man mit der Hilfe eines Youtube-Videos nicht.»

Dass sich nicht alle Lehrpersonen an den neuen Unterrichtsstützen erfreuen, ist für Klaffke verständlich: «Sie weichen von den herkömmlichen Lehrmethoden ab. Früher konnte man die Theorie nur aus Büchern beziehen.» Jedoch sei es wichtig, dass man mit der Digitalisierung mitgeht und diese auch in den Unterricht miteinbezieht. «Die Youtube-Tutorials sind im Netz und bleiben auch dort», so Klaffke.

Mittlerweile sind die Youtube-Tutorials aber bereits wieder veraltet. Laut mehreren Lehrpersonen soll das Angebot von solchen Erklärvideos während dem Corona-Lockdown stark zugenommen haben und auch auf Tiktok, Instagram und Co. zu finden sein.

(mbr)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 14. Mai 2022 06:23
aktualisiert: 14. Mai 2022 06:23
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