Medizin

Abtreibung per Videoanruf – bald auch in der Schweiz?

Cyrill Felder, 30. August 2022, 06:41 Uhr
In Deutschland sorgen Abtreibungen spezieller Art für Diskussionen. Die Rede ist von telemedizinischen Schwangerschaftsabbrüchen, welche über Videochat stattfinden. Anfang des Jahres 2021 starteten Ärztinnen in Deutschland das Projekt «Schwangerschaftsabbruch zu Hause». Es ist das erste telemedizinische Projekt dieser Art in Deutschland. In der Schweiz stösst das Verfahren sowohl auf Skepsis als auch auf Interesse.
Die virtuelle Anwesenheit eines Arztes genügt beim telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland. (Symbolbild)
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Die medikamentöse Abtreibung ist je nach Ort in der Schweiz bis zur 7. oder 9. Schwangerschaftswoche gestattet. Nach einer Ultraschalluntersuchung, in der das Schwangerschaftsalter bestätigt wird, kann sich die Patientin über die Möglichkeiten während der Schwangerschaft und zum Abbruch kostenlos und vertraulich beraten lassen. Sie wird in jedem Fall eingehend medizinisch beraten. Die Abtreibung erfolgt über die Einnahme von zwei verschiedenen Medikamenten im Abstand von 36 bis 48 Stunden. Der Regelfall ist, dass das erste Medikament in Gegenwart eines Arztes oder einer Ärztin eingenommen wird. Das zweite wird der Patientin dann mit nach Hause gegeben. Zwei Wochen später testet sich die Frau mit einem hochsensiblen Schwangerschaftstest. Fällt dieser negativ aus, ist die Behandlung abgeschlossen.

Abtreibung mit virtueller Beihilfe

Beim telemedizinischen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland besprechen sich Ärztin und Patientin in einem ersten Videogespräch, in dem sie alle Einzelheiten besprechen und Fragen klären. Unumgänglich ist dabei, dass eine ungewollt schwangere Frau eine aktuelle Ultraschalluntersuchung und einen Blutgruppenausweis vorweisen muss. Nachdem die Medikamente per Versand die Patientin erreicht haben, folgt ein zweites Videogespräch. In diesem nimmt die Patientin, in virtueller Anwesenheit der Ärztin, die erste Tablette ein. Nach zwei Tagen schluckt sie das zweite Medikament alleine oder in Anwesenheit einer Vertrauensperson. Knapp zwei Wochen später treffen sich Ärztin und Patientin erneut via Video für eine Nachbesprechung.

Das sagen die Experten

Barbara Berger, Geschäftsleiterin Sexuelle Gesundheit Schweiz, weiss von keiner Praxis in der Schweiz, welche den Schwangerschaftsabbruch per Videoanruf anbietet. Sie erkennt aber das Potential: «Es gibt Spielraum, der durchaus genutzt werden könnte.» Zum Beispiel: Betroffene sparen sich lange Anfahrten zu den Praxen, unpassende Zeitfenster wegen Arbeitszeiten oder nicht vorhandener Kinderbetreuung. In Südamerika, Schweden oder der Ukraine sei das Verfahren bereits verbreiteter. Die Stärke des Prozesses sei, dass die Betroffenen über mehr Autonomie verfügen, jene Methode zu wählen, die ihnen entspricht. «Man weiss aus verschiedenen Studien, dass genau diese Autonomie, die Abtreibung selbst zu gestalten, dazu führt, dass sie gut verarbeitet werden kann. Schwierig wird es, wenn über die Frau bestimmt wird, sie Hürden im Zugang hat oder moralisch verurteilt wird.» Die Expertin ist sich sicher, ein qualitätsbewusstes und professionelles Angebot müsse Teil jedes Gesundheitswesens sein, egal welche Methode des Abbruchs die Schwangere wähle.

Dr. med. Gabi Landmann, Leitende Ärztin und Leiterin Ambulatorium Frauenklinik am Kantonsspital Aarau, bestätigt, dass auch das KSA keine telemedizinischen Schwangerschaftsabbrüche anbietet: «Es hat juristische Gründe, dass das Medikament unter ärztlicher Aufsicht vor Ort eingenommen wird. Würden wir die Medikamente zur Patientin nach Hause versenden, könnte es sein, dass das Medikament in die falschen Hände gerät. Das könnte verheerende Folgen haben.» Auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hält in einem Experten-Leitfaden an ihre Mitglieder fest, dass das Präparat keiner anderen Person als der betreuten Schwangeren weitergegeben werden darf.

Das ist während eines Videocalls nicht zweifelsfrei überprüfbar. Gabi Landmann ist nicht gegen dieses Verfahren, findet aber trotzdem: «Die Wahrnehmung von Emotionen und Unsicherheiten ist im direkten Kontakt zuverlässiger als im virtuellen. Es geht im Beratungsgespräch auch darum heraus zu spüren, ob und wie viel Unterstützung eine Patientin bei ihrer Entscheidung benötigt.» Hier sieht die leitende Ärztin ein Defizit. Andererseits könne durch eine telemedizinische Beratung für gewisse Frauen der Zugang zu der Behandlung deutlich erleichtert werden, was wiederum für die Methode spricht.

Grundsätzlich ist ein telemedizinischer Schwangerschaftsabbruch medizinisch nicht weniger sicher als der herkömmliche Weg. Wichtig ist, wie er gestaltet ist, sind sich die Expertinnen einig. Die Fachkräfte müssten die betroffenen Frauen ausführlich darüber informieren, was in ihrem Körper passiert, wann sie aufmerksam sein müssen und wo sie sich bei Anliegen melden können.

Solche Abtreibungen auch in der Schweiz möglich?

Ob aber tatsächlich bald auch in der Schweiz Abtreibungen per Videocall durchgeführt werden, bleibt vorerst offen. Es wäre nicht illegal, würde aber nicht geltendem Standard gehen, den Ärzte und Ärztinnen in der Schweiz befolgen. Im Moment ist vermutlich die Nachfrage danach schlichtweg zu klein. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nahm auf Anfrage keine Stellung zum Thema.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 30. August 2022 06:33
aktualisiert: 30. August 2022 06:41