Exit, Dignitas & Co.

Ärzteorganisationen wollen Sterbehilfe erschweren und ernten Kritik

4. Mai 2022, 14:02 Uhr
Zwei Ärzteorganisationen wollen die Richtlinien ändern und somit Hürden schaffen für Ärzte und leidende Menschen. Schweizer Sterbehilfeorganisationen kritisieren die neuen Richtlinien in fünf Punkten.
Im Jahr 2021 wählten knapp 1000 Schweizerinnen und Schweizer den Freitod, begleitet durch die Organisation Exit. (Symbolbild)
© GettyImages

Die beiden Ärzteorganisationen FMH und Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) wollen die Richtlinien zur Sterbehilfe verschärfen. Es sollen neue Hürden entstehen für Ärztinnen und betroffene Menschen. Das sechs Sterbehilfsorganisationen in einer gemeinsamen Mitteilung.

«Die Spitzen von SAMW und FMH haben in Hinterzimmer-Manier mehrere Neuformulierungen beschlossen», heisst es in der Mitteilung. Normalerweise dürfen Schweizer Ärztinnen und Ärzte hier mitreden, doch dieses Mal wurden sie nicht einbezogen. Die Sterbehilfen haben fünf Kritikpunkte zusammengefasst.

Kritikpunkt 1: Zu lange Verzögerung

Ärzte sollen mit den Patienten zwei ausführliche Gespräche führen, dazwischen müssen mindestens zwei Wochen liegen. Eine solche Verzögerung sei für schwerkranken Menschen ein Problem, da sie noch mehr leiden müssen – unter starken Schmerzen oder Atemnot mit Erstickungsgefühlen.

Kritikpunkt 2: Wann ist ein Leiden «schwerwiegend»?

Die Symptome oder Einschränkungen müssen nach den neuen Richtlinien «schwerwiegend» sein. Bei der Sterbehilfe fragt man sich: «Wie soll ein Arzt entscheiden, ob etwa Inkontinenz oder der Verlust des Augenlichts für einen Patienten nun schwerwiegend ist oder nicht?» Zudem wolle ein Patient ganz bewusst eine Freitodbegleitung, bevor das unerträgliche Leiden nahe ist und diesem ausweichen.

Kritikpunkt 3: Angehörige und Betreuer einbeziehen

Ärzte sollen während dem gesamten Sterbehilfeprozess auf die Bedürfnisse der Angehörigen oder des Betreuungsteams eingehen. Diese Forderung sei für den Arzt nicht umsetzbar und verhindere eine Sterbehilfe. Zudem sei es unmöglich, auf alle Wünsche einzugehen. Zusätzlich würde das Arzt-Patienten-Geheimnis verletzt.

Kritikpunkt 4: Ärzte müssen Alternativen suchen und anbieten

Alternativen zur Sterbehilfe sollen explizit gesucht und angeboten werden. Dies stifte Verwirrung und verursache weitere Schwierigkeiten. Auch hier würde laut Mitteilung eine Verzögerung entstehen und zu mehr Leid führen.

Kritikpunkt 5: Altersfreitod soll ausgeschlossen werden

Bei gesunden Personen sei Suizidhilfe nicht vertretbar. Diese Haltung stehe im Widerspruch zu einem Entscheid des Schweizer Bundesgerichts, dass die Verschreibung von Sterbemitteln an gesunde Personen nicht strafbar ist. Zusätzlich gelte: «Nur der leidende Mensch selbst kann beurteilen, ob für ihn sein Leiden unerträglich ist.»

Die Richtlinien sind zwar kein Gesetz, doch Ärzte müssen sich trotzdem danach richten. Ansonsten riskieren sie Sanktionen von FMH und SAMW. Die Bewilligung der Änderungen sollen am 19. Mai erfolgen – ohne Einbezug der Schweizer Ärzteschaft.

(log)

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 4. Mai 2022 12:49
aktualisiert: 4. Mai 2022 14:02
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