Hand anlegen

Darum ist Masturbieren ein Tabu

Matteo Fruci, 28. Januar 2022, 18:40 Uhr
Die meisten machen es, doch niemand spricht darüber: Selbstbefriedigung. Schuld daran sind Verschwörungstheorien aus dem 19. Jahrhundert und der Nocebo-Effekt. Ein Experte räumt auf.
Selbstbefriedigung ist für Seele und Körper gesund.

Masturbieren – in der Corona-Zeit ein brandaktuelles Thema. Einerseits, weil laut einer amerikanischen Studie in der Isolation häufiger Hand angelegt wird, und zum anderen, weil Verschwörungstheorien die Masturbation tabuisiert haben. Vor 150 bis 200 Jahren habe es die selben Verschwörungen rund um das Masturbieren gegeben wie heute um die Corona-Impfstoffe, sagt der Aargauer Psychologe Thomas Spielmann gegenüber ArgoviaToday: «Man sagte, das Masturbieren mache schwerhörig, man bekomme Hautausschlag, man werde unfruchtbar und Konzentrationsstörungen kämen auch von der Selbstbefriedigung. Das ist genauso Humbug wie heute all die Verschwörungen um die Impfstoffe.»

Kann masturbieren auch schädlich sein?

«Das hängt stark davon ab, ob man Liebe mit einer Person macht, die man wirklich gerne hat, nämlich sich selbst», so Spielmann. «Ob man sich selbst verwöhnen möchte, sich etwas Gutes tun und richtig lieb sein will mit sich selbst.» Das Masturbieren sei vergleichbar mit dem Dessert essen: «Wenn man das Dessert nur isst, damit man etwas gefressen hat und es nur reinschaufelt, dann ist es schädlich. Wenn man es aber geniessen kann, dann kann man gänzlich ohne Bedenken ein leckeres Dessert zu sich nehmen.»

Gefährlich werde es erst dann, wenn jemand ganz fest daran glaubt, dass masturbieren schädlich sei. Dann kommt laut Spielmann der Nocebo-Effekt zum tragen: «Das ist der böse Bruder vom Placebo-Effekt. Wenn ich glaube, dass mir etwas schlechtes passiert, wenn ich etwas schlucke, impfe oder eben masturbiere, dann kann das eintreten.»

Wer also glaubt, dass er mit Masturbieren etwas ganz Schlimmes macht, dem könnten gesundheitliche Folgen auch tatsächlich drohen, so Spielmann. «Das ist genau derselbe Effekt, den wir bei den Impfnebenwirkungstests beobachten konnten. Tausende unwissentlich mit einer Salzwasserlösung geimpfte Personen beschwerten sich wegen Schüttelfrost, Fieber sowie Herzmuskelentzündungen und das nur, weil sie so fest daran glaubten, dass sie Impfnebenwirkungen haben werden.»

Grundsätzlich harmlos

Laut dem Psychologen ist Masturbieren in der Regel aber sehr entstressend. «Wenn man sich Zeit nimmt und Ruhe hat, kann das in der ganzen Corona-Zeit wirklich sehr entspannend wirken», sagt Thomas Spielmann. «Und man braucht keine Maske dazu und setzt sich keinem Ansteckungsrisiko aus.»

Eine Frage der Macht

«Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte galt und gilt immer noch: Die wirkliche Macht über Mann und Frau hat derjenige, der die Sexualität der Menschen kontrolliert», sagt Thomas Spielmann. «Es ist einfach, die Sexualität zu kontrollieren, welche man mit anderen lebt. Aber es wird schwierig, die Sexualität mit sich selbst zu kontrollieren.» Nämlich das Masturbieren.

Ein mächtiger Mann im 19. Jahrhundert war zum Beispiel John Harvey Kellogg, der Erfinder der Kellogg's Kornflakes. «Diese brachte er auf den Markt, um den Leuten weiss zu machen, es würde gegen die Lust zum Masturbieren helfen.» Auch religiöse Weltanschauungen spielen laut Spielmann mit. «Überreste von dieser Denkweise aus dem 19. Jahrhundert sind bis heute in der Menschheit verankert.» Darum sei das Masturbieren heute noch nicht so eine normale Sache wie das Essen und Trinken. «In den früheren Epochen waren es vor allem religiöse und weltliche Fürsten, welche die Sexualität der Menschen kontrollieren wollten. Heute ist es die Porno-Industrie.» Wer Pornos konsumiert, müsse nicht glauben, er sei frei. Die Kontrolle unterliegt hier laut Spielmann der Fantasie und dem Geldbeutel der Pornoproduzenten.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 28. Januar 2022 17:23
aktualisiert: 28. Januar 2022 18:40
Anzeige