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Wenn Idole abdriften

Harmlose «Schwurbelei» oder Gefahr für die Demokratie?

17. November 2021, 17:14 Uhr
Verschwörungstheorien sind spätestens seit Beginn der Pandemie allgegenwärtig. Auffällig ist, dass sich immer mehr Prominente offen zu Verschwörungsideologien bekennen. Wie gefährlich ist das? Die einen sehen unsere Demokratie in Gefahr während andere von einer unbedeutenden Minderheit sprechen.
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Quelle: ArgoviaToday/Leonie Projer

Xavier Naidoo, Influencer Gabirano, Nena, Marco Rima und jetzt auch noch Eric Clapton: Immer mehr Prominente bekennen sich öffentlich zu Verschwörungsmythen. Mit der Pandemie scheint dieses Phänomen nochmal eine neue, eine aggressivere Dimension erreicht zu haben. So wurden Verschwörungstheoretiker und -theoretikerinnen vor einigen Jahren noch mehrheitlich belächelt, wenn sie ihre kruden Theorien von einer flachen Erde verbreitet oder die Mondlandung infrage gestellt haben. Das ist heute anders. Heute behaupten Anhänger und Anhängerinnen, dass das Coronavirus nicht existiere, die Regierung schüre Panik, um unsere Grundrechte einzuschränken und dass Bill Gates hinter der «Plandemie» stecke, um einen globalen Impfzwang durchzusetzen und so die Weltbevölkerung zu dezimieren.

Verschwörungstheorien: Ein zunehmendes Problem

Laut einer Studie der Universität Basel glauben 30 Prozent der Befragten in Deutschland und der Deutschschweiz zumindest teilweise an eine Verschwörungstheorie im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. Harmlose „Schwurbelei“ oder Gefahr für die Demokratie?

Der Psychologe, Publizist und Experte für Verschwörungsmythen Alexander Waschkau warnt vor einer steigenden Gefahr durch prominente Verschwörungsideologen. In einem Interview mit «watson» äussert er sich dazu folgend:

“Wenn jetzt noch mehr Prominente, die eine Fangemeinde haben, in diese Ideologie abrutschen, dann besteht die Möglichkeit, dass immer mehr Menschen an den Grundwerten der Demokratie zweifeln. Das ist eine echte Gefahr. Und im Moment schauen wir da alle, inklusive Regierung und Sicherheitsbehörden, tatenlos zu.”

Junge Leute kritischer als früher

Der Aargauer Psychologe Thomas Spielmann relativiert. Er ist überzeugt, dass insbesondere junge Leute kritischer sind als noch vor 30 oder 40 Jahren. Fanatische Fans, die ihren Idolen blind folgen, glaubt Spielmann, würden heute eine Minderheit darstellen. Zugleich betont der Psychologe: «Allgemein ist die Gefahr, die von Verschwörungstheoretikern ausgeht, gewachsen und zu einem ernstzunehmenden Problem geworden.» Einerseits, weil Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Pandemie derzeit einen breiten Zuwachs erlebten, aber auch, weil sie die Pandemie in die Länge ziehen und Menschenleben kosten könnten.

Krisenzeiten sind verschwörungstheoretische Zeiten

Ein noch unbekanntes Virus, Pandemie, Lockdowns: Besonders in Zeiten der Verunsicherung, nach Katastrophen oder Unglücken sind Verschwörungstheorien erfolgreich. Denn sie suchen nach einfachen Zusammenhängen und Antworten in einer komplexen Welt. Und sie schaffen – hier liegt die Gefahr – stereotype Feindbilder wie die Regierung, eine übergeordnete Macht oder das System allgemein.

Dass im Zuge der Coronakrise Falschmeldungen und Verschwörungstheorien Hochkonjunktur erleben, überrascht auch Pia Lamberty, Sozialpsychologin an der Universität Mainz und Expertin im Bereich Verschwörungsmythen, nicht, wie sie gegenüber dem Deutschlandfunk sagt:

„Immer dann, wenn Menschen einen Kontrollverlust erleben – die Coronapandemie ist quasi ein Prototyp von Kontrollverlust –, glauben sie mehr an Verschwörungstheorien. In dem Moment, in dem ich das Gefühl habe, ich kann keinen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen, versuche ich das psychologisch zu machen, indem ich Muster sehe, wo vielleicht gar keine sind.“

(noë)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 18. November 2021 06:36
aktualisiert: 17. November 2021 17:14