Massenabbau

Lassen Chefs Personal hängen, drohen Krankschreibungen

29.11.2023, 16:14 Uhr
· Online seit 29.11.2023, 06:14 Uhr
Zurzeit hagelt es Meldungen über Stellenabbau. Arbeitgeber seien ihren Mitarbeitenden gegenüber jetzt speziell gefordert, sagt der Chefökonom des Gewerkschaftsbunds. Der Gewerbeverband sieht derweil in Massenkündigungen einen Lichtblick.
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Unzählige Angestellte gehen mit einem mulmigen Gefühl in die Adventszeit. Am Montag gab das Telekommunikationsunternehmen Sunrise bekannt, im ersten Quartal des neuen Jahres 200 Stellen abzubauen.

Eine ähnliche Hiobsbotschaft empfingen in den letzten Wochen auch Angestellte aus anderen Branchen. Das Medienunternehmen CH Media, zu dem auch die Today-Portale gehören, kündigte einen Abbau von 150 Stellen an. Im Oktober griff die Post zum Sparhammer und strich bei ihrer Konzerngesellschaft Direct Mail Company (DMC) über 400 Vollzeitstellen. Im selben Monat kündigte der Maschinenhersteller Rieter einen Abbau von 900 Stellen an.

«Das ist beunruhigend»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) zeigt sich besorgt über die Entlassungswellen. «Massenentlassungen beginnen sich in letzter Zeit tatsächlich zu häufen, was beunruhigend ist», sagt SGB-Chefökonom Daniel Lampart zur Today-Redaktion. Arbeitgeber seien ihren Mitarbeitenden gegenüber jetzt speziell gefordert.

Die Mitarbeitenden befänden sich in einer unsicheren und belastenden Situation, sagt Lampart. Die Arbeitgeber müssten zeigen, dass das Bestmögliche für die Angestellten unternommen werde. «Die Leute im Unwissen zu lassen oder abzuwimmeln, geht nicht.»

Verfahren darf nicht wie eine Farce wirken

Sobald ein Unternehmen eine Massenentlassung angekündigt hat, ist ein Konsultationsverfahren Pflicht. Dabei informiert der Arbeitgeber die Angestellten über den bevorstehenden Schritt und bietet die Gelegenheit, Vorschläge zu unterbreiten, wie Entlassungen vermieden werden könnten. So darf bei der Kommunikation auch nicht der Eindruck entstehen, dass das Verfahren eine reine Farce sei.

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«Spüren die Mitarbeitenden kein Interesse an guten Lösungen, besteht das Risiko, dass sie sich vermehrt krankschreiben», sagt Daniel Lampart. Die Mitarbeitenden fühlten sich dann noch gestresster und hätten das Bedürfnis, nur noch für sich zu schauen. Doch bei einem angekündigten Stellenabbau sei gerade Solidarität das A und O. «Die Arbeitnehmenden sollten sich zusammenschliessen und sich gemeinsam mit dem Arbeitgeber und den Gewerkschaften sowohl für den Erhalt der Arbeitsplätze als auch für einen Sozialplan mit langen Kündigungsfristen oder Frühpensionierungen einsetzen.»

«Es wird kein Sonntagsspaziergang»

In einem Worst-Case-Szenario verlieren im neuen Jahr tausende Angestellte verschiedener Unternehmen mehr oder weniger auf einen Schlag ihren Job. Daniel Lampart rechnet jedoch nicht damit, dass es so weit kommt. «Natürlich wollen die Firmen den angekündigten Abbau durchziehen, aber mit harten Verhandlungen unter Einbezug der Gewerkschaften gibt es immer wieder auch Erfolgsfälle.»

Wenn eine Firma noch über genügend finanzielle Mittel verfüge, stiegen die Chancen, Entlassungen zu verhindern, sagt Lampart. «Aber auch da ist klar, dass es kein Sonntagsspaziergang wird. Bei solchen Verhandlungen wird einem nichts geschenkt.»

Lampart schliesst weitere Massententlassungen im neuen Jahr nicht aus. «Deshalb müssen wir alles machen, um nicht in eine Rezession zu kommen.»

Ende des Fachkräftemangels?

Der branchenweite Mega-Stellenabbau löst beim Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) Bedauern aus. «Jede Firma, die Stellen abbauen muss, macht dies kaum freiwillig, sondern ist aufgrund eines unsicheren Umfelds dazu gezwungen», sagt Dieter Kläy, Co-Direktor des SGV. Grund dafür sei die Inflation. Zudem trübten die Krise im Nahen Osten und der Krieg in der Ukraine die wirtschaftlichen Aussichten. «Ein Stellenabbau ist oft die einzige Lösung, um als Unternehmen wieder stabil und gesund zu werden.»

Dieter Kläy sieht in einer Masse Arbeitssuchender aber auch einen Lichtblick. Der Fachkräftemangel hat sich inzwischen zugespitzt. Der Personaldienstleister Adecco kommt in seinem Fachkräftemangel-Index zum Schluss, dass die Lage so ernst ist wie noch nie und der Fachkräftemangel zunehmend in einen allgemeinen Arbeitskräftemangel übergeht. Da viele Babyboomer in Pension gingen, werde sich die Situation in den nächsten sieben Jahren noch verschärfen, sagt Dieter Kläy. «Der Stellenabbau dämpft den Fachkräftemangel dagegen ab, was für die Wirtschaft keine schlechte Nachricht ist und vielen Entlassenen schnell eine neue Jobmöglichkeit bietet.»

veröffentlicht: 29. November 2023 06:14
aktualisiert: 29. November 2023 16:14
Quelle: Today-Zentralredaktion

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