Ukraine-Kenner

Marco Ecknauer: «Wenn Putin will, isst er morgen in Kiew zu Mittag»

Krisztina Scherrer, 23. Februar 2022, 15:29 Uhr
Marco Ecknauer hat dreissig Jahre lang in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gelebt und ist Vizepräsident der Ukrainian-Swiss Business Association. Seine Frau stammt aus Luhansk, eine der Städte, die im Krisengebiet liegen. Im Interview erzählt Ecknauer, wieso er glaubt, dass der Krieg eskaliert und weshalb die Sanktionen nichts nützen.
Russische Militärfahrzeuge in Reih und Glied: Wegen eines russischen Truppenaufbaus und Militärmanövern in Grenznähe der Ukraine sind die Spannungen in der Region sehr hoch. (Archivbild)
© Keystone/AP Russian Defense Ministry Pres

Der Schweizer Marco Ecknauer hat bis vor zwei Jahren in Kiew, in der Ukraine gelebt. 1989 kam Ecknauer für eine Schweizer Firma nach Moskau, zweieinhalb Jahre später machte er sich in Kiew selbstständig. Er hat in der Ukraine geheiratet und zwei Kinder. Seine Frau ist halb Russin, halb Ukrainerin und stammt aus dem Krisengebiet Luhansk. Im Jahr 2019 schickte Ecknauer seine Frau und Tochter in die Schweiz, er zog ein Jahr später zu ihnen nach St.Gallen, sein Sohn lebt derzeit in Südamerika. Marco Ecknauer ist Vizepräsident der Ukrainian-Swiss Business Association, selbstständiger Kaufmann und hält weitere verschiedene Verwaltungsmandate inne.

Marco Ecknauer hat über 30 Jahre lang in der Ukraine gelebt. 

© zVg

Wie geht es Ihnen mit den Schlagzeilen der letzten Tage?

Marco Ecknauer: Die Lage in diesen zwei Krisengebieten war seit 2014 nie entspannt – es gab immer Scharmützel, Schiessereien und Grenzüberschreitungen. Wir telefonieren in den letzten Tagen viel mehr mit unseren Verwandten in Luhansk. Meine Schwiegermutter lebt nur 200 Meter entfernt von einer Militärbasis. Sie hat natürlich Angst, dass Raketen oder Bomben fliegen. Am Morgen hat man scheinbar Bewegungen des Militärs gehört. Wir telefonieren stündlich mit ihr und ich verfolge die Liveticker.

Wie ist es, wenn die Verwandten im Krisengebiet leben und Sie nichts tun können?

Mir tun die Verwandten natürlich Leid. Wir haben versucht, sie für ein, zwei Monate in die Schweiz zu holen – aber es leider nicht geschafft. Meine Schwiegermutter lebte bei uns in Kiew bis wir die Ukraine verlassen haben. Es war schwer für uns, als wir sie verabschiedeten und sie ins Kriegsgebiet zurück musste. Wir haben beim Abschied geweint und es war emotional sehr schwierig. Wir denken oft an sie.

Sie sagen, dass die Lage seit 2014 nie entspannt war. Wieso sind Sie und ihre Familie bis 2019, beziehungsweise 2020, in Kiew geblieben?

Wir haben in Kiew nichts vom Krieg gespürt, ausser, dass es auf einmal viel mehr Leute in der Stadt gab. Und meine Tochter wollte die Schule in der Ukraine fertig machen – sonst wären wir schon 2014 weg. Wir haben 2014 die Verwandschaft aus Luhansk zu uns genommen. Sie waren dann für sechs Monate bei uns, als sich die Lage beruhigte gingen sie wieder zurück.

Was bedeutet Ihnen die Ukraine?

Ich habe eine emotionale Bindung zur Ukraine. Ich habe gerne dort gelebt, Freunde gefunden und wusste, dass diese Freundschaften über meine Zeit in der Ukraine hinaus gehen. In diesem Land habe ich meine Frau kennengelernt, wir haben dort unsere Kinder grossgezogen und sind dort in die Ferien gegangen.

Viele Länder haben Sanktionen gegenüber Russland erlassen. Nützt das überhaupt etwas?

Nein. Das ist Russland so egal. Wir sind abhängig vom russischen Gas und Öl. Die Sanktionen sind auch Wladimir Putin egal und das russische Volk ist leidensfähig. Die lieben ihre Heimat vermutlich mehr, als wir Schweizerinnen und Schweizer unsere. Wenn man in der Geschichte zurückblättert und an die Zaren oder Sowjet-Zeiten denkt, das war für die meisten Leute in Russland traumatisch. Das Volk musste immer untendurch. Die Leute, die ausserhalb von Moskau oder St.Petersburg leben, befinden sich noch im Dornrösschenschlaf. Die leben in der alten Welt und warten, bis Lenin um die Ecke kommt.

Was denken Sie, passiert als nächstes?

Ich behaupte, Putin will die Sowjetunion zurück haben. Er will die russischen Republiken zurückholen. Ich habe das Gefühl, es gibt Krieg. Die Ukraine ist jetzt der erste Schritt. Ich habe grossen Respekt vor dem Präsidentenamt, aber nicht vor dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Wenn Selenskyj das Gefühl hat, er müsse seine Muskeln spielen lassen und die beiden Territorien zurückholen, knallt es. Auch wenn die Ukraine aufgerüstet hat und Hilfe von den USA erhielt. Russland ist so stark, da kann es schnell gehen: Wenn Putin will, isst er morgen in Kiew zu Mittag.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Solange der Krieg nicht ausartet oder die Leute sich nicht den Kopf einschlagen, hoffen wir, dass es nicht zur Eskalation kommt. Aber: niemand schaut zu, wenn russische Panzer durch die Ukraine rollen. Die Frage ist dann, was die Nato, die USA und Europa machen. Putin hofft vermutlich, dass alle Angst vor einem Weltkrieg haben und nur mit Sanktionen reagieren und sonst nichts tun.

Das wichtigste zur Ukraine-Krise und die neusten Ereignisse findest du in unserem Liveticker.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. Februar 2022 11:37
aktualisiert: 23. Februar 2022 15:29
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