Blinder erzählt

«Mir stehen die E-Trottis täglich im Weg»

Olivia Eberhardt, 15. Oktober 2022, 08:26 Uhr
Der 15. Oktober ist der internationale Tag des Weissen Stocks. Einer, der weiss, wie schwierig es für sehbehinderte Menschen ist, sich zurechtzufinden, ist Urs Lüscher. Im Interview erzählt er, welchen Herausforderungen er sich täglich stellen muss und was er sich von der Gesellschaft wünscht.
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Wie geht es dir ganz allgemein, wenn du unterwegs bist?

Ich bin entweder mit dem weissen Stock oder mit meiner Blindenführhündin unterwegs. Solange keine Hindernisse vorhanden sind, klappt das gut. Sobald unerwartete Hindernisse auftauchen, wird es schwierig für mich.

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Ganz viele: Heute Morgen hatte ich einen Termin in Zürich. Schon beim zweiten Fussgängerstreifen stand auf dem Aufmerksamkeitsfeld ein E-Trotti, dem ich ausweichen musste. In der Bahnhofsunterführung donnerte ein Scooter an mir vorbei. In solchen Situation erschrickt man einfach. Angekommen in Zürich, erwartete mich eine Baustelle. Die Leitlinien, die uns zur Orientierung dienen, endeten in der Baustelle und ich musste mich neu orientieren. Auf dem Trottoir waren dann aber Autos parkiert und ich musste wiederum auf die Strasse ausweichen. Als ich endlich wieder zurück aufs Trottoir gehen konnte, stand da schon wieder ein E-Trotti und das mittendrin. Als krönender Anschluss erwartete mich ein Lichtsignal. Weil es – vermutlich wegen der Baustelle – ausgeschaltet war, funktionierte auch die Signalisation für sehbehinderte Menschen nicht. Das gleiche Spiel erwartete mich auf dem Nachhauseweg.

Gibt es noch weitere Hindernisse, denen du begegnest?

Die Liste ist beliebig erweiterbar. Das geht von Velos oder Abfallcontainern, die auf dem Trottoir stehen bis hin zu Menschen, die die taktilen Leitsysteme blockieren, weil sie darauf stehen. Gerade im Bereich eines Bahnhofes kommt das oft vor.

Macht dich das wütend?

Vor der Wut kommt eigentlich die Angst, gerade wenn ich eine Strasse überqueren muss. Erfahrungsgemäss verhalten sich die Menschen selbst eigentlich nie absichtlich böse. Mich hat schon jemand gefragt, ob ich die Leitlinie nicht freihalten könne, die seien doch für die Koffer da. Unwissenheit spielt hier sicher eine grosse Rolle. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Menschen weiter sensibilisieren. Ab und zu kommen aber trotzdem Wut und Frust auf.

Wie hat sich die Situation betreffend den E-Trottis verändert? Sind es mehr geworden?

Ja. Einerseits merke ich es, weil mir praktisch täglich E-Trottis in den Weg kommen.

Was machst du, wenn du deinen Weg – zum Beispiel wegen eines unerwarteten Hindernisses – nicht mehr findest?

Das ist mir schon mehr als einmal passiert. Dann versuche ich in der Regel an meinen letzten Ausgangspunkt zurückzugehen. Je nachdem, bin ich aber dann auch auf Hilfe angewiesen. Obwohl die Leute sehr hilfsbereit und nett sind, ist es mit Frust verbunden, nach Hilfe zu fragen. Trotzdem: Wir sind immer wieder auf Hilfe angewiesen und schätzen es sehr, wenn uns proaktiv geholfen wird.

Was würdest du dir von den Menschen wünschen?

Solidarität und Rücksichtnahme. Ich habe manchmal den Eindruck, dass im Strassenverkehr jeder nur für sich schaut. Ob Velo-, Trotti- oder Autofahrer. Ein wenig langsamer fahren, besser auf sich aufmerksam machen und die Trottis nicht mitten auf der Strasse abstellen. Mit ein wenig Rücksichtnahme ginge vieles besser.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 15. Oktober 2022 08:27
aktualisiert: 15. Oktober 2022 08:27