Strommangel

Ohne Strom kein Handynetz – Wo bleibt die Lösung?

25. Juli 2022, 07:50 Uhr
Der Bundesrat wollte die Mobilfunknetze besser vor Stromausfällen schützen. Zumindest die Notrufdienste müssten funktionieren, befand er. Doch das Vorhaben kommt nicht vom Fleck – und die Umsetzung würde Jahre dauern.

Das Licht geht aus, der Herd bleibt kalt, die Ampel bleibt dunkel – ohne Strom funktioniert vieles nicht. Auch das Handy wäre bei einem mehrstündigen Stromausfall nutzlos, selbst wenn es noch Akku hat: Weil die Antennen nicht mehr mit Strom versorgt werden, fällt das Netz nach einer gewissen Zeit aus, wie die «Aargauer Zeitung» berichtet. Telefonieren, sich im Internet informieren, eine SMS senden: All das ginge nicht mehr. Denn das Mobilfunknetz ist nur für kurze Ausfälle gewappnet. 

Im «Gefährdungsdossier Stromausfall» beschrieb das Bundesamt für Bevölkerungsschutz im Jahr 2020 das Szenario eines mehrtägigen Unterbruchs. Darin heisst es: «Etwa eine halbe Stunde nach Stromausfall fällt die Mobilfunktelefonie aus (...). Die meisten Personen im betroffenen Gebiet haben über die gesamte Dauer des Stromausfalls keine Kommunikationsmöglichkeiten». Denn auch fürs Festnetz stünden «meistens nur stromabhängige, digitale Telefonapparate» zur Verfügung.

Das würde auch bedeuten: Polizei, Ambulanz oder Feuerwehr liessen sich kaum mehr telefonisch alarmieren.

«Sehr aufwendig»

Eigentlich sollte sich das ändern. Ende 2020 entschied der Bundesrat, dass die Mobilfunknetze besser vor Stromausfällen geschützt werden sollen. In einem ersten Schritt sollten sie robust genug sein, dass zumindest Anrufe auf die Notrufnummern gemacht werden können, also etwa die Polizei und die Ambulanz aufgeboten werden kann. Ursprünglich hätte das zuständige Departement, das UVEK, dem Bundesrat bis Ende 2021 eine Vernehmlassungsvorlage unterbreiten sollen.

Doch das geschah bis heute nicht – obwohl der Bund eine Strommangellage und einen Stromausfall zu den «Top 10 Risiken» für die Schweiz zählt und die Gefahr einer Mangellage seit dem Ukraine-Krieg gestiegen ist.

Weshalb verzögert sich das Ganze? Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) erklärt: «Die Härtung der Mobilfunknetze vor Stromausfällen ist eine grosse Herausforderung und erfordert sehr hohe Investitionen.» Um die Auswirkungen und Kosten vertieft zu analysieren, sei eine umfassende Regulierungsfolgenabschätzung durchgeführt worden. Basierend darauf sollen nun zusätzliche Konsultationen stattfinden. Die Vernehmlassung ist laut Bakom neu für 2023 vorgesehen.

Danach würde weitere Zeit verstreichen, bis das Netz aufgerüstet wäre. Das Bakom geht davon aus, «dass die vollständige Umsetzung bis zu zehn Jahre dauern wird». Die erforderlichen Anpassungen seien «sehr aufwendig».

Tausende Dieselaggregate – reicht der Platz?

Konkret könnten die Mobilfunkanlagen beispielsweise mit Dieselaggregaten ausgerüstet werden, um längere Stromunterbrüche zu überbrücken. Wie die «NZZ» vergangenes Jahr berichtete, schlug das Bakom vor, Hunderte oder Tausende zu installieren. Ob tatsächlich Dieselaggregate zum Einsatz kämen, ist indes offen: Das Bakom betont, es wäre Sache der Netzbetreiber, geeignete technische Lösungen zu wählen.

Die Branche äussert sich skeptisch zur Idee der Installation von Dieselgeneratoren. Der Schweizerische Verband der Telekommunikation (Asut) weist darauf hin, der Einbau sei aus Sicht der Branche oft nicht möglich, da beispielsweise der Platz fehle, eine Baubewilligung notwendig wäre oder Eigentümer damit nicht einverstanden seien. Dies gelte auch für andere Technologien wie Brennstoffzellen, die im Gebäude installiert werden müssten, so Geschäftsführer Christian Gasser.

Je nach Ausmass des Stromausfalls wäre es aber beispielsweise möglich, mobile Dieselgeneratoren zu einem Standort zu transportieren. Oder der Ausfall einer Anlage könnte durch eine benachbarte Funkzelle übernommen werden. Ein längerer schweizweiter Ausfall liesse sich so indes nicht abdecken.

Kurze Stromausfälle sind kein Problem

Die gute Nachricht: Fällt der Strom nur kurz aus, funktioniert das Mobilfunknetz. «Wir sind für kurzzeitige nationale Stromunterbrüche schweizweit gut vorbereitet», sagt ein Swisscom-Sprecher. Auch andere Betreiber erklären, sie hätten Batterien oder Notstromgeneratoren installiert, um kürzere Stromunterbrüche schadlos zu überstehen. Die Rede ist teils von einer halben oder ganzen Stunde, die überbrückt werden könnte. Je nach Standort seien es aber mehrere Stunden.

Einen Schritt weiter ist man beim Sicherheitsfunksystem Polycom, über das unter anderem Polizei und Ambulanz kommunizieren können. Das Parlament hat kürzlich einen Kredit bewilligt, damit die Sendeanlagen des Bundes aufgerüstet werden können. Statt bis zu acht Stunden sollen sie bei einem Stromausfall künftig 72 Stunden durchhalten. Die Umsetzung soll 2026 abgeschlossen werden, teilt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz mit. Die Polycom-Anlagen, die im Besitz der Kantone sind, können gemäss Bund schon heute für drei Tage betrieben werden.

(AZ)

Quelle: Aargauer Zeitung
veröffentlicht: 25. Juli 2022 07:50
aktualisiert: 25. Juli 2022 07:50
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