Polizistenmord in der Pfalz

Polizeischul-Direktor: «Der Fall ist uns sehr nahe gegangen»

Vroni Fehlmann, 2. Februar 2022, 12:54 Uhr
Eine Verkehrskontrolle ist in Deutschland völlig eskaliert, ein 29-jähriger Polizist und eine 24-jährige Aspirantin wurden erschossen. Auch an der Polizeischule in Hitzkirch, wo auch Aargauer Einsatzkräfte ausgebildet werden, ist die Betroffenheit gross. Der Fall führt den angehenden Polizistinnen und Polizisten das Risiko ihres Berufs vor Augen.

Der Fall erschüttert international: Bei einer Verkehrskontrolle in Rheinland-Pfalz sind am Montag eine Polizistin in Ausbildung und ein Polizist erschossen worden (wir berichteten). Die 24-Jährige hatte gemäss deutschen Medien nicht einmal mehr Zeit gehabt, ihre Waffe zu ziehen. Ihr 29-jähriger Kollege feuerte zwar zurück, wurde jedoch ebenfalls tödlich von einer Kugel getroffen. «Der Fall ist uns sehr nahe gegangen», sagt nun Alex Birrer, Direktor der Interkantonalen Polizeischule in Hitzkirch. Mit der Polizeischule in Rheinland-Pfalz, an der das 24-jährige Opfer in Ausbildung war, pflege man eine freundschaftliche Kooperation und tausche sich regelmässig aus. «Der Vorfall hat uns deshalb umso mehr betroffen gemacht.»

Gleichzeitig wurde den hiesigen Aspirantinnen und Aspiranten einmal mehr ins Bewusstsein gerufen, dass sie immer ein Risiko eingehen. An der Praxis ändere dies jedoch nichts, da die angehenden Polizistinnen und Polizisten bereits jetzt auf solche Situationen vorbereitet würden. Dennoch sei klar: «Ein solcher Vorfall wäre auch in der Schweiz möglich.»

Erhöhtes Risiko bei Fahrzeugkontrollen

Die Ausbildung in Deutschland und jene in Hitzkirch bewegten sich qualitativ auf der gleichen Stufe, erklärt Birrer. In der Schweiz dauert sie zwei Jahre. Das erste Jahr verbringen die Anwärterinnen und Anwärter vorwiegend in der Schule, im letzten Drittel folgt ein Praktikum. Das zweite Jahr findet dann hauptsächlich innerhalb des Korps statt. Doch bereits ab dem Praktikum stehen Auszubildende im Einsatz. Ihre Schiessausbildung und die rechtlichen Grundlagen haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen, wie Birrer erklärt. Denn nicht nur bei Verkehrskontrollen kann es zu einem Angriff kommen.

Trotzdem ist das Risiko bei einer Verkehrskontrolle erhöht. «Bei jeder Kontrolle muss man eine Risikoabschätzung machen», erklärt Birrer. Die Polizistinnen und Polizisten müssten sich mental auf die Situation vorbereiten. Je nach Ausgangslage fällt die Risikoabschätzung anders aus. «Es macht einen Unterschied, ob man ein Fahrzeug kontrolliert, weil ein Licht defekt ist oder weil es gestohlen wurde», so der Polizeischul-Direktor. Bei einer erhöhten potentiellen Bedrohung für die Polizeibeamten ändere sich auch die Bereitschaft der Einsatzkräfte.

Beim üblichen Vorgehen in der Schweiz sind immer zwei Polizisten involviert: Eine Person führt die Kontrolle durch, die andere sichert sie ab. Doch gerade bei Verkehrskontrollen haben sie einen Nachteil: Bereits während sich die Beamten dem Fahrzeug nähern, können die Insassen beispielsweise etwas verschwinden lassen. Die Einsatzkräfte haben die Hände der zu kontrollierenden Person zudem weniger gut im Blick als etwa bei einer normalen Personenkontrolle auf der Strasse. «Eine solche Situation ist einer der gefährlichsten Teile im Job», erklärt Birrer.

Routine steigert die Gefahr

Doch eine Verkehrskontrolle immer mit gezückter Waffe durchzuführen, wäre unverhältnismässig. Gut möglich, dass auch die Opfer in Rheinland-Pfalz nicht von einem Angriff ausgegangen sind. Eine solche Kontrolle kennen Polizistinnen und Polizisten zur Genüge. Und gerade hier lauert ein weiteres Risiko: «Routine ist die grösste Gefahr», sagt Birrer. Deshalb würden solche Situationen auch in der Weiterbildung regelmässig angesprochen. Doch auch wenn die Einsatzkräfte lernen, wie sie sich in solchen Situationen schützen müssen, ein Restrisiko bleibt immer. «Solche Vorfälle sind sehr selten, können aber nicht ausgeschlossen werden.»

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 3. Februar 2022 06:37
aktualisiert: 3. Februar 2022 06:37
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