Gerissene Tiere

«Situation ist ausser Kontrolle» – Politiker will, dass Wölfe gezielt geschossen werden können

Bettina Zanni, 16. August 2022, 20:26 Uhr
Wiederholt reissen Wölfe in der Schweiz Nutztiere. Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi schwebt daher Schwedens Wolf-Politik vor. Demnach sollen die Behörden den Bestand der Raubtiere reduzieren.
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Reihenweise fielen in den letzten Monaten Herdentiere dem Wolf zum Opfer. Anfang August starb im St.Galler Calfeisental ein Jungrind, nachdem es von einem oder mehreren Wölfen gerissen worden war. Damit traf es im Kanton erstmals ein Grossvieh. Wenige Tage später schlug im Kanton Uri im Gebiet Voralp ein Wolf zu und tötete drei Schafe.

Ende Juli erlegte die Wildhut des Kantons Graubünden zwei Jungwölfe des Beverinrudels. Das Rudel hatte Mitte Juli innert weniger Tage auf zwei Alpen zwei Mutterkühe und zuvor eine hohe Anzahl an Schafen gerissen. In der Nacht auf Sonntag musste eine weitere Wölfin ihren Raubzug mit dem Leben bezahlen. Glarner Wildhüter erlegten sie, nachdem sie in der Region Krauchtal, Kerenzerberg und Mürtschental in den letzten vier Monaten 13 Schafe und zwei Ziegen aus geschützten Herden gerissen hatte.

«Sofortiges Handeln ist nötig»

Die Abschüsse beruhigen Landwirte nicht. Es habe noch viel mehr Wölfe in der Schweiz, sagte etwa Christoph Marti, Bauer aus Matt im Kanton Glarus kürzlich zu «TeleZüri». Der Wolf nehme den einfachsten Weg und gehe zuerst zu den Schafen. Es werde immer weniger Schafe haben, so schlimm es sei. «Der Wolf wird nie in die Migros gehen, um Futter zu holen», fügt der Landwirt trocken an.

Nun schlägt der Tessiner Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi Alarm. «Jetzt sollte für alle (ausser ein paar unverbesserliche Salon-Umweltschützer) offensichtlich sein, dass die Situation in unserem Land nun ausser Kontrolle ist und sofortiges Handeln nötig ist, bevor es zu spät ist», warnt Regazzi in einem Gastbeitrag von «Ticino Libero».

Schweden als Vorbild

Wollen wir laut Regazzi das, was von der Landwirtschaft in den Bergen bleibt, retten und auch das Risiko von Attacken auf die Bevölkerung verkleinern, was nun immer realer ist, muss der Bundesrat und vor allem das Departement von Simonetta Sommaruga sofort eine zielgerichtete Strategie umsetzen. Dabei blickt er auf Schweden als Vorbild.

In Schweden wird der Wolfsbestand auf rund 400 Tiere geschätzt. Da die Regierung der Ansicht ist, dass der Bestand zu gross ist, plant sie den Abschuss von bis zu jedem zweiten Tier. Damit strebt das Land eine Population zwischen 170 und 270 Wölfen an.

Reduktion auf rund 20 Wölfe

Laut dem Umweltdepartement des Bundes leben aktuell rund 80 Wölfe in acht Rudeln in der Schweiz. Jährlich töten und verletzen sie zwischen 300 und 500 Schafen und Ziegen. Angewendet auf die Schweiz müsste der Wolfsbestand mit der schwedischen Massnahme auf 17 bis 27 Wölfe sinken, wie Regazzi vorrechnet.

Dass die Schweiz eine Abschussquote noch nicht ins Auge gefasst hat, ist für den Politiker unverständlich. Schweden wolle im Gegensatz zur Schweiz handeln – obwohl Schweden eine rund zehnmal geringere Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer aufweise, so Regazzi.

«Es braucht eine gewisse Population»

Die Forderung des Mitte-Nationalrats trifft bei grünen Politkern auf Widerstand. «In der Schweiz haben wir noch keine Überpopulation von Wölfen», sagt Kurt Egger, Nationalrat der Grünen. In Italien und Slowenien etwa seien die Wolfsbestände noch viel grösser.

Laut Egger wäre es falsch, die Population gezielt zu reduzieren. «Für die genetische Vielfalt braucht es eine gewisse Population, ansonsten gibt es bei den Wölfen Inzucht.» Für die Menschen stelle der Wolf keine Gefahr da. «In Italien und Slowenien werden auch keine Menschen angegriffen.»

Der grüne Nationalrat befürwortet Abschüsse hingegen, wenn es sich um Wölfe aus problematischen Rudeln handelt. «Ein Beispiel dafür ist das Beverinrudel, das sich dadurch auszeichnet, den Herdenschutz überwinden zu können und Nutztiere zu reissen.»

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 16. August 2022 16:10
aktualisiert: 16. August 2022 20:26