Trauer

So bewältigst du den Verlust eines geliebten Menschen

Sharina Frey, 11. Januar 2022, 17:32 Uhr
Der Tod gehört zum Leben und doch scheint es, als würde der Boden unter den Füssen weggerissen, wenn ein geliebter Mensch plötzlich aus dem Leben scheidet. Wir haben mit einer Trauerbegleiterin darüber gesprochen, wie man das Leid vermindern könnte.
Trauer bewältigt jeder individuell. Trost durch die Liebsten kann ein wichtiger Bestandteil sein – muss aber nicht..
© GettyImages

Es ist eine Meldung, die bewegt: Ein 20-Jähriger wird nach seinem Besuch des Skirennens in Adelboden vermisst. Er telefonierte noch mit seinen Freunden, dann hörte man von ihm nichts mehr. Quälende Stunden der Ungewissheit für seine Familie und Freunde. Dann die Meldung rund einen Tag später: Der junge Mann wurde tot aufgefunden. Vermutlich stürzte er auf der Suche nach einer Abkürzung elf Meter in den Tod. Zurück bleiben die Lücke, die Trauer und der Schmerz, den die Familie nach diesem plötzlichen Verlust erfahren muss.

Einen geliebten Menschen zu verlieren, schmerzt immer. Noch mehr dann, wenn der Tod so unerwartet kam wie im Fall des 20-Jährigen. Wie man die Trauer erlebt und wie man damit umgeht, ist individuell. Jedoch gibt es Ratschläge, die bei der Trauerbewältigung helfen können. Trauerbegleiterin Marianne Frey-Sandmeier aus Scherz hat uns im Interview verraten, was hilfreich sein kann und wovon abzuraten ist.

Lass die Selbstkasteiung sein

«Das Schlimme ist ja, dass man immer denkt, man hat noch ewig Zeit. Dann passiert ein solcher Unfall und die Person – beziehungsweise ihr Körper – ist einfach weg. Oft fängt man dann an, sich selber Vorwürfe zu machen: ‹Hätte ich ihm doch noch das gesagt›, ‹Hätte ich ihn doch nicht gehen lassen›, ‹Wären wir doch noch zusammen in den Urlaub gefahren›», erzählt die Trauerbegleiterin. Diese Gedanken würden einen fast wahnsinnig werden lassen. «Wieder andere machen sich selber Vorwürfe, wenn sie ihrer Meinung nach nicht «intensiv genug» oder «lange genug» trauern. Dabei ist Trauern individuell, das kann ein Jahr dauern oder viel länger», so Marianne Frey-Sandmeier. Es gebe auch keine Pauschallösung gegen die Trauer, aber sich selber zu kasteien, sei in jedem Fall der falsche Ansatz.

Verbringe die Zeit mit dem oder der Toten

«Man leidet ja, weil die Person, die man liebt, plötzlich nicht mehr da ist. Dieses Endgültige ist, womit die Menschen kämpfen und was uns verzweifeln lässt», sagt die Trauerbegleiterin. Dabei solle man gar nicht aufhören, Zeit mit dem oder der Verstorbenen zu verbringen. «Ja, nach dem Tod ist die Person in physischer Form nicht mehr da. Geist und Seele sind aber bei uns, das war früher viel anerkannter als heute. Aber es ist so.» Man soll mit dem oder der Verstorbenen sprechen, ob im Stillen oder als lauter Dialog. Man soll die Präsenz spüren, wenn man zum Beispiel am Lieblingsort der Person ist, ihr Lieblingsessen isst oder den Urlaub macht, den man geplant hatte.

Höre nicht auf gutgemeinte Ratschläge

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen sehen sich die engsten Hinterbliebenen oft mit einem Problem konfrontiert: Man wird «verhätschelt». «Die Leute meinen es nur gut. Aber die vermeintlich guten Ratschläge wie ‹Seine Uhr war wohl abgelaufen› vermitteln nur, dass man sich in seinem Leid nicht ernst genommen fühlt», so Frey.

Lenke dich ab – aber beziehe die verstorbene Person mit ein

«Reden hilft. Man kann auch mit der hingeschiedenen Person reden, wie bereits erwähnt. Oder man schreibt seine Gedanken nieder, schreibt die Wut heraus, schreibt auf, was man der Person noch sagen wollte», lautet der Tipp der Trauerbegleiterin.

Nimm dir Zeit. Mit oder ohne Menschen in deiner Nähe

Als schwierigen Zeitpunkt der Trauerverarbeitung betrachtet Marianne Frey-Sandmeier die Beerdigung. «Bis dahin funktioniert man nur. Man organisiert, man plant, und das ganze Umfeld meldet und kümmert sich. Doch die schwierige Zeit kommt meistens erst danach. Man hat keine Aufgabe mehr, keine Ablenkung. Die anderen Menschen leben ihr Leben langsam weiter, fragen nicht mehr immer nach», erläutert sie. Genau in solchen Momenten kommt eine Trauerbegleiterin oder auch ein Trauertreff ins Spiel: «Wir hören zu. Auch wenn man tausendmal dieselbe Geschichte, dieselbe schöne Erinnerung an den Verstorbenen teilen möchte, wir hören zu. Oftmals will man sein Umfeld nicht damit nerven, schon wieder dasselbe zu erzählen. Dabei tut das so gut.» Es sei auch ein Irrglaube, dass man partout nicht alleine sein soll in der Trauerzeit. «Das ist typabhängig. Introvertierte Menschen schätzen es vielleicht, ihre Trauer im Stillen verarbeiten zu können. Andere brauchen viel Ablenkung und Menschen um sich herum. Es gibt kein Pauschalrezept zur Trauerbewältigung.»

Miss deine Trauer nicht an der Zeit

Genauso, wie es kein Rezept gibt, gibt es auch keine vorgeschriebene Dauer. Egal, ob man ein paar Wochen, ein paar Monate oder sogar Jahre trauert: Es geht genauso lange wie nötig. Und: «Die Trauer ist nie ganz weg. Es schmerzt weniger, aber man wird nie aufhören, sentimental an den Verstorbenen zu denken. An Geburtstagen, an Weihnachten. Es ist ein auf und ab und darauf muss man sich vorbereiten.»

So ganz sicher nicht

Obwohl es wie gesagt kein Schema X zur Trauerbewältigung gibt, eines soll man sicher nicht machen: Die Wut und Trauer in Alkohol, Drogen oder sonstigen Suchtmitteln zu ersticken versuchen. Dein Körper wird durch die Trauer bereits stark in Mitleidenschaft gezogen. So hat intensive Trauer zum Beispiel Auswirkungen auf den Frontallappen im Gehirn. Um physischen Folgen vorzubeugen, kann man Sport treiben oder aber zum Beispiel homöopathische Mittel für die Nerven in der Apotheke kaufen. «Ich bin auch Fan der Meridian-Therapie, bei der man Druck auf Finger ausübt und damit die Durchblutung des Frontallappens wieder anregt. Das hilft, aus dem Schockzustand herauszukommen», erklärt Marianne Frey-Sandmeier, die diese Therapieform in ihrer Trauerbegleitung anbietet.

Du darfst!

Und zum Schluss – solltest du gerade trauern, dann denke daran: Du darfst! Du darfst wütend sein. Du darfst auf dein Kissen einprügeln, schreien, weinen. Du darfst aber auch wieder lachen. Du darfst geniessen. Du darfst deine liebe Person im Herzen tragen und sie mit auf deine neuen Abenteuer nehmen. Du darfst dir und der Welt verzeihen. Und du darfst die verstorbene Person für immer lieben.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 12. Januar 2022 10:16
aktualisiert: 12. Januar 2022 10:16
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