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Ticketrabatt für Läderach-Besuch – SBB erntet Shitstorm

22.08.2023, 14:15 Uhr
· Online seit 22.08.2023, 07:24 Uhr
Die SBB wirbt auf Social Media mit vergünstigten Billetten für eine Reise in die Schokoladenfabrik House of Läderach. Zahlreiche User kritisieren, dass die SBB einen «homophoben Betrieb» unterstütze. Läderach wehrt sich gegen die Vorwürfe.
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Ein süsses Angebot stösst auf scharfe Kritik. Im House of Läderach können die Besucherinnen und Besucher den Chocolatiers über die Schulter gucken, eine individuelle Schoggi kreieren und frische Patisserie im Café geniessen. «Als wäre die Schokoladenfabrik House of Läderach noch nicht süss genug: Mit dem Gruppenbillet reisen Sie 30% günstiger an!», wirbt die SBB auf Facebook.

Das angebotene Rabatt-Gruppenbillett für die Glarner Schokoladenfabrik ist für viele User aber alles andere als verlockend. Rund 90 Prozent der Kommentare auf Facebook fallen negativ aus.

«Politisch nicht so süss»

«Finanzieren den Marsch für s'Läbe und absolut homophob ... so etwas unterstützt die SBB trotz zahlreicher LGBTQIA+ Mitarbeiter*innen, sehr befremdend und absolut unverständlich!», schreibt ein User. Eine Userin fragt: «Liebe #SBB, ihr unterstützt mit dieser Aktion einen homophoben Betrieb. Aber das wisst ihr vermutlich schon, oder?»

Andere Kritikerinnen und Kritiker halten Läderach für «politisch nicht so süss», winken mit «Nein, danke» ab oder geben an, keine Läderach-Filialen mehr zu betreten.

In Verruf geraten

Der Shitstorm gegen das Rabatt-Angebot geht auf das christlich-konservative Engagement des Inhabers der Schokofabrik zurück. 2019 wurde publik, dass sich Inhaber Jürg Läderach und sein Sohn Johannes Läderach, CEO, im Verein «Marsch für s'Läbe» engagieren. Dieser besteht aus christlichen und rechtskonservativen Gegnern von Schwangerschaftsabbrüchen. Auch kam Johannes Läderach wegen homophober Äusserungen in Verruf und sass mit seinem Vater im mittlerweile aufgelösten Verein «Christianity for Today», der gegen gleichgeschlechtliche Ehen und Homosexualität kämpfte.

Darauf riefen LGBTQI-Gruppen zum Boykott der Firma auf. Auch kam es zu Vandalismus vor Filialen. Zuletzt beschmierten Aktivistinnen am 1. Mai in Zürich die Läderach-Filiale an der Bahnhofstrasse mit Worten wie «Fundi-Schoggi».

Attraktivität des Angebots zähle

Die SBB hält auf Anfrage fest, dass das House of Läderach eines von vielen Ausflugszielen sei, das die SBB als Inspiration für Ausflüge mit dem ÖV-Gruppenbillett auf ihrer Website aufführe. «Voraussetzung dafür ist grundsätzlich die Attraktivität des Angebots und die Erreichbarkeit mit dem ÖV», sagt Mediensprecherin Fabienne Wittwer. Seien die Kriterien dafür erfüllt, werde der Reisetipp entsprechend berücksichtigt.

Wittwer macht darauf aufmerksam, dass kein Verkauf von kombinierten Tickets in Form von ÖV und Eintritt bestehe. Das ÖV-Gruppenbillett gelte für Reisegruppen ab zehn Personen unabhängig vom Ausflugsziel.

«Unternehmer beteiligen sich nicht mehr an ‹Marsch für s'Läbe›»

Konfrontiert mit der Kritik der User gibt Stefanie Merlo, Mediensprecherin der Läderach AG an, dass sich seit dem Generationenwechsel bei Läderach viel getan habe. «Wir leben Vielfalt mit Menschen aus über 50 Nationen, den verschiedensten Religionen sowie ganz unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen und Lebensentwürfen», sagt sie gegenüber der Today-Redaktion. «Was uns eint, ist die Liebe zu guter Schoggi.»

Merlo hält fest, dass für ihren CEO und Verwaltungsratsvorsitzenden sowie für alle weiteren Mitarbeitenden bei Läderach die Werte Toleranz, Meinungsfreiheit, Respekt, Diversität und Transparenz Richtschnur ihres Handelns seien. Dies hätten sie auch in ihrer allgemein gültigen Unternehmens-Charta verankert. Zudem hätten sie eine Ombudsstelle für Personen, die Diskriminierungen jeder Art beobachten oder erfahren würden.

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Läderach als Unternehmen habe den «Marsch für s'Läbe» nie unterstützt, sagt Merlo. «Und eine Beteiligung an ihm seitens der Unternehmer gibt es nicht mehr.» Sicher hätten sie in der Vergangenheit Fehler in der Kommunikation gemacht. «Daraus haben wir gelernt und uns deutlich mehr Transparenz auf die Fahnen geschrieben.»

Ihr Team in glarnerischen Bilten freue sich auf alle, die Freude an Schokolade hätten, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, Alter, religiöser Überzeugung, sexueller Orientierung, der Lebensweise, der Fähigkeiten oder möglicher Einschränkungen, so die Sprecherin.

Zwischen Swiss und Läderach bestehe kein Konflikt

Bei der Fluggesellschaft Swiss soll es zu einem bitteren Ende mit der süssen Zusammenarbeit gekommen sein. Sie nahm 2020 die Pralinen aus dem Bord-Sortiment. Läderach-Marketingchef Patrick Th. Onken begründete dies laut «Beobachter» mit Bedenken wegen der negativen Berichterstattung über Läderach. Einige Monate später erklärte die Swiss den Schritt mit einem jährlich abgeschlossenen Mengenvertrag, der ordnungsgemäss per Ende 2019 ausgelaufen sei. Bei einer erneuten Ausschreibung spreche nichts dagegen, Läderach mitzuberücksichtigen.

Stefanie Merlo, Mediensprecherin der Läderach AG, betont gegenüber der Today-Redaktion, dass die Aussage von Patrick Th. Onken nicht korrekt gewesen sei und sie diese nicht bestätigen könnten. «Für uns gilt: Laut Swiss besteht zwischen Läderach und Swiss kein Konflikt.»

Reaktion sei übertrieben

Markenexpertin Sabrina Rodel versteht, dass die SBB über dem Ruf des Läderach-Inhabers steht. Der SBB gehe es darum, den Kundinnen und Kunden mit ihren Transportmitteln ein Erlebnis zu bieten. «Im Vordergrund steht, gemeinsam etwas zu erleben, Schokolade zu essen und mit schönen Erinnerungen nach Hause zu gehen. Dabei geht es nicht um den Inhaber der Firma und seine Wertvorstellungen.»

Läderach-Produkte aufgrund des Rufs des Inhabers nicht mehr zu unterstützen, hält Rodel für übertrieben. «Wenn man wüsste, was das Management anderer Anbieter oder auch Politiker alles unterstützen, könnte man überhaupt nichts mehr konsumieren und niemanden mehr wählen.» Es sei übertrieben, ein Unternehmen wegen der Wertvorstellungen eines Inhabers zu meiden. «Die privaten Werte des CEOs machen die Schokolade weder besser noch schlechter.» Selbstverständlich müssten in Verruf geratene Führungspersonen aber aufpassen, nicht weiter Öl ins Feuer zu giessen, um nicht der Marke des Unternehmens zu schaden.

veröffentlicht: 22. August 2023 07:24
aktualisiert: 22. August 2023 14:15
Quelle: Today-Zentralredaktion

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