Hitze

Tropenkrankheiten könnten auch in der Schweiz auftauchen

Bettina Zanni, 3. August 2022, 19:22 Uhr
Die zunehmend warmen Temperaturen bieten Stechmücken gute Überlebensbedingungen. Epidemiologe Jürg Utzinger warnt hierzulande vor Krankheitserregern wie Dengue-Viren.

Bereits seit Mai herrschen in der Schweiz hochsommerliche Temperaturen. Gleichzeitig erfassen regelmässig Hitzewellen das Land: Am Donnerstag stehen mit 35 Grad erneut Rekordtemperaturen an. Der starke Sommer hat aber auch Schattenseiten, die sich erst noch zeigen könnten.

«Durch erhöhte Temperaturen im Sommer und milde Winter können sich Insekten in der Schweiz etablieren, die Krankheiten übertragen», warnt Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Swiss TPH.

Das Institut weist aktuell drei verschiedene gebietsfremde, invasive Mückenarten nach. Dabei handelt es sich um die Asiatische Tigermücke, die Japanische Buschmücke und die Koreanische Buschmücke. Aus medizinischer Sicht misst das Swiss TPH der Asiatischen Tigermücke die grösste Bedeutung zu, da sie Krankheitserreger wie Dengue-, Chikungunya oder Zika-Viren übertragen kann.

«Zecken sind ein grosses Problem»

Auch Zecken haben laut Utzinger das Potenzial, Überträger weiterer Krankheiten zu werden. «Zecken in der Schweiz sind ein grosses Problem», so der Epidemiologe. Die Forschung gehe davon aus, dass sie sich durch erhöhte Temperaturen noch besser etablieren könne. «In der Folge begünstigt dies die Übertragung von weiteren viralen Infekten der Zecke auf den Menschen.»

Utzinger erachtet deshalb als wichtig, dass die Schweiz die Ausbreitung solcher Moskitos mit Überwachungssystemen kontrolliert.

Malaria in der Schweiz?

Malaria ist als Klassiker der Tropenkrankheiten bekannt. Dass die Anopholesmücke plötzlich wieder in der Schweiz auftaucht, glaubt der Epidemiologe aber nicht. Die Schweiz sei seit dem 19. Jahrhundert entsumpft. Zudem gehe mit der Hitze ein Trockenheitsproblem einher. «Dennoch können wir nicht ausschliessen, dass die Krankheit nie mehr zu uns kommt.»

Einzelne Fälle der sogenannten «Flughafen-Malaria» kämen vor, sagt Utzinger. Vor dem Abflug aus tropischen Gebieten werde in den Flugzeugen gesprayt, damit keine «blinden Passagiere» mitreisten. «Trotzdem passierte es schon, dass eine infizierte Anopholesmücke mit dem Flieger in die Schweiz eingeschleppt wurde, aus dem Flugzeug flog und dann einzelne Leute mit Malaria ansteckte.» Diese Mücken würden aber schnell absterben.

«Klar ist aber: Je mehr wir in Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen in Gesundheitsprogramme investieren, desto geringer ist das Risiko, dass wir durch unsere hohen Reisetätigkeiten Moskitos mit Krankheitserregern einschleppen», sagt Utzinger.

Umfassendes Monitoring gefordert

Der ‹Global Fund› mit Sitz in Genf hat das Ziel, Epidemien wie Aids, Tuberkulose und Malaria zu bekämpfen. Die Schweiz ist seit 2002 Partnerin und investierte über 300 Millionen Franken in den Fonds. Im Herbst findet eine erneute Geberkonferenz statt.

«Corona und die Klimaerwärmung zeigen, dass uns nicht egal sein kann, was im Gesundheitssystem anderer Länder läuft», sagt SP-Nationalrätin Sarah Wyss. Die Schweiz solle mehr Geld in den Global Fund und andere Gesundheitsorganisationen investieren, fordert sie. «Der Nebeneffekt der Entwicklungszusammenarbeit ist, dass wir uns im eigenen Land vor tödlichen Krankheiten wie Malaria schützen können.»

Wyss kündigt zudem an, in der Herbstsession einen weiteren Vorstoss für ein umfassendes Monitoring der Tigermücke einzureichen. Im Kanton Basel und im Tessin sei die Stechmücke schon stark ausgebreitet, so die Baslerin. «Momentan schieben sich Bund und Kantone noch die Verantwortung zu, doch die Tigermücke macht am Schluss vor keiner Kantonsgrenze halt.»

«Info-Kampagne bei Häufung»

Entspannter reagiert SVP-Nationalrätin Martina Bircher: «Es macht sicher Sinn, Stechmücken wie die Tigermücke intensiver zu beobachten», sagt sie. Trete diese gehäuft auf, sei eine Info-Kampagne nützlich. Mehr Entwicklungshilfe müsse die Schweiz im Kampf gegen Tropenkrankheiten aber nicht leisten: «Ansonsten dürfte unser Asylwesen zum Beispiel auch keine Menschen mehr aus Tuberkuloseländern aufnehmen», fügt sie trocken an.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 4. August 2022 09:11
aktualisiert: 4. August 2022 09:11
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