«Kindheit gestohlen»

Ukraine-Präsident Selenski richtet emotionale Worte an die Schweiz

29. September 2022, 19:58 Uhr
Der ukrainische Präsident richtete sich auf Einladung des Europa-Instituts an der Universität Zürich an Studierende. Kaum scherzte er, wurde er wieder ernst. Zudem kam es zu Pannen.
Der ukrainische Präsident Selenski sprach am Donnerstag per Video-Schaltung an der Uni Zürich.
© Keystone/Ukraine Presidency
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Eigentlich hätte der ukrainische Präsident über den Unterschied von echten Abstimmungen (in der Schweiz) und verfälschten Referenden (diese Woche in der Ostukraine) reden wollen. Aufgrund von technischen Problemen bei der Übertragung konnten die zahlreichen Studierenden und Ukrainer, die sich im grössten Hörsaal der Universität versammelt hatten, den Präsidenten über weite Strecken der Veranstaltung kaum hören.

Selenski, der in einem schwarzen Kapuzenpulli auf einem Stuhl vor einer Ukraine-Fahne sass, reagierte humorvoll auf die Pannen. Er schlug vor, direkt zur Fragerunde überzugehen. Dies berichtet die «Aargauer Zeitung».

Heiter und düstere Antworten von Selenski

Diese entwickelte sich zu einer emotionalen Berg- und Talfahrt. Selenski lächelte und scherzte, wenn er zu seiner Beziehung zur Schweiz gefragt wurde (er war mal am Genfersee und nahm sich dort vor, die Ukraine müsse wie die Schweiz werden).

Seine Miene verfinsterte sich aber, als er gefragt wurde, ob er zwischen dem russischen Volk und der russischen Führung unterscheide. Er dachte lange nach und gab dann seiner Enttäuschung Ausdruck, dass Putin von den Russen gewählt worden sei und dass es selbst nach Putins Drohung mit Atomwaffen, nicht zu grossen Protesten gekommen sei.

«Kinder wurden getötet und entführt»

Pessimistisch gab sich Selenski auch, als er über das Zusammenleben mit dem Nachbarn Russland nach dem Krieg gefragt wurde. Nach längerem Überlegen empfahl er, diese Frage doch «ihnen» zu stellen. Russland müsse einen Weg finden, mit der Welt zu leben, nachdem, was das Land der Ukraine angetan habe. Dann beschrieb Selenski Kriegsgräuel: «Kinder wurden getötet und entführt. Wir haben Leute, die gefoltert wurden. Erwachsene sind vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt worden. »

Er äusserte die Hoffnung, dass die Ukraine in drei oder vier Jahren Mitglied der EU sein werde. Ein Nato-Beitritt beschrieb er als weniger realistisch. Sein Land brauche aber Sicherheitsgarantien.

Um eine atomare Eskalation zu verhindern, müssten die westlichen Staaten eine klare Liste präsentieren, wie sie auf Diktatoren reagierten, sollten diese Atomwaffen einsetzen, sagte Selenski und schwenkte ein leeres Blatt in die Kamera. Die Massnahmen auf einer solchen Liste müssten dergestalt sein, dass niemand auch nur auf die Idee komme, solche Atomwaffen einzusetzen.

Den Kindern Krieg erklären

Selenski wurde aus dem Publikum gefragt, wie er seinen Kindern den Krieg später einmal erklären würde. Seine 18-jährige Tochter sei nun schon schlauer als er, scherzte der ukrainische Präsident, um dann von seinem 9-jährigen Sohn zu erzählen. Dieser frage ihn nicht mehr nach Spielzeug, sondern nur noch: «Wann wird Putin sterben?» Russland habe den ukrainischen Kindern die Kindheit gestohlen. Sie seien nun schon kleine Erwachsene, sagte Selenskyj.

Selenskis Antworten wurden jeweils mit Applaus und stehenden Ovationen quittiert.

Schon vor Beginn des Anlasses herrschte grosser Andrang vor dem grössten Hörsaal der Universität Zürich. Eingeladen wurde Selenski vom Europa-Instituts an der Universität Zürich, einem Kompetenzzentrum für Europarecht und Anbieter von juristischen Fortbildungsveranstaltungen.

Zum Gespräch durch langjährige Verbindungen

Im Publikum befanden sich auch der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr und alt Regierungsrat Markus Notter. Notter ist Präsident des Europainstituts.

Auf die Frage, wie es zu Selenskis Auftritt in Zürich kam, verwies das Europa-Institut auf langjährige Verbindungen zwischen einzelnen Dozenten des Instituts mit Universitäten in der Ukraine.

Seit Kriegsbeginn richtete sich Selenski immer wieder an ein internationales Publikum. Zuletzt sprach er am Mittwoch an der Harvard Universität in Cambridge an der Ostküste der Vereinigten Staaten.

(AZ/log)

Quelle: Aargauer Zeitung
veröffentlicht: 29. September 2022 19:46
aktualisiert: 29. September 2022 19:58