Während Omikron

Was passiert, wenn die Quarantäneregel aufgehoben wird?

Vroni Fehlmann, 28. Januar 2022, 10:42 Uhr
Die Wirtschaft bangt vor zu grossen Personalausfällen, weil wegen der hohen Infektionszahlen auch viele Menschen in Quarantäne müssen. Es kamen deshalb schon Forderungen, die Quarantäne bei Kontaktpersonen von Infizierten ganz zu streichen. Was das bedeuten würde, hat die Task Force bereits untersucht.
Schweizerinnen und Schweizer müssen derzeit fünf Tage in Quarantäne, wenn sie engen Kontakt mit einer infizierten Person hatten.
© IMAGO / Rolf Kremming

Es ist eine Gratwanderung, die die Schweiz derzeit geht. Zwar sind die Infektionszahlen so hoch wie noch nie in der Pandemie, die Massnahmen hingegen nicht so streng wie auch schon. Denn es geht nicht um Ansteckungen, sondern um Hospitalisationen. Hat es im Gesundheitssystem noch Kapazität, werden die Einschränkungen nicht verschärft. Trotzdem gilt noch immer: Infizierte müssen mindestens fünf Tage in Isolation. Wer engen Kontakt mit ihnen hatte und nicht geimpft oder die letzte Impfung vor mehr als vier Monaten gemacht hat, muss fünf Tage in Quarantäne. Und genau das macht der Wirtschaft sorgen. Bei derart hohen Fallzahlen müssen entsprechend viele Mitarbeitende auch in Quarantäne und fehlen in den Firmen. Es ist also nicht verwunderlich, dass bereits Forderungen laut wurden, die Quarantäneregel abzuschaffen. Doch was würde das bedeuten? Die National Covid-19 Task Force des Bundes hat sich mit dieser Frage beschäftigt.

Ausgangslage

Die aktuelle Corona-Situation ist schwer einzuschätzen. Gemäss der Task Force hat sich der Anstieg der bestätigten Fälle in den letzten drei Wochen zwar verlangsamt, bei den Hospitalisationen herrscht aber eine grosse Unsicherheit. «Es lässt sich nicht bestimmen, ob die Zahl der neuen Hospitalisationen pro Tag aktuell zu- oder abnimmt», heisst es im neusten Bericht. Dies, weil die Meldungen verzögert einträfen. Die Zahl, die das BAG tagtäglich veröffentlicht, entspreche rund 65 Prozent der tatsächlichen Spitaleintritte an diesem Tag. Trotzdem gehe die Belegung der Intensivstationen zurück. Dies auch deshalb, weil viele ältere Menschen und Risikopatienten dank der Doppelt- oder Dreifach-Impfung gut geschützt seien.

Gemäss dem BAG sind derzeit 107'653 Personen in Isolation und 68'399 Personen in Quarantäne (Stand: 27. Januar). Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung und Symptomen, bei Omikron mit rund drei Tagen etwa einen Tag kürzer ist als bei Delta. Die Virusmenge dürfte zudem geringer sein, weshalb auch die Infektiosität rund ein Tag kürzer ist – man ist also weniger lang ansteckend.

Wirtschaftliche Folgen

Bereits kam es bei einzelnen Firmen zu Einschränkungen, weil Personal fehlte, das in Quarantäne oder Isolation sass. Eine Pandemiewelle, wie wir sie derzeit erleben, zieht eine Reduktion der Gesamtwertschöpfung zwischen rund 900 Millionen und 2,3 Milliarden Franken nach sich, wie Berechnungen der Task Force zeigen. Würde die fünftägige Quarantäne abgeschafft, würde sich der Verlust noch auf 800 Millionen bis 2,1 Milliarden Franken belaufen – jedoch nur, wenn sich an den Fallzahlen nichts ändern würde – was unrealistisch ist. Dennoch würde sich die Spannbreite des Verlusts bei einer Zunahme der Reproduktionsrate um drei Prozent nur geringfügig ändern. Voraussetzung dafür ist, dass die Spitäler nicht an ihre Grenzen stossen und keine anderen Massnahmen nötig würden.

Auch wenn 30 bis 45 Prozent der Unternehmen aus allen Branchen über Beeinträchtigungen der Verfügbarkeit von Personal berichten, ist das nicht das Hauptproblem. Die Engpässe bei Waren, Betriebsmitteln und Vorräten bleiben das «wichtigste Hindernis», kommt die Task Force zum Schluss. Die Umsatzeinbussen wegen Personalausfällen halten sich bisher in Grenzen. Nur acht Prozent von 600 befragten Unternehmen hatten einen Umsatzrückgang wegen pandemiebedingter Arbeitsausfälle. Und dieser Rückgang beträgt bei allen rund ein Prozent.

Gesellschaftliche Folgen

Die Task Force hat herausgefunden, dass die Menschen vermutlich ihre Bewegungen freiwillig einschränken. Dies aufgrund der Unsicherheit wegen hoher Fallzahlen und grosser Dunkelziffer. Die Experten vermuteten in ihrem Bericht von vor zwei Wochen, dass die Menschen ihre Bewegungen auch deshalb eingeschränkt haben, weil die Quarantänedauer damals noch zehn Tage betrug. Da überlegte man sich dann doch zweimal, ob man sich wirklich mit anderen Menschen treffen will oder sich in grössere Personenansammlungen wagen sollte. Mit der Verkürzung der Zeit auf fünf Tage könnte diese Vorsicht abnehmen.

Da mittlerweile auch weniger Kontakte tatsächlich in Quarantäne müssen – aktuell sind dies nur Personen aus dem gleichen Haushalt oder mit engem Kontakt, die nicht geboostert sind – hätte eine Abschaffung der Quarantäne wahrscheinlich aber nicht allzu grosse Auswirkungen auf die Infektionszahlen. Eine einfache Abschätzung zeige, «dass vor allem die Quarantäne bei der aktuell hohen Inzidenz nur einen kleinen Teil der Ansteckungen reduziert», schrieb die Task Force im Bericht vom 11. Januar. Trotzdem warnt sie: «Eine mögliche Verkürzung von Isolation und Quarantäne oder eine Aufhebung der Quarantäne in manchen Situationen wird tendenziell zu einer Erhöhung der Ansteckungen beitragen. Deshalb bietet es sich an, zeitgleich mit möglichen Anpassungen der Isolations- und Quarantänebedingungen andere Anstrengungen zu treffen, um die Geschwindigkeit zu reduzieren, mit der die Ansteckungen in der Schweiz zunehmen.» Wichtig sei etwa, Infizierte so schnell wie möglich zu isolieren.

Sinn hängt auch von Fallzahlen ab

Dennoch macht die Quarantäne- und Isolationsdauer laut der Task Force je nach Höhe der Fallzahl nicht immer gleich viel Sinn. Ein Beispiel: Die Infektiosität nimmt mit der Zeit ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand acht Tage nach Beginn der Symptome noch ansteckend ist, liegt bei rund 10 Prozent. Sind die Falllzahlen hoch, macht eine lange Isolationszeit weniger Sinn. «In einer Situation, in der rund 10 Prozent der Gesamtbevölkerung infektiös sind, gibt es keinen Grund, diese Person noch länger in Isolation zu behalten – von ihr geht kein grösseres Infektionsrisiko aus als von den anderen Menschen.» Somit könnten dann auch Isolation und Quarantäne verkürzt werden. Hinzu kommt das Kosten-Nutzen-Verhältnis des Contact Tracings: «In einer Situation mit tiefer Inzidenz, in der eine grössere Zahl Kontakte schnell identifiziert werden kann, ist der Nutzen von Kontaktverfolgung und Quarantäne potenziell viel grösser.»

Welche Auswirkungen also eine Aufhebung der Quarantänepflicht hätte, hängt nicht zuletzt auch von jedem und jeder einzelnen ab. Eine Prognose ist damit besonders schwierig.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 28. Januar 2022 07:04
aktualisiert: 28. Januar 2022 10:42
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