«Schweiz Tipp»

Wenn Männer mit Leitern durch Zug rennen, ist wieder «Chriesisturm»

Manuel Wälti, 20. Juni 2022, 09:35 Uhr
Seit fast 400 Jahren findet im Juni der Zuger «Chriesimärt» statt. Gleichzeitig gibt es ein spektakuläres Rennen durch die Altstadt. Was heute Spass ist, war früher bitterer Ernst.
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Quelle: SDA / Archivbeitrag vom 26.06.2017

Wenn um Punkt 12 Uhr die Glocken der Kirche St. Michael in Zug läuten, ist das der Startschuss für ein einmaliges Rennspektakel durch die Zuger Altstadt. Bei der Liebfrauenkappelle starten genau um diese Uhrzeit die Zweierteams der Männer. Dabei tragen sie acht Meter lange Leitern mit sich, die sogenannten «Chriesihögglä».

Neben dem Leiterrennen gibt es auch ein Huttenrennen. Dort tragen Frauen Körbe auf dem Rücken. Am Schluss findet auch ein Rennen für Kinder statt, die mit kürzeren Leitern unterwegs sind. Die Leitern und Körbe haben die Männer, Frauen und Kinder aber nicht aus Spass dabei, sondern das beruht auf einer alten Tradition.

Der «Chriesisturm» war bitterer Ernst

Was heute den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel Spass bereitet, war früher bitterer Ernst. Das zeigt eine Nacherzählung dieses Brauchtums aus dem Jahr 1886, welche in der «Neuen Zuger Zeitung» abgedruckt wurde.

Wenn im Frühsommer die Kirschen reif waren, wurde um 12 Uhr Mittag die grösste Glocke der Kirche St. Michael eine Viertelstunde lang geläutet. Damit wurde der traditionelle «Chriesisturm» gestartet. Alle Zugerinnen und Zuger durften mit «Chriesihögglä» (Leiter), «Chrätten» (Handkorb) und «Hutten» (Korb am Rücken) ausgerüstet auf die Allmend rennen, um dort selber Kirschen zu pflücken. Ein grosser Teil der Zuger Allmend war mit Kirschbäumen bestückt, die allen Stadtzuger Bürgern gehörten.

Manch einer begann als Training schon Tage vor dem Rennen bereits um 11 Uhr mit dem Mittagessen, um am Mittag parat zu sein. «D’Chriäsigloggä lüütet, dä Chriäsisturm god lous!», tönte es einmal im Jahr lautstark durch die Gassen der Stadt, und auf der Allmend wurde heftig um die prächtigsten Bäume und süssesten Kirschen gestritten.

Es war übrigens strikte verboten, schon vor dem Geläut Kirschen zu pflücken. Die Stadt Zug verpflichtete «Chriesiwächter», die in den Wochen vor der Kirschreife auf der Allmend Tag und Nacht Wache hielten. Kirschendiebe wurden mit einer Busse belegt oder ins Zytturm-Gefängnis gesperrt.

Kirchenglocken erinnern an die Eröffnung des «Chriesimärts»

Dank einer Interessengemeinschaft, die sich ganz der Förderung der Zuger Kirschen verschrieben hat, erklang 2008 nach langer Zeit zum ersten Mal wieder die Zuger Chriesigloggä. Wie einst läutet die Glocke seither jedes Jahr den Start der Zuger «Chriesisaison» ein und erinnert die Bevölkerung auch an die Eröffnung des «Chriesimärts» auf dem Landsgemeindeplatz.

Dieses Jahr ist es am 20. Juni wieder so weit. Nach den Rennen findet nachmittags der traditionelle Zuger «Chriesimärt» statt, wo die Zuger Bauern ihre erntefrischen «Chriesi», welche erst am Morgen gepflückt wurden, und auch «Chriesispezialitäten» (Kirsch, Kirschtorte, «Chriesiwürste» und zahlreiche weitere Spezialitäten) verkaufen.

Und wer ganz gut aufpasst, entdeckt beim Schlendern an den Mauern der Altstadthalle angebrachte Leitern. Diese sollen das ganze Jahr hindurch an die Zuger «Chriesitradition» erinnern – die älteste gelebte Kirschenkultur der Schweiz.

Quelle: ArgoviaToday / Travelcontent
veröffentlicht: 15. Juni 2022 13:46
aktualisiert: 20. Juni 2022 09:35
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