Identitäre Bewegung

Wer ist der Rechtsextremist Martin Sellner?

18.03.2024, 21:22 Uhr
· Online seit 18.03.2024, 16:06 Uhr
Am Samstag hat die Aargauer Kantonspolizei ein Treffen der rechtsextremen Gruppierung «Junge Tat» in Tegerfelden aufgelöst. An der Veranstaltung waren rund 100 Personen – darunter auch der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner. Doch wer ist Sellner und was verfolgt er?
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Am Samstagnachmittag wollte der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner im kantonalen Weinbaumuseum in Tegerfelden auf einer Veranstaltung der «Jungen Tat» eine Rede halten. Die Kantonspolizei Aargau löste den Anlass mit rund hundert Personen kurzerhand auf und wies den Gastredner aus dem Kantonsgebiet aus.

Quelle: CH Media Video Unit / Video vom 17. März 2024

Der Rechtsextremist Sellner ist mittlerweile nicht mehr nur in Österreich bekannt. Doch wer ist eigentlich Martin Sellner und welches Weltbild vertritt er? Am 8. Januar 1989 in Wien geboren, wuchs er in der Nähe der österreichischen Hauptstadt auf. Sellner ist kein Neonazi im klassischen Sinn. So trägt er keine Jacke von Thor Steinar, eine Glatze oder Springerstiefel, sondern ist stets modern gekleidet.

Erste Schritte in der Neonazi-Szene

Bereits als Jugendlicher schloss er sich der Neonazi-Szene an. Das erste Mal polizeilich aufgefallen ist Sellner, als er 2006 gemeinsam mit einer anderen Person Hakenkreuz-Aufkleber an der Synagoge in Baden bei Wien angebracht hatte. In der rechtsextremen schlagenden Verbindung Wiener akademische Burschenschaft Olympia wurde er während seines Philosophie-Studiums weiter politisch sozialisiert.

Mit 21 Jahren arbeitete er dann als Systemadministrator für den rechtsextremistischen Blog alpen.donau.info. Der Betreiber war der österreichische Holocaustleugner Gottfried Küssel, der auch gleichzeitig als Sellners Mentor fungierte. Küssel wurde im Januar 2013 als Initiator der Website wegen NS-Wiederbetätigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. 2019 wurde der rechtsextreme Publizist Küssel aus der Haft entlassen. Sellner wurde indes verschont.

Gegenüber dem Magazin «Zeit Campus» erklärte Sellner, bis etwa 2011 Neonazi gewesen zu sein und bezeichnete diese Zeit später als «Jugendsünde».

Nächster Schritt: Identitäre Bewegung

Martin Sellner war massgeblich an der Gründung der Identitären Bewegung (IB) in Österreich beteiligt. Ab dem Jahr 2013 trat Martin Sellner dann als deren Sprecher in Erscheinung. Diese vertreten laut der Bundeszentrale für politische Bildung die Theorie des Ethnopluralismus, «welcher Ethnien nicht nach biologischen Kriterien, sondern nach Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis definiert.» Sie vertreten klassische islamfeindliche, rassistische und demokratiefeindliche Positionen. Diese werden popkulturell aufbereitet und auch mit provokanten Aktionen verbreitet. Die Grenzen des Sagbaren sollen immer weiter verschoben werden und Rechtsextremismus gesellschaftsfähig werden. Als Vorbild diente der französische «Bloc Identitaire» als auch die italienische neofaschistische Gruppierung «CasaPound».

Posterboy der Neuen Rechten

Es dauerte nur wenige Jahre bis Sellner im deutschsprachigen Raum mehrere hundert, meist junge männliche Unterstützer mobilisieren konnte. Mit seinem Aussehen und seinem Auftreten vermittelt will er eine moderne Lebensweise, verbunden mit traditionellen Werten. Dazu zeigt er auf, dass sich diese beiden Positionen nicht unbedingt ausschliessen müssen. Mit adretter Kleidung, Undercut und Brille doziert Sellner auf Veranstaltungen und Demonstrationen und wirft mit alten faschistischen, rassistischen und xenophoben Parolen um sich. Sellner wird als Posterboy der Neuen Rechten stilisiert.

Die IB bekommt Aufschwung

Sellner fasste dabei schon sehr früh eine recht junge Zielgruppe für seine menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Ansichten ins Auge. Er gab seinen extremistischen Botschaften einen «modernen» Anstrich. 2016 bekam die Identitäre Bewegung mit ihrem führenden Kopf Sellner Auftrieb. So besetzen einige Mitglieder für wenige Minuten das Brandenburger Tor und entrollten Banner mit der Aufschrift «Remigration jetzt» und «Festung Europa».

Ein Jahr später, 2017, charterte die IB ein Boot mit der Aufschrift «Defend Europe» und versuchte auf dem Mittelmeer Geflüchtete daran zu hindern, nach Europa zu gelangen. Anschliessend verbreitete die Bewegung Videos der Aktion im Internet. Sellner soll dabei als einer der Initiatoren fungiert haben. Als die Migrationsdebatte in Österreich, Deutschland und der Schweiz etwas abflaute, wurde es auch um Sellner und die Identitäre Bewegung ruhiger.

Konto in der Schweiz? 

Am 15. März 2019 erschoss ein Terrorist in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen während ihres Gebets in zwei Moscheen. Nur kurz darauf zeigte sich, dass der Attentäter Sellner 1500 Euro gespendet hatte und auch via Email den Kontakt zum Österreicher unterhielt. Das Geld landete auf Sellners Postfinance-Konto in der Schweiz. Das Unternehmen sperrte das Konto, äusserte sich aufgrund des Bankkundengeheimnisses aber nicht zum konkreten Fall, wie «blick.ch» berichtet. Die österreichische Regierung verbot daraufhin das Symbol der Identitären, und Sellner wurde von mehreren Plattformen auf Social Media gesperrt. Seitdem prüft der österreichische Verfassungsschutz ein Verbot der IB.

Verbindungen zu Neonazis, Querdenkern und der AfD

Während der Corona-Pandemie tummelte sich Sellner bei den Demonstrationen der Querdenker und fabulierte über einen Zusammenhang zwischen Virus und Migration, wie der «Tagesspiegel» schreibt. Laut Sellner würden sich Zugezogene nicht an die geltenden Schutzmassnahmen halten. Die Ironie an der Aussage: Die IB selbst hatte an den Protesten gegen die Massnahmen teilgenommen.

Der Rechtsextremist aus Österreich ist in der Szene recht gut vernetzt. Seit 2015 ist er im Thinktank «Institut für Staatspolitik» des rechtsextremen Verlegers Götz Kubitschek aktiv, das vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als «gesichert rechtsextrem» eingestuft wurde. Er kennt demnach nicht nur die rechtsextremen Bewegungen in Deutschland und kumpelt mit der AfD, sondern pflegt auch zu Steve Bannon und zu Richard Spencer, einem einst bedeutenden Vertreter der Alt-right-Bewegung, der «Jungen Alternative», dem Jugendverband der AfD, guten Kontakt und eben auch zur «Jungen Tat» in der Schweiz. Dazu veröffentlicht er im Antaios Verlag, der Kubitschek gehört, Bücher wie zuletzt «Remigration. Ein Vorschlag». Und diese Ideen führten den Rechtsextremisten im vergangenen November nach Potsdam.

Sellner und AfD-Politiker diskutieren Vertreibungsplan

Im November 2023 sollen sich AfD-Politisierende, zwei CDU-Mitglieder, Mitglieder der Werteunion, Unternehmer und ein bekannter Rechtsextremer im deutschen Potsdam zu einem Geheimtreffen verabredet haben. Das zeigten Recherchen des Medienhauses «Correctiv». Dabei werde ein «Strategiekonzept im Sinne eines Masterplans» vorgestellt. Dieser Masterplan war offenbar die sogenannte «Remigration», also die Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland – darunter auch solche mit deutschem Pass. Diese sollen zur Auswanderung in ein nicht näher definiertes Land in Afrika gedrängt werden. Im Zentrum dieser Zusammenkunft stand wohl Martin Sellner.

Und plötzlich ist Martin Sellner wieder Thema: Grund dafür könnte auch das politische Klima sein. So will Donald Trump erneut US-Präsident werden, Putin hat sich bei der Präsidentenwahl in Russland durchsetzen können, Viktor Orbán hat in Ungarn die Demokratie bereits ausgeschaltet, in Italien wurde eine Ministerpräsidentin mit neofaschistischen Wurzeln gewählt und auch in Portugal gab es nach den Wahlen einen Rechtsruck. Zudem hat die AfD in Deutschland recht stabile Umfragewerte und in vielen liberalen Ländern sind Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. In so einer politischen Umgebung ist ein Typ wie Sellner gefährlich, weil durch seine Methoden Unsagbares wieder sagbar wird.

veröffentlicht: 18. März 2024 16:06
aktualisiert: 18. März 2024 21:22
Quelle: ArgoviaToday

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