Coronavirus

Widersprüchliche Ergebnisse: Haben Coronatests Probleme, Omikron zu erkennen?

Nico Conzett, 21. Januar 2022, 13:44 Uhr
Immer wieder treten widersprüchliche Testergebnisse auf. Hängt das mit der Omikronvariante zusammen? Zumindest bei einigen Schnelltests gibt es deutliche Zweifel an deren Sensibilität auf die neue Variante. PCR-Tests sind gemäss BAG hingegen nach wie vor sicher – dennoch gibt es auch bei diesen Fragezeichen.
PCR-Tests gelten gemäss BAG nach wie vor als die verlässlichste Möglichkeit, um das Coronavirus zu erkennen – es gibt jedoch den Verdacht, dass sie bei Omikron ebenfalls nicht gleich sicher sind.
© KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Ein negativer Antigen-Schnelltest, dann aber ein positiver PCR-Test. Oder umgekehrt. Dies wurde erst kürzlich für eine Aargauerin ziemlich teuer. Nach einem positiven Schnelltest wollte sie nämlich so schnell wie möglich Sicherheit haben und fuhr deshalb zum Flughafen Zürich. Dort gibt es das PCR-Testresultat bereits nach 45 Minuten, kostet aber 150 Franken. Umso ärgerlicher, dass der PCR-Test dann negaitv ausfiel. Der Widerspruch bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass eines von beiden Testergebnissen falsch ist. Doch weshalb kommt es zu diesen Resultaten?

Ein möglicher Erklärungsansatz: Die Omikronvariante hat einen Einfluss auf die fehlerhaften Testresultate, da gewisse Schnelltests weniger sensibel auf das veränderte Virus reagieren. Davon geht nämlich die US-Arzneimittelbehörde FDA aus. Erste Studiendaten würden belegen, dass gewisse Schnelltests Omikron zwar erkennen, jedoch weniger empfindlich darauf sind.

US-Behörde: Schnelltests sind wohl weniger empfindlich auf Omikron

Das heisst, unter Umständen erkennen diese Tests eine Infektion nicht in jedem Fall, beispielsweise wenn die Virenlast zu Beginn der Krankheit noch tief ist. Das kann dann falsch-negative Ergebnisse verursachen. Die Studien zur Wirksamkeit von Schnelltests sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Die US-Behörde FDA empfiehlt trotz der ersten Erkenntnisse weiterhin, Schnelltests durchzuführen. Wegen der verringerten Sensibilität sei es aber sinnvoll, sich bei Symptomen und einem negativen ersten Ergebnis nach einiger Zeit ein zweites Mal testen zu lassen.

Auch in der Schweiz sind schlechte Schnelltests auf dem Markt

Das deutsche Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesamt für Arzneimittel, hat die in Deutschland vertriebenen Schnelltests bereits einmal auf die Deltavariante überprüft. Das Fazit: Von 122 in Deutschland vertriebenen Tests erkannte die Mehrheit das Coronavirus zuverlässig. 26 Tests schnitten jedoch ungenügend ab. Mindestens jede vierte Infektion wurde mit diesen Tests übersehen.

Ein Blick auf die Zulassungsliste des BAG zeigt, dass von den ungenügenden Tests durchaus auch einige in der Schweiz verwendet werden. Die Tests, die in der deutschen Studie am schlechtesten abschnitten – teils erkannten sie nicht eine einzige Infektion – sind aber nicht auf der BAG-Liste zu finden.

Wie die Sensibilität bei der Omikronvariante aussieht, ist noch unklar. Erst kürzlich nahm das Paul-Ehrlich-Institut entsprechende Untersuchungen dazu auf. Stand heute gehen die Experten davon aus, dass sich die Verlässlichkeit in ähnlichem Rahmen bewegt, wie bei der Deltavariante.

BAG geht aktuell von keinem Unterschied zwischen Omikron und Delta aus

Das BAG stützt sich ebenfalls auf den Status quo der wissenschaftlichen Einschätzungen. Auf Anfrage von FM1Today schreibt Mediensprecher Jonas Montani: «Im Vergleich der Varianten Omikron und Delta wird aktuell von keiner grösseren Fehlermarge bei den Schnelltestresultaten ausgegangen, welche die Teststrategie beeinflussen würde.» Gebe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Lokalisation von Omikron, so würden diese in eine angepasste Teststrategie einfliessen.

Dass es zu fehlerhaften Resultaten kommen kann, ist gemäss Montani aber dennoch möglich. Ein Grund dafür können menschliche Fehler sein: «Die Zuverlässigkeit eines Testergebnisses ist insbesondere auch von der Art und Weise und der Zuverlässigkeit der Probeentnahme sowie der Handhabung der Probe abhängig», so Montani. Wegen der enorm hohen Fall- und damit Testzahlen ist der Druck auf die Labore derzeit gewaltig. Dass somit die Fehlerfrequenz höher sein kann, ist nachvollziehbar.

Falsch-positive Resultate sind möglich – aber selten

Ebenfalls relevant sei der aktuelle pandemische Kontext, erklärt Montani und veranschaulicht das an einem hypothetischen Beispiel: «Verwendet man Antigen-Schnelltests auf einer Insel ohne jegliche Zirkulation von Covid-19, würden einzelne getestete Bewohnerinnen und Bewohner der Insel mit einem Schnelltest positiv getestet werden, beispielsweise in einem von 300 Fällen. Hier würden alle positiven Testergebnisse falsch-positiv sein, da das Virus ja gar nicht existiert. Testet man hingegen bei der aktuellen Situation in der Schweiz 300 symptomatische Personen mit einem Antigen-Schnelltest, sind davon jeweils etwa ein Drittel, also 100 Personen, tatsächlich infiziert. In derselben Menge getesteter Personen würde durchschnittlich ein falsch-positives Ergebnis erwartet werden.» Daher sei es aktuell äusserst wahrscheinlich, dass man in der Schweiz bei einem positiven Testergebnis eines Antigen-Schnelltests auch tatsächlich infiziert ist.

In der Schweiz wurden seit dem 5. Januar 2022 gemäss den Statistiken des BAG 212'139 Antigen-Schnelltests durchgeführt. 28,9 Prozent davon fielen positiv aus, das entspricht ungefähr 61'300 Tests. Wendet man die Massstäbe aus dem fiktiven BAG-Beispiel an, so wären rund 700 Tests seit dem 5. Januar falsch-positiv. Wohl aufgrund dieses ungefähren Verhältnisses hat das BAG kürzlich entschieden, dass man bei einem positiven Schnelltest nicht mehr zwingend einen PCR-Test machen muss.

St.Galler Kantonsärztin: «Verdachtsmomente» auch bei PCR-Tests

Und falls man trotzdem ganz sicher gehen möchte, gibt es nach wie vor die Möglichkeit, einen PCR-Test durchzuführen, welcher immer noch als «Goldstandard» in der Corona-Diagnostik gilt. Zumindest beim BAG: «PCR-Tests sind ausserordentlich zuverlässig. Das gilt sowohl für die Delta- als auch für die Omikron-Variante», sagt Montani.

Skeptischer äussert sich die St.Galler Kantonsärztin Danuta Zemp gegenüber FM1Today: «Es ist noch nicht erhärtet, aber der Verdacht ist da, dass die Nachweismethoden nicht ganz übereinstimmend sind.» Man könne dazu aber noch keine abschliessende Aussage machen.

Dass Omikron mitverantwortlich ist, kann nicht ausgeschlossen werden

Sollten sich die Verdachtsmomente erhärten, wäre das durchaus kritisch, weil PCR-Tests wie erwähnt bisher als äusserst sicher galten.

Abschliessend lässt sich also festhalten: Dass Omikron für widersprüchliche Testergebnisse verantwortlich ist, kann nicht ausgeschlossen werden. Auch wenn die Forschung aufgrund ihrer bisherigen, wenig aussagekräftigen Ergebnisse nicht davon ausgeht.

Klar ist hingegen, dass die Qualität einiger Schnelltests auf dem Markt ungenügend ist und dass fehlerhafte Ergebnisse ohnehin immer auftreten können. Nämlich dann, wenn im Auswertungsprozess menschliche Fehler gemacht werden.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. Januar 2022 06:13
aktualisiert: 24. Januar 2022 06:13
Anzeige