Heimspiel! Die Fankolumne

Der FC Aarau zwischen Himmel (2:0) und Hölle (3:3)

Reto Fischer, 24. Oktober 2022, 11:25 Uhr
In der Serie «Heimspiel!» diskutieren eingefleischte FCA-Fans, was sie im Brügglifeld neben dem Resultat sonst noch bewegt hat: Frei Schnauze, ungefiltert, frisch von der Leber. Heute mit Reto Fischer.
Die ersten 44 Minuten verliefen durchaus akzeptabel. Danach hats aber «gräblet» – leider auf beiden Seiten.
© freshfocus/Claudio De Capitani
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Nach dem letzten Heimspiel gegen Bellinzona schrieb Tobias Buri an dieser Stelle von der sogenannten Brügglifeld-Routine, ganz nach Miss Sophie's Silvestermotto: «Same procedure as every year, James.» Eine Routine liess sich gestern gegen Xamax vorderhand nicht erkennen, denn die Akteure waren durchaus bemüht und auf Wiedergutmachung aus.

Dafür lief es irgendwie auf eine Art Nonchalance (fr. Nonchalance = dt. Lässigkeit, Formlosigkeit, Unbekümmertheit, Unbeschwertheit) hinaus. Schliesslich hiess der sonntägliche Gegner ja «nur» Xamax, ein aktuell verlässlicher Punktegarant in der Pizza-Liga, ein guter Bekannter aus unserer Partnerstadt Neuenburg, der vor seinem Auftritt im Brügglifeld mit einer Handvoll Punkten bereits ziemlich abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz klassiert war.

«Sit ehr bereit für nes Fuessballfescht?»

Sprich: Alles war angerichtet, die Schmach gegen Bellinzona wettzumachen. Ein kurzer Blick auf das Matchblatt machte zusätzlich Mut: Vladi wieder so fit, dass er zumindest auf der Ersatzbank Platz nehmen konnte. Und Shkelzen Gashi in der Startaufstellung. Läuft bei uns! Die Sonne schien und das Heimpublikum war am arbeitsfreien Sonntagnachmittag guten Mutes – kurz: «Sit ehr bereit für nes Fuessballfescht?» (Zitat Dani Snöff und DJ Römer). Ja, waren wir.

Die ersten 44 Minuten verliefen durchaus akzeptabel. So richtige Torchancen waren auf beiden Seiten zwar keine zu erkennen, trotzdem hätte man als neutraler Zuschauer den FC Aarau nach der ersten Halbzeit als Sieger nach Punkten notiert. Hätte... Aber da war ja zum Glück noch unser frisch frisierter Routinier Gashi: Bäääm, kurz vor der Pause 1:0 für den FCA. Halbzeit-Tee und in der 49. Minute Bäääm, nochmal die Tormaschine Gashi und 2.0 für uns.

Auf den Stehplätzen schrillten die Alarmglocken

Match gelaufen, drei Punkte für uns, Sonntag abgebucht, mit Glücksgefühlen in die neue Woche und heute Montag in der Znünipause vor den Kollegen «blöffe», dass man gestern beim souveränen FCA-Sieg live im Stadion war. So schön hätte es sein können. Aber da war sie wieder, diese eingangs erwähnte Nonchalance. Dieses «Wir-führen-ja-2:0-und-das-wars-dann»-Getue. Dass die Spieler auf dem Platz so reagieren, kann ich irgendwie nachvollziehen. Jeder und Jedem von uns würde es vielleicht ähnlich ergehen, wenn der Aufwand der ersten Halbzeit belohnt wird, vor der Pause das wichtige 1:0 fällt und man gleich nach dem Break das zweite Tor nachlegen kann. In so einem Moment darf man als Kicker durchaus kurz durchschnaufen.

Bloss, bei den ganz vielen engagierten Menschen an der Seitenlinie und auf der Bank müssten genau in einem solchen Moment doch sämtliche Alarmglocken schrillen. Auf den Stehrampen hat es geschrillt. Lautstark. «De Keller söll jetzt de Cvetković bringe!» war in der Totomat-Kurve zu hören. Die Verteidigung stärken und die drei Punkte auf Teufel komm raus sichern, war die einhellige Meinung.

Finger use und Hopp Aarau!

Nun, es kam anders und Xamax schoss aus dem Nichts zwei Tore. Bäääm! Bäääm! 2:2 und die Rufe nach Vladi wurden laut. «Eine wo sie macht, eifach uf tutti go jetzt. Los Keller, Offensive iwächsle». Keller hat gewechselt und es hiess nach 68. Minuten 3:2. Gefühlt wars das dann: Match gelaufen, drei Punkte für uns, Sonntag abgebucht. Zum Zweiten. Aber der FC Aarau wäre nicht der FC Aarau, wenn wir nicht beinahe jeden bislang erfolglosen Gegner (Xamax bis gestern Mittag: 12 Spiele, 5 Punkte) aufbauen würden. Und so kam es dann auch gestern, wie es kommen musste. In der 85. Minute schoss Ouattara den Ausgleich. Die Stimmung innert Minutenfrist am Allerwertesten, einige Pfiffe beim Spielschluss und ansonsten ganz viele lange Gesichter nach den 90 Minuten Krampf.

Der Aufstieg soll die Devise für diese Saison sein, aber irgendwie scheint aktuell allen klar zu sein, dass es so nicht reicht. In unserer Totomat-Kurve wurde nach dem Schlusspfiff nicht einmal geflucht, niemand hat «Buh» gerufen, es war einfach nur ruhig. Keine Fragen mehr nach Vladi, Almeida oder Cvetković. Ernüchterung pur. Das fünfte Spiel in Folge ohne einen Sieg. Vielleicht braucht es in dieser Saison weder ein Sion, Vaduz oder Xamax, welches uns die Saison versaut. Vielleicht stehen sich dieses Mal einfach alle Beteiligten irgendwie selber im Weg. Vielleicht...

Vielleicht aber auch nicht.

Gopf! Los! Finger use und Hopp Aarau!

Und jetzt du: Was hat dir am Spiel besonders gefallen? Worüber regst du dich auch am Tag danach noch auf? Schreib es uns in die Kommentare!



Reto Fischer
Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 20. Oktober 2022 12:17
aktualisiert: 24. Oktober 2022 11:25