Nach Keller-Out

Keine Ausreden mehr: Jetzt steht die Mannschaft in der Verantwortung

Lorenz Barazetti, 2. November 2022, 12:30 Uhr
Mir stehen die (Nacken-)Haare zu Berge. Der FC Aarau trennt sich von Stephan Keller, nachdem die Spieler in einer geheimen Sitzung das Misstrauensvotum beschlossen hatten. Man hat sich auseinandergelebt, fair enough. Ab sofort gibt es aber keine Ausreden mehr. Jetzt muss jeder reissen.
Gemeinsam jubeln: Die Spieler haben es ab sofort selbst in der Hand, dass dieses Bild wieder alltäglicher wird. (Archiv)
Anzeige

Es war eine skurrile Situation am Dienstagvormittag im Bauch der Brügglifeld-Tribüne. Eine Stunde zuvor hatte der Club kommuniziert, dass Trainer Stephan Keller per sofort nicht mehr an der Seitenlinie des FCA stehen wird und Präsident und Sportchef nun den Medien für Interviews zur Verfügung stehen. Und dann standen der abgesägte Trainer und der eine oder andere Spieler plötzlich da, Keller grüsste freundlich, schüttelte die Hand. Er hatte sich eben erst von der Mannschaft verabschiedet.

Skurrile Szene im Tribünenbauch

Eine skurrile Szene deshalb, weil sie wieder einmal die Schnelllebigkeit des Fussballs aufzeigt. Beschweren sich Mitarbeitende über die mangelhafte Führung ihres leitenden Staatsanwalts wie in Zofingen-Kulm, wird der «Trainer» erst einmal in Sondertrainings geschickt und nach langem Hin und Her trotzdem zur Wiederwahl empfohlen. Das passiert im Fussball nicht. Am Sonntag teilten die Spieler der Clubführung das Misstrauensvotum gegen den Cheftrainer mit. Bereits am Dienstag ist Stephan Keller nicht mehr Trainer des FC Aarau.

Besonders stossend: Bereits am Montagabend spielte ein Spieler oder jemand aus dem Umfeld Maulwurf: Dass sich die Mannschaft mehrheitlich gegen Keller stellt, konnte man den Medien entnehmen.

Jetzt gibt es keine Ausreden mehr

Dass die Mannschaft und der Trainer «sich auseinandergelebt» haben, wie es Präsident Philipp Bonorand am Dienstag nannte – geschenkt. Dann muss die Führung reagieren. Und im schnelllebigen Fussball hat eine Mediation wohl keinen Platz. Die sechs nicht gewonnenen Meisterschaftsspiele erhöhen den Druck auf den selbsternannten Aufstiegskandidaten zusätzlich.

Aber: Das Drumherum zeugt nicht gerade davon, dass in dieser Mannschaft nur die richtigen, die reifen Leute ihren Platz finden. Der Gedanke, dass sich einzelne Spieler auch mit ihrer Leistung der letzten Wochen gegen den Trainer gestellt haben könnten, lässt mir die imaginären Haare zu Berge stehen. Sie würden damit das gemeinsame Ziel Aufstieg arg torpedieren.

Was man der Mannschaft lassen muss: Sie hat mit dem Votum Gesicht gezeigt. Sie nimmt sich damit ab sofort nämlich selbst in die totale Verantwortung. Sie muss jetzt auf dem Platz zeigen, dass der Entscheid richtig war, den Trainer auszuwechseln.

Und sie hat den Verantwortlichen die Entscheidung erleichtert, dass man ad subitum reagieren muss, statt zuzuwarten. Damit haben sich Präsident Bonorand und Sportchef Burki schwer getan. Schliesslich hat man den Weg mit Keller gemeinsam beschritten und nebst dem laufenden Meisterschaftsbetrieb auch andere Klubziele vorangetrieben. Die Verkäufe von Juwelen wie Randy Schneider, Donat Rrhudani und weiteren zeugt vom Wert Kellers in den letzten zweieinhalb Jahren.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 1. November 2022 16:39
aktualisiert: 2. November 2022 12:30