Kontroverse um Rasur

Deshalb sind Körperhaare bei Frauen noch immer ein Politikum

Olivia Eberhardt, 11. Mai 2022, 13:38 Uhr
Wenn die Temperaturen steigen, werden dicke Mäntel gegen luftige und kürzere Kleidung ausgetauscht. Für Frauen bedeutet dies nicht zuletzt, dass die Körperbehaarung entfernt werden muss. Ein Akt mit politischem Charakter.

Bis zu 27 Grad verspricht es diese Woche im Flachland zu werden. Das bedeutet auch: Dicke Wintermäntel wandern langsam aber sicher in den Keller und die kürzere Kleidung wird wieder hervorgeholt. Für Frauen heisst das: Die Haare an den Beinen müssen weg. Das merkt auch Melanie Stierli, Geschäftsführerin des Beauty Space am Zürcher Hauptbahnhof. So sei die Nachfrage nach Haarentfernung leicht gestiegen.

Bei der Schminkbar Zürich verrät man auf Anfrage, dass man bei steigenden Temperaturen zwar nicht vom einen auf den anderen Tag überrannt werde. Während den Sommermonaten führe man aber mehr Waxing-Behandlungen durch als im Winter.

Haare als politisches Statement

Wieso aber sind Haare an Frauenbeinen ein so kontroverses Thema? «Unser Körper steht immer mehr im Zentrum, auch als sichtbarer Marker unseres Geschlechts», erklärt Dominique Grisard, Historikerin und Expertin für Geschlechterwissenschaften an der Universität Basel. Die Debatte um Körperhaare werde deshalb schnell politisiert.

Schliesslich lernen wir schon als Kind, was sich gehört und was eben nicht. Dies ist Teil unserer Sozialisation. «Dass Frauen keine Haare an den Beinen und unter den Achseln zeigen sollten, wird ihnen schon früh auf den Weg gegeben» erklärt Grisard.

Ekel und Scham

Auch deshalb empfinden viele Frauen Ekel gegenüber der eigenen Körperbehaarung. Und: Die Ablehnung wird auch von aussen gespiegelt, von Frauen gleichermassen wie von Männern: «Auch Frauen sind Teil der Geschlechterordnung, Frauen verteilen durchaus mal massregelnde Blicke, wenn die Frau am Nebentisch mit unrasierten Beinen dasitzt», sagt Grisard.

Ganz generell ist es nie einfach, gegen den Strom zu schwimmen. So würden viele die Körperhaare nicht stehen lassen, weil sie die Kraft und die Energie schlicht nicht haben, sich zu exponieren und immer wieder aufs neue eine Debatte zu führen.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Dass die Körperbehaarung als politisches Statement wahrgenommen und interpretiert wurde, war aber nicht immer schon so. Grisard nennt das Beispiel von Nena, die Mitte der 1980er-Jahre ihre Achselhaare nicht entfernte. Was in Deutschland damals der Norm entsprach, galt in den USA und in Grossbritannien zu dieser Zeit als feministisches Statement.

Erkennen ist Teil der Anerkennung

Doch welchen Impact haben Bewegungen wie Januhairy, die Frauen ermutigen, ihre Körperhaare wachsen zu lassen? «Die Sichtbarkeit ist wichtig und kann zu mehr Akzeptanz führen», meint Grisard, fügt aber an: «In dieser Debatte gibt es noch viele Kräfte, die am alten Bild festhalten und mit der Haarentfernung nicht zuletzt Geld verdienen wollen.»

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 11. Mai 2022 07:26
aktualisiert: 11. Mai 2022 13:38
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