Alarmierend oder übertrieben?

Ich, 24, tätowiert - will rausfinden, ob Tattoos wirklich so gefährlich sind

Noëmi Laux, 4. Juli 2021, 10:54 Uhr
Tattoos: Sind sie so schädlich, wie Eltern, LehrerInnen und Studienergebnisse gerne suggerieren? Ein Tätowierer-Paar, eine Dermatologin und der stellvertretende Leiter vom Verbraucherschutz Aargau schildern mir ihre Sicht der Dinge.
Tattoos: Besser bleiben lassen oder gar nicht so gefährlich wie oft behauptet?
© ArgoviaToday

ChemikerInnen der Universität Graz haben gemeinsam mit ForscherInnen aus Schweden und Kanada mehr als 70 gängige Tattoofarben untersucht. Die Studie kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Neun von zehn Farben erfüllen nicht alle gesetzlichen Bestimmungen. In jeder zweiten Probe wurden falsche Pigmente nachgewiesen und mit Chrom und Nickel waren alle belastet (ArgoviaToday berichtete).

Krass, denke ich mir und schaue an meinen tätowierten Beinen runter. Tattoos habe ich einige. Gedanken darüber, dass die Farbe unter meiner Haut giftig sein könnte, habe ich mir bisher selten gemacht. Ist das leichtsinnig? Was bedeuten solche Studien, von denen es zahlreiche mit meist ähnlichen Ergebnissen gibt, für Tätowierte wie mich? Und: Kann ich mich trotzdem guten Gewissens weiter tätowieren lassen?

Mein erster Weg führt mich in ein Tattoostudio in Aarau (wenn auch nur telefonisch). Seit sechs Jahren betreiben Jones und Scarlett hier das «Heartgame Tattoo Art & Skin Beauty». In ihrem Studio entstehen nicht nur neue Tattoos, auch Tattooentfernung steht im Angebot. Mit Tattoofarben und schlechten Tattoos kennen die zwei sich also aus.

Im Gespräch wird schnell klar: Von zu vielen Kontrollen und Vorschriften halten sie nichts. «Eine gewisse Kontrolle ist schon gut», findet Scarlett. «Wenn prüfen, dann aber richtig», fährt sie fort. «Wie sich Tattoos oder gewisse Stoffe in der Farbe effektiv auf die Gesundheit auswirken, darüber gibt es so gut wie keine Studien.» Beispielsweise höre man immer wieder, dass Tattoos krebserregend seien, obwohl das bisher mit keiner Langzeitstudie bewiesen werden konnte. In einem Bericht vom Eidgenössischen Departement des Inneren EDI heisst es dazu lapidar: «Derzeit ist erst wenig darüber bekannt, was gewisse Farbpigmente und andere Zusätze in Tattoofarben im Körper auslösen können. Daten über eine Langzeitwirkung im Körper fehlen. Einzelne Stoffe weisen aber auf eine Gefährdung hin.»

Einheitliche Standards für mehr Transparenz

Auch Malgorzata Rylska, die in der skinmed Klinik Aarau als Dermatologin arbeitet, erzählt von PatientInnen, die mit unsauber gestochenen oder schlecht behandelten Tattoos ihre Praxis aufsuchen. Das Hauptproblem, so Rylska, sei eine fehlende, national geregelte Gesetzeslage über die Hygiene- und Materialvorschriften in Tattoostudios. Anders als Jones und Scarlett ist sie der Meinung, dass gerade strengere Auflagen und einheitliche, klar geregelte Standards «Ordnung in den Dschungel bringen», wie sie es nennt. «Der Markt muss reguliert und Hersteller dazu verpflichtet werden, alle Inhaltsstoffe genau zu deklarieren.» So könnte man auch viel effizienter prüfen, welche Stoffe sich tatsächlich wie auf die Gesundheit auswirken. Dass Tattoofarben in der Schweiz keine Bewilligung benötigen, kritisiert die Dermatologin ebenfalls.

Seriöse Studios in der Regel unbedenklich

Die Kontrolle über die Einhaltung von Hygienestandards unterliegt hierzulande den Kantonen. Claudius Gemperle ist stellvertretender Amtsleiter vom Verbraucherschutz Aargau und zuständig für die kantonalen Kontrollen der Tattoostudios. Grund zur Sorge sieht er im Moment jedoch keinen. Und das, obwohl die Beanstandungsrate bei Tattoofarben im Vergleich zu anderen Kosmetikprodukten hoch sei. «Das hat aber vor allem damit zu tun, dass wir gezielt Proben zur Untersuchung einschicken, bei denen wir schon einen Verdacht haben, dass sich unzulässige Stoffe in der Farbe befinden könnten.» Jährlich würden im Aargau rund fünf bis zehn Proben zur Untersuchung eingereicht. «Wer in ein seriöses Tattoostudio geht, das sein Material und die Farben in der Schweiz erwirbt, muss sich in der Regel keine Sorgen machen, mit unzulässiger Farbe tätowiert zu werden.»

Klar, dass sich auch Tätowierer Jones für die Tattoostudios ausspricht: «Das Problem sind nicht die Farben in den Studios, sondern, dass sich jede und jeder eine Tattoomaschine und Farbe im Internet bestellen und zuhause auf dem Sofa damit rumexperimentieren kann.» Das sei früher anders gewesen, ergänzt er: «Als ich vor neun Jahren mit dem Tätowieren angefangen habe, musste man den Nachweis der Selbstständigkeit angeben, um überhaupt Material zum Tätowieren kaufen zu können.»

Somit ist für mich klar: Das mit den selbstgestochenen Tattoos lasse ich in Zukunft bleiben. Bezüglich der Schädlichkeit von Tattoofarben bin ich aber – ehrlich gesagt – auch nach der Recherche für diesen Text nicht viel schlauer als vorher. Es ist schwierig, sich einen Überblick zu schaffen, was zulässig ist und was nicht - erst Recht für jemanden wie mich, die mit der Branche an sich wenig am Hut hat. Einheitliche Standards und klare Auflagen würden da bestimmt helfen. Ich verstehe aber auch das Gegenargument von Jones und Scarlett, dass es weitere Studien braucht, um zielführende und sinnvolle Gesetze zu machen.

Aber: Jedes Tattoo ist mit gewissen Risiken verbunden - egal, wie seriös der Tätowierer und wie sauber gestochen das Tattoo ist. Ob man dieses Risiko eingehen will, muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich werde mich weiterhin tätowieren lassen, in Zukunft aber sicher mehr auf das Material und die Hygienemassnahmen im Studio achten.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 4. Juli 2021 10:28
aktualisiert: 4. Juli 2021 10:54
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