Brauchen wir Süsses?

Das steckt hinter diesen sechs Zucker-Mythen

Riccardo Schmidlin, 6. Januar 2023, 14:59 Uhr
Seien es Früchte, Süssigkeiten oder Fertigprodukte mit Zuckerzusätzen: Die Lust auf Süsses ist uns angeboren und zuckerhaltige Lebensmittel sind in unserem Alltag omnipräsent. Um Zucker ranken sich viele Irrtümer und Halbwahrheiten. Wir bringen Licht ins Dunkle.
Wir schlüsseln die grössten Zucker-Mythen auf. (Symbolbild)
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1) Brauner Zucker ist gesünder als weisser Zucker

Nein, brauner Zucker ist nicht generell gesünder als das weisse Pendant. Oftmals wird Zucker nämlich lediglich braun eingefärbt. Dabei wird raffinierter Zucker aus Zuckerrüben erhitzt, um durch das Karamellisieren eine braune Farbe zu erhalten und einen karamellartigen Geschmack zu erhalten.

Brauner Zucker ist nicht gesünder als weisser Zucker.

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Zucker ist ebenfalls braun, wenn er statt aus Zuckerrüben aus Zuckerrohr hergestellt wird. Einen gesundheitlichen Vorteil hat die Zuckerrohr-Variante allerdings nicht. Wer mehr Nährstoffe beim Süssen seines Kaffees haben möchte, sollte Vollzucker aus Zuckerrüben oder Vollrohrzucker wählen. Diese sind im Gegensatz zu herkömmlichem Haushaltszucker nicht raffiniert, wodurch Mineralstoffe erhalten bleiben. Der gesundheitliche Vorteil dadurch ist allerdings minim.

2) Traubenzucker und Fruchtzucker sind gesünder als Haushaltszucker

Haushaltszucker wird in der Chemie als Saccharose bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Verbindung aus den Kohlenhydraten Glukose (umgangssprachlich auch Traubenzucker) und Fruktose (umgangssprachlich auch Fruchtzucker). Die beiden Einfachzucker unterscheiden sich stark: Während Traubenzucker direkt ins Blut fliesst, steigt beim Fruchtzucker der Blutzuckerspiegel nur wenig an.

Traubenzucker erhöht den Blutzuckerspiegel allerdings nur kurzfristig und nach dem anfänglichen Energieschub flacht der Spiegel wieder ab. Für einen langfristigen Effekt empfehlen Ernährungsberaterinnen und -berater daher Vollkornprodukte. Diese Kohlenhydrate wandelt unser Körper nämlich auch zu Glukose um. Allerdings geht dieser Prozess gemächlich voran, wodurch der Blutzuckerspiegel konstant ansteigt.

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, zwei Portionen Früchte pro Tag zu essen.

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Um Fruchtzucker rankt sich seit Langem der Mythos, dass er gesünder sei als Haushaltszucker oder Traubenzucker. Sein positives Image verleiht er den Früchten, in denen Fruktose auf natürliche Weise vorkommt. Früchte haben auch dank Ballaststoffen und Vitaminen einen positiven gesundheitlichen Effekt.

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, zwei Portionen Früchte pro Tag zu essen. Ein Überkonsum an Äpfel, Pflaumen, Bananen und Co. kann zu Blähungen und Bauchschmerzen führen. Der Körper kann Fruktose nämlich nur begrenzt aufnehmen. Wird Fruktose extrahiert und dann zum Süssen verwendet, hat diese keinen gesundheitlichen Vorteil. In grossen Mengen kann Fruktose sogar die Leber schädigen.

3) Wir können ohne Zucker nicht überleben

Die Antwort darauf ist ein klares Jein. Unser Gehirn braucht im Durchschnitt rund 130 Gramm Glukose am Tag, um funktionstüchtig zu sein. Dies kann unser Körper aber auch selbst herstellen, in dem er Stärke aufspaltet. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, drei Portionen Getreideprodukte, Kartoffeln und Hülsenfrüchte zu sich zu nehmen. Aus diesen zieht unser Körper dann die nötige Energie für den Tag.

Unser Körper kann Stärke aufspalten und den Traubenzucker für unser Gehirn herstellen.

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Ein Beispiel dafür, dass es auch komplett ohne Haushaltszucker und zugesetzte Zuckerzusätze geht, ist die deutsche TV-Moderatorin Anastasia Zampounidis. Seit 2006 verzichtet sie komplett auf Zucker und wirbt für die zuckerfreie Ernährung in Büchern, Vorträgen und Interviews. Durch den Verzicht habe sie «sehr viele» Vorteile, wie sie dem «Südkurier» verriet. So habe sie seither kaum noch Heisshungerattacken und ihre Haut sei jünger und reiner. Zudem falle es ihr einfacher, ihr Gewicht konstant zu halten.

4) Süssstoff ist keine gute Alternative

Hierzu ist die Datenlage noch unklar. Ingrid Toews vom Institut für Evidenz in der Medizin in Freiburg (Deutschland) analysierte 2019 im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 56 durchgeführte Studien zum Thema «Süssstoffe». Für eindeutige Ergebnisse sei es zu früh, heisst es im Fachjournal «BMJ». Bislang gebe es weder Anzeichen dafür, dass Süssstoffe wie Stevia, Aspartam oder Assugrin die Gesundheit positiv beeinflussen, noch dass diese Heisshungerattacken und Lust auf Süsses fördern.

5) Zucker macht dick

Zucker macht nicht prinzipiell dick. Die Gründe für die Gewichtszunahme sind vielfältig und von Person zu Person verschieden. Daher kann man keine allgemeingültige Aussage machen. Da es sich bei Zucker um Kohlenhydrate handelt, ist er reich an Kalorien. Nimmt man zu viele Kalorien zu sich, setzt der Körper Fett an. Dabei spielt es keine Rolle, aus welcher Quelle – ob aus Zucker oder Fett – die Kalorien stammen.

Zudem stimuliert Süsses unseren Gaumen. Insbesondere in vielen Fertigprodukten ist Zucker zugesetzt, so dass der Geschmack runder ist und wir womöglich zu viel konsumieren. Eine unausgewogene Ernährung kann Übergewicht fördern. Die WHO empfiehlt, nicht mehr als 50 Gramm Zucker täglich zu konsumieren.

6) Zucker macht süchtig

Dieser Mythos hält sich hartnäckig. Allerdings konnte dies bislang keine wissenschaftliche Untersuchung bestätigen. Zwar wird durch süsse Lebensmittel ähnlich wie bei Drogen unser Belohnungssystem aktiviert. Allerdings handelt es sich dabei eher um ein Lustempfinden als um eine Abhängigkeit, die dementsprechend auch mit keinen oder wenigen Entzugserscheinungen verbunden ist.

Vielmehr kann Zucker zu einer Gewohnheit werden, wie Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung gegenüber dem «Spiegel» erklärte. «Die Geschmacksnerven gewöhnen sich an das Süsse», so Klaus. Dies können sich die Nerven aber auch wieder abgewöhnen. Da viele in Stresssituationen in der Tendenz mehr Zucker konsumieren, kann die Abgewöhnung einem ziemlich schwerfallen. «Vermutlich sendet das Gehirn entsprechende Signale aus, dass mehr Energie benötigt wird», so die Ernährungsforscherin.

Quelle: BärnToday
veröffentlicht: 9. Januar 2023 11:55
aktualisiert: 9. Januar 2023 11:55