Evolutionsbiologie

Schimpansen erlernen Werkzeug-Gebrauch von Artgenossen

24. Januar 2022, 17:05 Uhr
Schimpansen haben ihren komplexen Werkzeug-Gebrauch entwickelt, indem sie von Artgenossen lernten und Wissen weitergaben. Darauf deutet eine Studie hin, die damit einer umstrittenen These Vorschub verleiht – und Menschen den Schimpansen erstaunlich ähnlich macht.
Ein Schimpanse, der in den Wäldern der Nimba-Bergkette lebt.
© Anthropologin Kathelijne Koops

Menschen haben eine Kultur, die sich ständig weiterentwickelt und immer effizienter und komplexer wird. Viele der Errungenschaften sind dem sogenannten kumulativen Kulturprozess zu verdanken – der Fähigkeit, Wissen von einer Generation an die nächste weiterzugeben, es zu erweitern und zu vertiefen. Noch ist in der Fachwelt umstritten, ob dieser kumulative Kulturprozess nur den Menschen eigen ist oder nicht.

Eine Studie unter Leitung der Primatenforscherin und Anthropologin Kathelijne Koops von der Universität Zürich deutet nun darauf hin, dass Schimpansen tatsächlich auch kulturelle Errungenschaften kumulieren könnten. Dies schliessen die Forschenden aus Beobachtungen von wildlebenden Schimpansen in den Wäldern der Nimba-Bergkette im Südosten Guineas. Von den Erkenntnissen berichten sie im Fachmagazin «Nature Human Behaviour».

Keine Anzeichen von Innovation

In Feldexperimenten legten Koops und ihre Kollegen den Schimpansen geschlossene sowie bereits geöffnete Nüsse vor. Ebenfalls präsentierten sie ihnen Steine, die zwei in der Nähe lebende Schimpansengemeinschaften zum Knacken von Nüssen verwenden. Mit Kamerafallen erfassten die Forschenden anschliessend während mehr als einem Jahr, ob sich auch die Nimba-Schimpansen die Nussknack-Technik aneignen - also ob das blosse Präsentieren von Nüssen und Steinen ausreicht, um Innovation hervorzubringen.

Doch es zeigte sich: «Obwohl sich die Schimpansen zunächst durchaus für die Nüsse und Werkzeuge interessierten, verloren sie relativ schnell das Interesse und widmeten sich wieder der Fellpflege ihrer Artgenossen», sagte Koops im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Keines der Tiere versuchte demnach, eine Nuss mit den Steinen zu knacken. Und zwar unabhängig von den jahreszeitlich verfügbaren Mengen an anderen Nahrungsmitteln wie Ameisen, reifen Früchten und Blättern.

Nussknacken wohl verlernt

Nur sechs Kilometer entfernt leben Schimpansen, die ständig Nüsse knacken – die Bossou –Gemeinschaft. Weil die Nimba-Schimpansen bis vor nicht allzu langer Zeit noch einen Genfluss mit diesen Schimpansen unterhielten, schliessen die Forschenden aus, dass die genetische Veranlagung für das Nussknacken fehlen würde. Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass das Nussknacken in den Wäldern der Nimbas ausstarb, weil es dort schlicht nicht viele Nüsse zu knacken gebe.

So faszinierend der Werkzeuggebrauch bei Schimpansen und anderen Menschenaffen ist, so kommen sie doch nicht über simple Techniken hinaus. Anders als es der Mensch geschafft hat. Koops geht davon aus, dass das blosse Beobachten von Artgenossen bei immer komplexer werdenden Techniken nicht mehr ausreicht, um Wissen zu akkumulieren. «Beispielsweise half den Menschen die Sprache, ihr Wissen gezielter an andere weiterzugeben», so die Forscherin.

Dennoch: Beruhend auf den Studienergebnissen sei es sehr wahrscheinlich, dass Schimpansen zumindest die Grundzutaten für kumulative Kulturprozesse besitzen würden und diese nicht dem Menschen vorbehalten seien.

Quelle: sda
veröffentlicht: 24. Januar 2022 17:05
aktualisiert: 24. Januar 2022 17:05
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