Kunst in der Kritik

Erneut Antisemitismus-Vorwürfe gegen documenta fifteen

23. Juni 2022, 12:35 Uhr
Kurz nach der Eröffnung der documenta fifteen fachen neue Vorwürfe die seit Monaten schwelende Antisemitismus-Debatte um die Schau in Deutschland weiter an. Das stark kritisierte Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wurde anschliessend abgedeckt.
Die alle fünf Jahre stattfindende documenta gilt neben der Biennale in Venedig als wichtigste Präsentation für Gegenwartskunst – und kämpft immer wieder mit Antisemitismus-Vorwürfen.
© Keystone/dpa/Swen Pförtner

Nach dem Antisemitismus-Eklat um ein grossformatiges Banner bei der documenta fifteen werden die Rufe nach Konsequenzen lauter. Nach der Absage von Bundeskanzler Olaf Scholz wächst auch von anderen Seiten der Druck auf die Chefin der Weltkunstschau documenta. Im Antisemitismus-Eklat werden Rücktrittsforderungen gegen Generaldirektorin Sabine Schormann laut. Entsprechend äusserte sich etwa die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Schormann hat unterdessen eine Untersuchung der Kasseler Ausstellung auf «weitere kritische Werke» angekündigt. Kanzler Scholz bezeichnete den Gegenstand des Skandals, das Kunstwerk von Taring Padi, über eine Sprecherin als «abscheulich». Er werde die documenta fifteen nicht besuchen..

«Es ist nicht Aufgabe der Geschäftsführung, alle Werke vorab in Augenschein zu nehmen und freizugeben», sagte Schormann. «Das würde dem Sinn der documenta widersprechen.» Es könne daher auch nicht sein, die Kunst beispielsweise einem Expertengremium im Vorfeld zur Freigabe vorzulegen. Dies sei eine Kernaufgabe der Künstlerischen Leitung.

Olaf Scholz zieht Konsequenzen

Schormann kündigte in dem Interview eine Gesprächsreihe zu dem Thema an. Ausserdem solle es einen «Begegnungsstand» am Friedrichsplatz in Kassel geben – mit der Bildungsstätte Anne Frank und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Am Friedrichsplatz war das Werk aufgestellt, bevor es verhüllt und am Dienstag schliesslich abgebaut wurde.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich am Mittwochabend über seine Regierungssprecherin zu Wort gemeldet. «Olaf Scholz ist ein grosser Fan der documenta und hat in den vergangenen 30 Jahren wohl keine documenta versäumt. Er hat aber entschieden, die diesjährige Ausgabe nicht zu besuchen», sagte die Sprecherin.

Das Werk von Taring Padi zeigte unter anderem einen Soldaten mit Schweinsgesicht. Er trug ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift «Mossad» - die Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes.

«Bundeskanzler Olaf Scholz findet die besagte Abbildung in Kassel abscheulich und hält es für völlig richtig und angemessen, dieses Plakat zu entfernen», sagte die Sprecherin weiter. «In Deutschland ist kein Platz für antisemitische Darstellungen, auch nicht auf einer Kunstausstellung.»

Differenzierter Diskurs? 

Anders sah das der Vorsitzende des documenta-Forums, Jörg Sperling. «Eine freie Welt muss das ertragen», sagte er. Die Arbeit sei eine Karikatur und seiner Meinung nach von der Kunstfreiheit gedeckt. «Die Kunst hat ein Thema aufgebracht, das ausserhalb der Kunst liegt: das Verhältnis von Palästinensern und Israelis. Dieses Problem kann die Kunst nicht lösen, das kann auch die documenta nicht lösen.»

Doch längst ist die Debatte so hochgekocht, dass Schormann sich auch mit Forderungen eines Rücktritts konfrontiert sieht. «Die Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, muss unverzüglich zurücktreten oder vom Aufsichtsrat abberufen werden», sagte der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIF), der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, dem «Kölner Stadt-Anzeiger» (Donnerstag). Zuvor hatte sich auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, allgemeiner für personelle Konsequenzen ausgesprochen.

(sda)

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 23. Juni 2022 12:35
aktualisiert: 23. Juni 2022 12:35
Anzeige