Magenbrotgeruch & Co

Blind mindestens genauso bunt: Die Määs aus der Perspektive einer Blinden

Livia Barmettler, 15. Oktober 2022, 15:13 Uhr
Von salzig-ketchupigem Geschmack über Mandel- und Magenbrotgeruch bis hin zu Kreischgeräuschen und einer Maschine, die sich ab jetzt «Fruschtomat» nennt: Ein Määs-Besuch mit Melanie, die seit ihrer Geburt blind ist.

Quelle: PilatusToday / Livia Barmettler

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«Ich liebe diese Maschine – da tätschen sie wie wild auf was drauf, dann folgt jeweils ein hörbarer Effekt. Und meistens auch noch ein witziger Kommentar. Ich finde die lustig», so Melanie Lötscher. Die «Maschine», die Melanie meint, ist der rote Spielautomat, der gleich beim Eingang der «Lozärner Määs» steht. Menschen können dort ihre Kräfte messen, indem sie mit einem Hammer gehörig auf den Automaten hauen.

Melanie kann weder den Spielautomaten noch die Menschen sehen, die sich dort vergnügen. Denn sie ist seit Geburt blind. Dies schränkt sie in ihrem Alltag allerdings nur bedingt ein. So wohnt sie alleine, arbeitet in der Buchhaltung und besucht die Määs – Letzteres mit mir. «Hierhin würde ich nicht alleine. Es sind zu viele Menschen, es ist zu viel los. Ich hätte ewig, bis ich mal den Stand mit dem ‹Chnoblibrot› finden würde», so Melanie.

Salzig-ketchupiger Geschmack mit Mandel- und Magebrotgeruch

Während wir die Määs entlang schlendern, hält sie sich an meinem Arm fest. Ich mache sie darauf aufmerksam, wenn der Boden uneben ist, weil sie ihren Blindenstock in der Menschenmasse nicht gerne nutzt. Melanie besitzt nur eine sehr geringe Sehkraft. «Ich bin blind, das heisst aber nicht, dass ich gar nichts sehe. Ich kann hell von dunkel unterscheiden. Ich realisiere, wenn es schattiger wird, dann weiss ich, etwas kommt auf mich zu oder geht an mir vorbei», erklärt sie.

Während wir an den Ständen vorbeigehen, bin ich mir zunächst unsicher: Soll ich alles kommentieren? Oder ist das unangebracht? Ich frage nach. «Ich mag es, wenn mir Mitmenschen erzählen, was sie sehen. Dann kommen bei mir Bilder im Kopf», so Melanie.

Erstaunlicherweise sind viele meiner Hinweise und Erzählung aber überflüssig: Melanies Gehör und ihr Geruchssinn sind sehr sensibel, so realisiert sie rasch, ob wir uns in der Nähe des Sees aufhalten, wie viele Menschen sich gerade um uns herum befinden oder wo Lederware angeboten wird.

Obwohl an der Määs so viel zusammenkommt, dass es fast schon ein Overload ist, der verwirrt: «Im einen Moment riecht es nach Wurst, dann eine Sekunde später nach asiatischen Gerichten und frittierter Ware, mit dem nächsten Windstoss kommt ein salzig-ketchupiger Geschmack zusammen mit Mandel- und Magenbrotgeruch.»

Intensives Erlebnis

Melanies Sinne sind aufgrund ihrer Blindheit sehr empfindlich. So ist es für sie zwar ein grosses Abenteuer, aber gleichzeitig auch ein sehr intensives Erlebnis an der «Lozärner Määs». Eine Intensität, die ermüdet: «Es ist so viel los und mein Kopf versucht ständig, sich auf irgendwas zu konzentrieren. Meistens habe ich es nach ein bis zwei Stunden gehört», so Melanie.

«Fruschtomat»

Bevor wir uns auf den Nachhauseweg machen, will Melanie noch gebrannte Mandeln für ihre Eltern holen. Sie riecht, wo der Stand ungefähr steht, meine Hilfe ist nicht mehr als eine kurze Absicherung. Bevor wir die «Määs» verlassen, kommen wir nochmals am roten Spielautomaten vorbei. «Jetzt weiss ich, was das ist: Ein ‹Fruschtomat›!», sagt Melanie und lacht.

Und ich bin einmal mehr beeindruckt. Von ihrer Lebensfreude, ihrer Offenheit, sicherlich auch von ihrem Mut, sich Tag für Tag durch eine Welt zu bewegen, die sie nicht sehen kann. Am allermeisten aber von ihrer Gabe, die Dinge zu spüren. So intensiv, dass sie ihnen gar einen Namen geben kann. Einen Namen, der treffender nicht sein könnte.

Die «Lozärner Määs» dauert noch bis Sonntagabend, 16. Oktober. 

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 15. Oktober 2022 10:23
aktualisiert: 15. Oktober 2022 15:13