Weltobdachlosentag

Was wünschen sich Menschen ohne Zuhause von Menschen mit Zuhause?

Livia Barmettler, 11. Oktober 2022, 08:29 Uhr
Am Montag ist Weltobdachlosentag: Ein Tag, der enttabuisieren und sensibilisieren soll. Was kann jeder und jede von uns tun, um Menschen in existenzieller Not zu helfen? Eine Reportage.
Weltobdachlosentag: Ein Tag, der enttabuisieren und sensibilisieren soll. (Symboldbild)
© Gettyimages
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Ich bin heute Gast in der «GasseChuchi». Und als Gast will ich was mitbringen. Ich gehe an den Geschäften vorbei, während ich mir überlege, was ich Menschen schenken will, die tagtäglich um ihre Existenz bangen – die tagtäglich dafür kämpfen, ihre Grundbedürfnisse irgendwie stillen zu können?

Ich stehe vor den Regalen, und alles kommt mir furchtbar kleinlich vor. In meiner Ratlosigkeit entscheide ich mich für meine Lieblingsguetzli. Die nehme ich ganz gerne als Geschenk mit, wenn ich schon eingeladen bin.

Täglich suchen 100 Personen Hilfe

Bei der «GasseChuchi» angekommen, habe ich die Guetzli in meiner Tasche rasch vergessen. Es sind deutlich mehr Leute hier, als ich erwartet hatte. Einige kommen nur kurz vorbei, um sich zu stärken – sei es mit einer Mahlzeit oder einer kontrollierten Dosis Drogen. Es gibt Menschen, die danach verweilen und zusammen Tischtennis spielen, und wiederum andere, die alleine in einer Ecke kauern und Unverständliches vor sich hermurmeln.

Um die 100 Personen seien es täglich, erzählt mir ein Mitarbeiter. Die Geschichten der Menschen und ihre Gründe für den Besuch bei der «GasseChuchi» seien sehr unterschiedlich. «Armut und Sucht ist, was sie alle verbindet». Und so nicht selten in der Obdachlosigkeit enden, zumindest für eine Weile.

Ste und Alex

Ich komme mit verschiedenen Menschen in Kontakt, die zurzeit auf der Strasse leben. Ste fragt mich, ob ich per Zufall eine Wohnung hätte. Wir müssen lachen. Wir essen zusammen ein Guetzli. Es sei chancenlos, selber eine zu finden, wenn man immer wieder kleine Delikte absitze. Und es gehe alles unter der Hand weg.

Ich unterhalte mich auch mit Alex. Er lebt seit Jahren auf der Strasse, findet immer wieder Unterschlupf, fliegt aber auch immer wieder aus den Wohnungen raus. Was er sich von den Menschen wünsche, die ein Zuhause haben, frage ich ihn. «Sie sollen ihre Kinder erziehen, die am Freitag- und Samstagabend unterwegs sind. Sie schreien mir ‹Crackie› hinterher oder greifen mich an.» Das sei einfach traurig.

Helfen hat viele Facetten 

Einer, der seit gut 30 Jahren mit Menschen wie Ste und Alex, mit Menschen in Not zu tun hat, ist Urs Schwab, Leiter der Notschlafstelle Luzern. Wir haben bei ihm nachgefragt, was jeder und jede von uns tun kann, um Obdachlosen zu helfen.

Quelle: PilatusToday/Andreas Wolf

Wertschätzung statt Geld

Beim Kaffee in der «GasseChuchi» lerne ich noch Remo kennen. Remo hat eine Detailhandelslehre abgeschlossen und danach jahrelang auf dem Bau gearbeitet. Gleichzeitig ist er immer mehr abgerutscht: «Bei mir lief es so wie bei den meisten. Ich dachte mir, ‹nur probieren ist easy›. Und ehe ich mich versah, war ich süchtig.»

Drogen kosten Geld. Geld, welches Remo nicht hatte. Also begann er zu klauen, wurde dabei erwischt und muss nun für mehrere Wochen ins Gefängnis. «Deswegen habe ich jetzt auch keine Wohnung mehr gesucht, nachdem sie mich aus der letzten rausgeschmissen haben». Zuerst habe er in einem Zelt im Bireggwald gelebt, nun übernachte er in öffentlichen WCs.

Das sei aber nicht das schlimmste: «Dass 100 Leute aus einem Zug aussteigen und kein einziger einen beachtet, das ist das Erniedrigendste», so Remo. Was er sich stattdessen von seinen Mitmenschen wünsche? «Sie können mir sagen ‹Verpiss dich›, sie können auch ‹Nein› sagen, solange sie einen wenigstens nicht ignorieren.»

Geld, Gespräche, Geox

Diejenigen, die auf der Strasse auf ihn reagieren, täten dies sehr unterschiedlich: «Einige reden einfach mit mir. Das ist schön. Andere geben Geld oder Nahrungsmittel. Letztens lud mich ein junger Mann ein, zusammen ein paar Turnschuhe kaufen zu gehen», so Remo.

Helfen hat viele Facetten: Diese Geoxschuhe hat ein Passant mit Remo zusammen eingekauft.
© PilatusToday

Helfen habe viele Facetten. Er hoffe, dass er die Hilfe irgendwann nicht mehr brauche, erzählt er. «Ich sehe das Gefängnis als Neustart. Den ganzen Scheiss vergessen. Ich will nicht raus und wieder auf die Strasse, auch nicht mehr nach Luzern. Ich habe gehört, man kann weit weg auf einen Bauernhof und dort mithelfen», so Remo.

Wir essen ein Guetzli und schweigen. Gleichzeitig fällt mir auf, dass es die letzten noch übrigen Guetzli sind. Scheinbar hatte ich das Richtige mitgebracht. Eine unvoreingenommene Packung Guetzli, die ich genauso meiner besten Freundin mitbringe, wenn ich bei ihr eingeladen bin. Ein Stück Normalität und gleichzeitig eine klitzekleine Wertschätzung. Vielleicht ist es genau das, wonach sich die Menschen hier sehnen.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 10. Oktober 2022 17:49
aktualisiert: 11. Oktober 2022 08:29