«Entspricht nicht Realität»

ProVelo bezeichnet neue Velo-Kampagne der Stadt Zürich als unfair

Angela Rosser, Maurus Held, 30. Juni 2022, 11:03 Uhr
Die Stadt Zürich macht mit einer neuen Kampagne Velofahrende darauf aufmerksam, im Strassenverkehr achtsamer zu sein. Die Organisation ProVelo findet den Gedanken hinter der Kampagne zwar gut – dass allerdings nur die Fehler der Velofahrenden beleuchtet werden, stört sie.

Quelle: TeleZüri / Sendung vom 16. März 2022

Die Stadt Zürich fährt diesen Sommer eine neue Präventionskampagne, um auf die Gefahren des Velofahrens aufmerksam zu machen. Mit der Aussage «Machs besser» und dem Vorstellen von verunfallten Velofahrenden soll das Bewusstsein für den Strassenverkehr gestärkt werden.

Und prompt gibt die Kampagne zu reden. Ein Twitter-Nutzer vergleicht die Kampagne mit der Anti-Raucher-Kampagne und schreibt auf Twitter: «Wenn wir Leute von Zigaretten abhalten wollen, kleben wir Fotos von kaputten Lungen auf die Päckchen. Wenn wir Leute zum sicheren Velofahren bringen wollen, stellen wir Fotos von kaputten Unfallvelos in den Strassenraum?»

Auch die Verantwortlichen bei ProVelo, der Interessenvertretung der Velofahrenden, stehen der neuen Kampagne kritisch entgegen. Grundsätzlich sei es ja gut, dass Velofahrende auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden.

Kampagne wirke abschreckend

Was sie an der Kampagne aber kritisieren, ist das Verhältnis: «Auf fünf von sechs Plakaten sind Velofahrende Schuld. Das entspricht nicht dem aktuellen Bild in Zürich», sagt Andrea Freiermuth von ProVelo. Zu einem Drittel seien andere Verkehrsteilnehmende Schuld an Unfällen – und das werde bei der aktuellen Kampagne  zu wenig beachtet.

Ein weiterer Punkt sei, dass man ja eigentlich mehr Menschen zum Velofahren animieren möchte. Die Kampagne hingegen wirke eher abschreckend. Sie signalisiere: «Mach es nicht, dann passiert dir auch nichts.» Diesen Ansatz empfinden die Verantwortlichen bei ProVelo als falsch. «Wären mehr Velos unterwegs, wäre es für alle ungefährlicher», sagt Freiermuth.

Bei «Grosi an Bord» funktionierte Kooperation

Mehr Veloverkehr würde den Druck, die Infrastruktur zu verbessern, erhöhen. Die Strassenverhältnisse für Velofahrende seien nämlich ein wichtiger Punkt in Bezug auf Unfälle. «Ein Auto kippt ja nicht einfach um, weil es auf vier Rädern steht», sagt Freiermuth. Velofahrende könnten aber schon mal bei einem Absatz ausrutschen und sich verletzten, was dann als Selbstunfall gelte.

Die Stadt habe den Austausch zwar durchaus gesucht. Als Interessenverband habe man aber entschieden, dass man nicht hinter dem Ansatz der Kampagne stehen könne. Bei anderen Kampagnen hat sich ProVelo nichtsdestotrotz schon aktiv eingesetzt. Ein Beispiel hierfür ist die Kampagne «Grosi an Bord» im Jahre 2019, ebenfalls eine Kampagne der Stadt Zürich:

ZüriToday hat die Stadtpolizei Zürich mit der Kritik von ProVelo konfrontiert. Diese antwortet, dass man bei der Kampagne keineswegs Schuldzuweisungen habe machen wollen. «Hauptgründe für Unfälle mit Velofahrenden sind Unachtsamkeit und Ablenkung. Da knüpft die Kampagne an. Es geht darum, Unfallzahlen durch präventive Massnahmen zu senken.»

Nicht die Polizei klärt die Schuldfrage

Die letzten beiden Kampagnen, die man in der Vergangenheit lanciert habe, hätten sich an alle Verkehrsteilnehmenden gerichtet. Nun hätten eben konkret die Velofahrenden im Fokus gestanden, so die Stadtpolizei, «denn sie sind besonders von schweren Unfällen betroffen.»

In einem Punkt deckt sich die Sichtweise der Stadtpolizei gar mit jener von ProVelo:  «Zwei Drittel der Velounfälle sind selbstverschuldet.» Die Schuldfrage kläre hierbei aber gar nicht die Polizei, sondern das zuständige Gericht. Grundsätzlich erwarte man von allen Verkehrsteilnehmenden, rücksichtsvoll unterwegs zu sein.

Gute Kampagne oder unfaire Darstellung? Schreib uns per Whatsapp oder in den Kommentaren, was du von der aktuellen Plakaten hältst:

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 1. Juli 2022 07:31
aktualisiert: 1. Juli 2022 07:31
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