Präventionsstelle des Kantons Zürich

«Viele Pädophile begehen nie eine Straftat»

Maurus Held, 15. Juni 2022, 16:18 Uhr
Sexuelle Übergriffe auf Kinder verhindern: Das ist das Ziel der Präventionsstelle für Menschen mit pädophilen Neigungen. Sie hilft Betroffenen im Kanton, ihre Sexualität zu kontrollieren – eine Sexualität, die sie sich nicht aussuchen, wie die Leiterin betont.
Die Zürcher Gesundheitsdirektion hat sich seit letztem Jahr vermehrt um Menschen mit pädophilen Neigungen gekümmert.
© Keystone-SDA

Um den Schutz von Kindern vor sexuellen Übergriffen im Kanton Zürich zu verbessern, hat die Gesundheitsdirektion im Juni 2021 eine Präventionsstelle für Personen mit pädophilen Neigungen geschaffen. Rund 50 Kontaktaufnahmen hat diese seither verzeichnen können – und rund die Hälfte hat eine weiterführende Therapie in Anspruch genommen.

Dies schildert Fanny de Tribolet. Sie ist ausgebildete Psycho- und Sexualtherapeutin und die Leiterin der Präventionsstelle. ZüriToday hat sie an der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) getroffen. Wir wollten wissen, wie denn die Präventionsstelle für Personen mit pädosexuellen Neigungen genau funktioniert – und welches Fazit sie nach einem Jahr zieht.

Einzelne Patienten waren schon straffällig

«Zusammen mit einem Arbeitskollegen kümmere ich mich um die Erwachsenen, die sich an die Präventionsstelle wenden», so de Tribolet. Unterstützt werden sie von Kinder- und Jugendpsychiaterinnen. In diesem Bereich hätten sie zwar weniger Anmeldungen, sagt die Leiterin; aufgrund des kleinen Altersabstands seien pädophile Neigungen oft noch nicht so bewusst. «Doch meist manifestieren sie sich bereits im Jugendalter.»

Fanny de Tribolet, Leiterin der Präventionsstelle für Menschen mit pädophilen Neigungen.

© zVg

Der Hauptauftrag der Präventionsstelle, so de Tribolet, sei der Schutz Minderjähriger vor Straftaten. Besteht ein solches Risiko, bespreche man dies intensiv im Team sowie mit der betroffenen Person. Neben dem Zuzug von Bezugspersonen des Betroffenen seien auch interdisziplinäre, anonyme Fallbesprechungen mit der Polizei oder dem Kinderschutz möglich. «Dann müssten wir die Schweigepflicht brechen.» Alle Eskalationsschritte würden aber mit den Patienten besprochen. Einzelne von ihnen hätten frühere Übergriffe aber auch schon zugegeben.

Die Arbeit beruht auf Freiwilligkeit

Grundsätzlich gilt für die Präventionsstelle: Die Anonymität der Patientinnen und Patienten hat oberste Priorität. So werden sie etwa in den Akten codiert erfasst. Ein Austausch mit den Krankenkassen findet auch nicht statt – das Angebot der Präventionsstelle ist für die Einwohner des Kantons Zürich kostenlos.

Wendet sich jemand an sie, finden zuerst Beratungs- und Abklärungsgespräche statt. Es wird diagnostiziert, inwiefern eine Neigung vorhanden ist und ob eine Therapie Sinn macht. Falls dies der Fall ist, gehe man in eine längerfristige Behandlungsphase über, erklärt de Tribolet. «Einige wünschen sich aber einfach nur eine Beratung.» Zu mehr könne man die Patienten in solchen Fällen auch nicht drängen: «Unsere Arbeit beruht auf Freiwilligkeit.»

Es könne allerdings vorkommen, dass sich Angehörige einer betroffenen Person an die Präventionsstelle wenden. Für das Umfeld sei man auch da, so de Tribolet – je nachdem, wie die betroffene Person dies zulässt. «Es gibt durchaus Fälle, in denen das Familiensystem einen wichtigen Einfluss auf den Umgang mit der Neigung hat. Dann wollen wir auch die Angehörigen miteinbeziehen.»

Ein Restrisiko ist immer vorhanden

De Tribolet ist zufrieden mit dem aktuellen Stand ihrer Präventionsstelle: Die Rückmeldungen fallen positiv aus. Die Kostenfreiheit und Anonymität hätten die Inanspruchnahme der Präventionsstelle sicherlich begünstigt, ist sie überzeugt. Nun gelte es, so fortzufahren. Denn die Betroffenen brauchen ihre Unterstützung: «Stellen Sie sich vor: Sie haben eine sexuelle Neigung, für die sie nichts können, können sich aus Angst aber nicht darüber austauschen – geschweige denn diese jemals ausleben.»

Ein solches Verständnis sei in der Gesellschaft noch zu wenig vorhanden, bedauert sie. Klar, Sexualstraftäter geben viel zu reden, das ist sich auch de Tribolet bewusst. «Doch viele Menschen mit einer pädophilen Neigung begehen nie eine Straftat.» Bagatellisieren dürfe man das Thema trotzdem nicht: «Ein Restrisiko ist immer vorhanden.» Denn ganz verschwinden wird die Neigung wohl nie. «Doch man kann sie kontrollieren – dafür sind wir da.»

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 16. Juni 2022 07:15
aktualisiert: 16. Juni 2022 07:15
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