Tipps gegen Nervenstress

Jetzt «staut's» mir den Nuggi raus – warum die A1 ein einziges Chaos ist

9. November 2021, 07:44 Uhr
Geduld ist eine Tugend – und aktuell müssen Autofahrende sehr tugendhaft sein. Aber nicht alle agieren und reagieren bei Stau so, wie man sollte. Wir haben bei einem Verkehrspsychologen nachgefragt, wie's richtig geht.
Auch wenn's nervt: Aufregen bringt im Stau rein gar nichts. (Symbolbild)
© Getty Images

Die gute Nachricht zuerst: Schuld ist nicht die Fahrweise der Aargauerinnen und Aargauer, versichert uns Verkehrsexperte Uwe Ewert im Interview. Und wenn es einer weiss, dann er. Uwe Ewert ist Vorstandsmitglied der Vereinigung für Verkehrspsychologie und war 25 Jahre für die Beratungsstelle für Unfallverhütung tätig.

Herr Ewert, überall im Rüeblikanton staut es, vor allem auf der A1, und das gefühlt mehr als je zu vor. Woran liegt das?

«Die A1 ist eine stark frequentierte Autobahn und der Aargau ist natürlich mitten in der Schweiz. Entsprechend kriegt man Autofahrer von Bern, von Zürich und so weiter ab. Eine kurzfristige Zunahme des Verkehrsaufkommens liegt meistens an Gegebenheiten wie Schulferien. Dann spielt natürlich auch Corona eine Rolle, jetzt vor allem das Ende der Homeoffice-Pflicht. Im öffentlichen Verkehr muss man mit Maske reisen, was ein Komfortverlust ist und viele dazu bewegt, weiterhin auf den Individualverkehr zu setzen.»

Wenn es ohne ersichtlichen Grund staut, nennt man das «Phantomstau». Warum gibt es das und was kann man tun?

«Genau, ein Phantomstau hat meistens keine eigentliche Ursache, ist aber eben vor allem auf das hohe Verkehrsaufkommen zurückzuführen. Da wird dann halt teilweise zu nah aufgefahren und es muss gebremst werden. Der oder die Nachfahrende sieht das Bremslicht und drückt ebenfalls auf die Bremse. Eine klassische Rückkopplungsgeschichte, die man am besten verhindert, indem man genügend Sicherheitsabstand einhält und wenn man bremsen muss, das mittels Motorbremse tut – also vom Gas geht und so das Auto verlangsamt, ohne dass durch den Bremsvorgang der Hintermann oder die Hinterfrau durchs Bremslicht alarmiert wird.»

Was kann man gegen den Stau machen?

«Eine Möglichkeit, um Staus zu vermindern, ist grundsätzlich, dass man eine Autobahn weiter ausbaut. Das ist natürlich aber aus ökonomischen Gründen nicht unbedingt gewünscht. Ausserdem wäre das wohl nur eine temporäre Lösung. Wenn es nämlich dadurch weniger Stau gibt, werden wiederum mehr Leute zum Autofahren animiert. Viel besser ist es, wenn sich wirklich jeder und jede Einzelne Gedanken zum Autogebrauch macht und, wann immer möglich, auf Alternativen wie Velo oder öV setzt. Und wenn das Auto unabdingbar ist, sollte man vielleicht Überlandstrecken der Autobahn vorziehen.»

Nun gut, eine staufreie A1 steht also nicht so schnell in Aussicht. Nervig bleibt es trotzdem. Was kann ich für meine Nerven tun, wenn ich im Stau sitze?

«Grundsätzlich sollte man sich schon vor Fahrtbeginn darauf einstellen, dass es vor allem zu Stosszeiten stauen kann. Entsprechend hilft es, genügend Zeit einzukalkulieren. Das Wichtigste ist, dass man einen kühlen Kopf bewahrt, sich eben nicht aufregt – sonst schwappen die Emotionen über, man fährt rücksichtsloser, man fährt dicht auf und drückt auf's Gas. Und provoziert so dann vielleicht Unfälle, die zu noch mehr Stau führen. Im Stau muss man sich mit seinem Schicksal abfinden, durchatmen und zum Beispiel gute Musik in angenehmer Lautstärke hören. Aber nicht zu laut, das treibt die negativen Emotionen eher noch an.»

Was sind die absoluten No-Gos im Stau?

«Entscheidend ist, dass man sich nicht vom langsamen Vorwärtskommen zu Ablenkungen verlocken lässt. Heisst: Nur, weil's gerade nicht vorwärtsgeht, gehört die Aufmerksamkeit trotzdem auf die Strasse und nicht etwa aufs Smartphone, um zum Beispiel schon Arbeits-E-Mails zu beantworten. Da besteht ein ganz grosses Unfallrisiko. Und wer denkt, mit ständigem Spurwechseln komme er schneller ans Ziel: Dem ist meistens nicht so und das Verhalten kann sich provokativ auf andere Verkehrsteilnehmer auswirken.»

Und wenn mich aber alle anderen nerven – darf ich dies... «kommunizieren»?

«Kommunikation zwischen Autofahrern ist meistens nicht ratsam, denn wir wissen alle, wie diese meistens umgesetzt wird. Das sind obszöne Gesten, das ist ein Lichthupen oder ein Händeverwerfen. Damit wird man selber nicht ruhiger und es könnte sogar eskalieren, sieht man ja auch ab und an auf Videos. Ein höfliches Winken, wenn man von einem anderen Verkehrsteilnehmer reingelassen wird, das ist natürlich okay.»

Fazit: Für die meisten ist die Wahl des Autos als Transportmittel irgendwo freiwillig und geschieht oftmals aus Komfortgründen. Dass wir dann im Stau stehen, daran sind wir alle gleichermassen schuld und Aggressivität gegenüber den anderen Autofahrerinnen und Autofahrern bringt nichts. Lieber genug Zeit einrechnen, durchatmen, Radio Argovia einschalten und sich einfach tragen lassen. Denn so nervig ein Phantomstau ist, er ist um Längen besser als jene Staus, die wegen eines Unfalls entstehen. Ach ja, und ein kleiner Tipp aus der Redaktion: Bevor man losfährt, immer noch mal präventiv aufs Klo – denn eine volle Blase lässt die eifrigsten Bestrebungen, im Zen zu bleiben, platzen.

Und nicht vergessen: Bei Stau Rettungsgasse bilden!

Hier noch ein kleiner, wichtiger Reminder zur obligatorischen Rettungsgasse:

Rettungsgassen bei zwei Spuren:

Wer auf der Überholspur fährt, weicht nach links aus. Auf der rechten Spur geht's nach rechts.

Rettungsgassen bei drei Spuren:

Wer auf der Überholspur fährt, weicht nach links aus. Wer auf der mittleren oder rechten Spur unterwegs ist, fährt nach rechts.

© Getty Images

(sfr)

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 9. November 2021 07:18
aktualisiert: 9. November 2021 07:44
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