Rekrutenschule

RS-Start: Für die einen Freud, für die anderen Leid

15.01.2024, 07:24 Uhr
· Online seit 15.01.2024, 07:17 Uhr
Am Montag rücken junge Schweizerinnen und Schweizer in die Rekrutenschule ein. Während einige diese Zeit als Lebensschule ansehen und sich darauf freuen, fällt es anderen schwer, sich auf das Militär einzulassen. Drei Aargauer erzählen von ihren Erfahrungen.
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Bevor der heute 22-jährige Leandro Ritter aus Muri in die Rekrutenschule (RS) als Infanterist einrückte, war er dem Militär gegenüber bereits offen eingestellt. «Ich habe mich gefragt, wie das Militär so ist und ich war auch motiviert. Obwohl ich auch Schlechtes gehört hatte, dachte ich mir, dass ich sicher etwas lernen und tolle Leute kennenlernen werde», erzählt Ritter gegenüber ArgoviaToday. Den Gedanken, sich in der Rekrutierung durchzumogeln, damit er keinen Militärdienst leisten müsse, sei ihm dabei nie in den Sinn gekommen.

Für Ritter blieb es nicht bei den gängigen 18 Wochen in der RS. Stattdessen wurden es für ihn 64 Wochen im Tenue Grün. Er schloss zuerst die Unteroffiziersschule als Wachtmeister ab, bevor es für ihn einige Monate später an die Offiziersschule ging. Dort wurde er in den Grad eines Leutnants befördert. In der Kaderlaufbahn sah Ritter seine Chance, bereits in jungen Jahren Führungserfahrungen zu sammeln. Andere Menschen auszubilden und im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, sei ein weiterer Faktor gewesen, warum er gleich zwei Mal «weitermachte», erklärt Ritter.

Davon profitiert er im zivilen Leben

Sein Umfeld konnte diese Entscheidung nicht unbedingt nachvollziehen. «Ich habe oft die Reaktion bekommen: ‹Warum machst du das freiwillig, bist du blöd?›. Ich denke, manche Menschen sehen die Möglichkeiten gar nicht, die man hat», so Ritter. Konkret meint er damit die Modulbescheinigungsprüfungen, die man als Unteroffizier und Offizier ablegen kann. So fern diese bestanden werden, wird man offiziell als Führungsperson zertifiziert. Diese können auch auf ziviler Basis absolviert werden. Der Vorteil im Militär ist jedoch, dass die Armee dabei sämtliche Kosten dafür übernimmt.

Zusätzlich meint der Aargauer, dass er durch stressreiche Situationen im Militär mittlerweile viel entspannter auftreten kann. «Ist etwas schief gegangen, dann kommen alle zu dir. Man muss innert kurzer Zeit viele Entscheidungen treffen und einen neuen Plan gestalten», so Ritter. Durch solche Erfahrungen kann man auch bis zu einem gewissen Punkt an Reife gewinnen. Mithilfe seiner Führungserfahrung könne er sich zudem im zivilen Leben besser in seine Führungskräfte im Alltag hineinversetzten, fügt Ritter weiter aus.

Erwartung trifft auf Realität

Ebenfalls mit einem positiven Gefühl ausgestattet rückte der 20-jährige Andreas Bürgi* in seine RS als Fliegersoldat ein. «Ein Kollege war Infanterie-Unteroffizier und hat mir viel Positives über das Militär erzählt. Ich dachte mir ‹das wird sicher geil›», erinnert sich Bürgi im Gespräch mit ArgoviaToday.

Nach einer bestimmten Zeit sind jedoch Sachen vorgefallen, die in der ganzen Kompanie zu einer schlechten Stimmung geführt haben. «Man konnte fünf Mal einen Sechseinhalber schreiben, damit etwas repariert wird. Eine Antwort kam jedoch nie und wenn man die Hauptfeldweibel direkt darauf ansprach, hiess es bloss, man solle einen weiteren Sechseinhalber abgeben», so Bürgi.

Des weiteren hat er während dieser Zeit den Eindruck gewonnen, dass die beiden Vorgesetzten überhaupt kein Interesse an ihrer Arbeit zeigten. Auch die Kommunikation gestaltete sich etwas schwierig, die beiden sprachen auschliesslich Französisch.

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Der Höhepunkt seiner Unzufriedenheit wurde zwei Wochen vor Ende der RS erreicht. Zwei Monate im Voraus wurden laut Bürgi alle Kampfstiefel 90 mit einer defekten Schuhsohle eingezogen, damit sie repariert werden können. Niemand wusste allerdings, wo die Stiefel eigentlich genau sind. Als sie dann endlich zurück zur Truppe kamen, wartete eine unangenehme Überraschung auf Bürgi: «Bei drei Viertel der Stiefel fehlte die Einlegesohlen, ohne diese bringt der Stiefel halt einen Scheiss». Dass am nächsten Tag ein langer Marsch anstand, hat die Sache nicht besser gemacht. Bürgi habe sich bemüht, dass die Sohlen ersetzt werden, jedoch ohne Erfolg. Er bekam laut eigenen Aussagen nicht einmal eine Rückmeldung. Sein Missmut richtete sich entsprechend primär gegenüber seine Vorgesetzten: «Vorgesetzte, welche ihre Arbeit nicht erledigen oder weil sie eine Kaderfunktion haben und denken, dass sie mit einem machen können, was sie wollen, hinterlassen einen negativen Beigeschmack», fügt der Aargauer an.

Trotz seinen negativen Erfahrungen betont der 20-Jährige, dass er auch positive Erlebnisse sammeln konnte: «Wenn ich am Kampfjet wirklich etwas reparieren konnte und dann gesehen habe, wie er startet, war das schon ein tolles Gefühl». Auch die Kameradschaft und einige Lektionen fürs Leben sieht er positiv. «Im Grossen und Ganzen haben mir die 18 Wochen ziemlich viel gebracht, auch im Bereich der Eigenverantwortung, weil ich mich gezwungenermassen immer um mein eigenes Zeug kümmern musste. Wenn ich nochmals wählen könnte, würde ich die RS vielleicht in einer anderen Funktion ausüben», sagt Bürgi weiter.

Der Wunsch nach mehr Transparenz

Ähnlich wie Soldat Bürgi, kennt auch Leutnant Ritter, der als Offizier gewohnt ist, seinen Unterstellten Rede und Antwort zu stehen, die Situationen, in denen etwas falsch gelaufen ist und es von Vorgesetzten nur heisst: «Es ist halt so, weil es so ist». Eigene Fehler einzugestehen und folglich auch ehrlich mit der Truppe zu kommunizieren, ist laut Ritter etwas sehr Wichtiges. Jedoch wird das oft nicht gemacht. «Ich finde, sauber vor die Truppe zu stehen und zu sagen ‹das habe ich falsch gemacht, wir müssen jetzt das Beste daraus machen›, zeigt Stärke», argumentiert der 22-Jährige.

Der 28-jährige Luca Weber* kennt keine der bisher geschilderten Ereignisse. Schon Jahre vor der Aushebung war er nicht begeistert vom Gedanken, dass er mal Camouflage tragen und eine Waffe bedienen soll. «Ich hatte mit 14 oder 15 schon einen riesigen Anschiss, als ich daran gedacht habe, dass ich mal ins Militär muss», sagt Weber. Entsprechend war für ihn auch recht schnell klar, dass er alles dafür tun werde, um als doppeluntauglich erklärt zu werden.

Seine Abneigung gegenüber dem Dienst hatte gleich mehrere Gründe. Zum einen verbrachte er eineinhalb Jahre vor der Rekrutierung in einem Heim. Weitere sechs bis zwölf Monate nicht zu Hause zu sein, war für ihn eine schlimme Vorstellung, wie er selbst sagt. Des Weiteren hätte er sich mit der Befehlsstruktur überhaupt nicht identifizieren können. Generell sah er damals keinen Sinn in der Existenz des Militärs.

Statt körperlicher Strapazen wird das Portemonnaie belastet

Weber gelang es an seiner Rekrutierung durch Übertreibung und falschen Angaben zu Drogenkonsum oder psychischer Stabilität sich dienstuntauglich schreiben zu lassen. Dass er dafür mindestens elf Jahre lang Wehrpflichtersatz zahlen muss, war ihm zwar bekannt, jedoch hatte er damals noch keinen wirklich Bezug zum Geld gehabt, wie er sagt. Während der Lehre habe er kaum Abgaben bezahlen müssen. Jetzt allerdings hat er einen vollen Lohn und muss dementsprechend mehr zahlen. Das schmerze ihn schon, wenn er sieht, wie viel Geld er dadurch loswird. «Man hätte das besser anlegen können als einfach so zu zahlen», so Weber.

Eine verpasste Erfahrung?

Wenn es ums Herumkommandieren und den straffen Befehlsstrukturen geht, hat sich Webers Haltung immer noch nicht verändert, wie er sagt. Trotzdem sehe er heute auch positive Aspekte an der RS: «Eine Phase durchzumachen, in der es nicht nach dem eigenen Kopf geht, kann sicher lehrreich sein». Mit seinem heutigen Wissen würde er die RS wahrscheinlich doch durchziehen, wenn er sich nochmals entscheiden müsste. «Ich würde es heute viel mehr als eine Erfahrung sehen», sagt Weber weiter.

Tipps für einen gelungenen RS-Start

Für alle, die am Montag in die RS einrücken, hat Leutnant Ritter noch einige Tipps parat. «Man sollte versuchen, den Kopf nicht zu verlieren. Am Anfang ist es eine riesige Veränderung, quasi eine andere Welt, in die man sich zuerst hineinfinden muss», so der 22-Jährige. «Die 18 Wochen soll man versuchen zu geniessen, denn man lernt viele tolle Leute kennen. Auch wenn man es am Anfang nicht glauben mag.» Des Weiteren empfiehlt er, so gut wie möglich mitzumachen, denn so werde automatisch alles besser und lustiger.

Musst auch du am Montag einrücken? Auf was freust du dich am meisten und vor was graut es dir ein bisschen? Schreib es uns in die Kommentare.

*Namen der Redaktion bekannt.

veröffentlicht: 15. Januar 2024 07:17
aktualisiert: 15. Januar 2024 07:24
Quelle: ArgoviaToday

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