Graubünden

«Neue Dimension»: Wölfe reissen Mutterkuh

10. Juli 2022, 19:13 Uhr
In Graubünden haben mehrere Wölfe in der Nacht auf Samstag eine Mutterkuh angegriffen und getötet. Es handelt sich laut den Behörden um den ersten Fall im Kanton, bei dem ein ausgewachsenes Nutztier aus einer Rinderfamilie von einem oder mehreren Wölfen getötet wurde.

Quelle: TVO

Die Tötung einer ausgewachsenen Mutterkuh sei eine «absolut neue Dimension», sagte der Amtsleiter für Jagd und Fischerei, Adrian Arquint, auf Anfrage. Der Vorfall ereignete sich auf der Alp Nurdagn am Schamserberg, wie der Kanton Graubünden mitteilte. Der Fundort des toten Nutztieres lag im Streifgebiet des sogenannten Beverin-Rudels.

Keine Herdenschutzmassnahmen

Alppersonal habe beobachtet, dass etwa drei Wölfe die Mutterkuh stark «genutzt» hätten, sagte Arquint weiter. Die siebenjährige Kuh befand sich nach Angaben der Behörden zusammen mit weiteren Artgenossen innerhalb eines eingezäunten Areals. Dieser Zaun gelte aber nicht als Herdenschutzmassnahme. Bei grösseren Nutztieren seien keine solche Vorkehrungen mehr vorgesehen, sagte der Amtsleiter.

Der Kantonsvertreter äusserte sich über den Vorfall sehr besorgt. Die Wölfe des Beverin-Rudels würden sich bereits seit mehreren Jahren «sehr problematisch» verhalten. 2020 riss das Rudel einen Esel. Die Raubtiere seien geübt darin, Herdenschutzmassnahmen zu umgehen, sagte Arquint weiter. Einen Antrag, das Vatertier des Rudels abzuschiessen, wies der Bund jedoch ab.

Züchter fordert Abschuss

Einen Abschuss befürwortet auch Martin Keller, Präsident des St.Gallischen Schafzuchtverband. «Das Rudel macht auf ganzer Linie Probleme. Da müssen auch die Leute im Siedlungsgebiet Angst haben. Zudem könnten diese Wölfe auch im Winter in Ställe eindringen, da sie so dreist sind», erklärt Keller gegenüber TVO. Auch der Herdenschutz habe seiner Ansicht nach auf allen Stufen versagt. Der Wolfsbestand müsse reguliert werden. Er sei momentan zu hoch, so Keller weiter. 

Das der Bestand zugenommen hat, zeigen auch Zahlen der Stiftung Kora, welche sich für Wildtiererhaltung einsetzt. Leut den Daten hat der Wolfsbestand von 2011 bis 2021 um 150 Tiere zugelegt. Auch die Zahl der Rudel ist gestiegen. Dies spiegle sich auch in der Risszahl wieder.

Peilsender für Wolf

Die Wildhüter wollen nun die Tiere vertreiben. Dafür soll am Rissort ein Wolf des Beverin-Rudels narkotisiert und mit einem GPS-Sender ausgerüstet werden. Mit dem Peilsender wollen die Behörden mehr Informationen über das Raumverhalten der Tiere sammeln. Ausserdem würde eine solche Aktion die Raubtiere «vergrämen».

Im Streifgebiet dieses Wolfsrudels sei die vom Bund für sogenannte Regulationsabschüsse vorgegebene Schwelle der Anzahl gerissener Nutztiere bereits vor dem Vorfall auf der Alp Nurdagn erreicht worden, hiess es in der Mitteilung weiter. Solche Abschüsse seien aber derzeit erst möglich, wenn der Umfang des Nachwuchses im Rudel bestätigt werden könne.

Dies könne noch bis Ende Juli, spätestens Anfangs September dauern, sagte Arquint. Dann werde voraussichtlich die Hälfte der Jungtiere abgeschossen.

Nicht nur Nachteile

Anders sieht die Meinung bei Pro Natura aus. Denn der Wolf schütze die Tiere und die Natur gar, erklärt Toni Kappeler, Präsident Pro Natura Thurgau, gegenüber TVO. So werde die Gesundheit des Bergwalds durch den Wolf fedördert, da er Hirsche reisst, die den Wald verfressen. Und auch der Herdenschutz trage zum Tierwohl bei. «Vor 20 Jahren sind pro Alpsommer etwa 10'000 Schafe verloren worden oder gestorben. Nun sind es noch 4000 pro Sommer», zeigt Kappeler auf. Dies sei der Fall, weil die Schafhalter nun ihren Tieren besser schauen müssen – vor allem wegen des Wolfes. 

(sda/mma)

Quelle: sda
veröffentlicht: 10. Juli 2022 05:47
aktualisiert: 10. Juli 2022 19:13
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