Sexuell übertragbare Infektionen

HIV, Syphilis und Chlamydien sind in der Schweiz auf dem Vormarsch

28.11.2023, 06:56 Uhr
· Online seit 28.11.2023, 06:55 Uhr
2022 haben sich in der Schweiz deutlich mehr Menschen mit HIV infiziert als im Vorjahr. Auch alle anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) wie Chlamydien, Syphilis und Gonorrhoe nehmen zu. Das zeigt ein neuer Bericht des BAG.
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Am Montag hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) seinen Jahresbericht zu sexuell übertragbaren Infektionen (STI) veröffentlicht. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:

HIV-Infektionen um 14 Prozent gestiegen

Im Jahr 2022 wurden dem BAG insgesamt 371 Fälle von HIV-Infektionen gemeldet. Das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr (325). Die Mehrheit der HIV-Fälle (70 Prozent) betraf Männer und am häufigsten haben sich Männer angesteckt, die Sex mit Männern haben (MSM). Den Anstieg erklärt sich das BAG hauptsächlich damit, dass 2021 wegen der Covid-Pandemie und den damit verbundenen Massnahmen weniger getestet wurde als im langjährigen Trend. Trotz des Anstiegs gegenüber 2021 waren es 2022 15 Prozent weniger positive HIV-Tests als vor der Covid-19-Pandemie (427).

Generell sinken die HIV-Fallzahlen seit 2002 schweizweit. In den Neunzigerjahren waren es durchschnittlich 1300 Fälle pro Jahr. Als Grund für den Rückgang sieht das BAG wirkungsvolle Präventionsmassnahmen: Besonders exponierte Personen lassen sich vermehrt testen, wodurch Übertragungen verhindert werden können. Hier betont das BAG die hohe Wirksamkeit der jährlich stattfindenden STI-Testkampagne der Aids-Hilfe Schweiz, welche seit 2017 durchgeführt wird. Diese richtet sich an Männer, die mit Männer Sex haben (MSM) und trans Personen.

Auch die HIV-Chemoprophylaxe, die Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP), hat dazu beigetragen, dass die HIV-Zahlen sinken. 2022 nahmen mindestens 4500 Personen das PrEP ein und schützten sich damit vor einer Ansteckung. Dabei handelte es sich fast ausschliesslich um Männer, die mit Männern Sex haben.

Chlamydien sind seit 2000 auf dem Vormarsch

Die Ansteckungen mit Chlamydien steigen in der Schweiz seit 2000 deutlich an. Der Trend zeigte sich auch im vergangenen Jahr: 2022 wurden 6 Prozent mehr Infektionen gemeldet als 2021 – insgesamt 13'063. Am häufigsten sind Frauen zwischen 15 und 24 Jahren betroffen. Dies liegt daran, dass Frauen bei gynäkologischen Untersuchungen häufiger getestet werden. Zwar sind die Frauen häufiger betroffen, doch der Wert ist über die Jahre stabil. Bei den Männern wurde 2022 jedoch einen Anstieg verzeichnet. Dieser Trend wird seit 2016 beobachtet.

Das BAG erklärt sich den Anstieg in erster Linie durch die vermehrten Tests. Ausserdem seien die Kosten für Tests und Abstriche gesunken.

Fälle von Gonorrhoe (Tripper) steigen um 25 Prozent

2022 haben sich 25 Prozent mehr Menschen mit Gonorrhoe infiziert, insgesamt 5112. Die meisten Fälle wurden bei Männern registriert (81 Prozent), davon waren wiederum 67 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben. Gonorrhoe, auch als Tripper bekannt, wird meistens zusammen mit Chlamydien getestet. Bei beiden Infektionen geht das BAG von einer höheren Dunkelziffer als etwa bei HIV aus. Wie bei den Chlamydien gibt es auch bei Gonorrhoe seit Jahren einen Anstieg. Gemäss dem BAG ist der Anstieg der Gonorrhoe-Fälle «wesentlich, aber nicht ausschliesslich» auf vermehrte Tests zurückzuführen.

Syphilis betrifft bei Frauen vor allem Sexarbeiterinnen

Im Jahr 2022 wurden 20 Prozent mehr Ansteckungen mit Syphilis gemeldet – insgesamt 1078. Betroffen sind laut dem BAG hauptsächlich Männer (89 Prozent), davon vor allem Männer, die mit Männern Sex haben. Bei den heterosexuellen Personen sind 32 Prozent Frauen. Ihr Anteil hat sich seit 2015 verdoppelt. Das BAG vermutet, dass es sich bei den Frauen vor allem um Sexarbeiterinnen handelt. Denn Sexarbeiterinnen werden seit 2015 häufiger getestet.

Aids-Hilfe Schweiz fordert kostenlose Tests und Impfungen

Am meisten betroffen von HIV und anderen STI sind gemäss dem BAG-Bericht Männer, die mit Männer Sex haben. Die Aids-Hilfe Schweiz fordert deshalb in einer Mitteilung, dass die Präventionsarbeit gestärkt wird, um auch junge Menschen besser zu erreichen. Impfungen sollen bei allen Teststellen verabreicht werden und kostenfreie Schutzmittel wie Kondome und PrEps sowie kostenlose STI-Tests sollen zur Verfügung gestellt werden. Ausserdem wünscht sich die Aids-Hilfe eine Enttabuisierung von Gesprächen über sexuelle Gesundheit in Arztpraxen.

«Eine effektive öffentliche Gesundheitsförderung kann nicht allein auf besonders betroffene Menschen abgewälzt werden. Impfung, Testung, Beratung und Behandlung für Schlüsselgruppen müssen besser finanziert und zugänglicher gemacht werden», wird Aids-Hilfe-Geschäftsleiter Andreas Lehner in der Mitteilung zitiert.

Das Ziel der Politik sei es, HIV-Neuinfektionen bis 2030 zu eliminieren und andere STI zu reduzieren. Bund, Kantone und Gemeinden müssten deshalb zusätzliche Ressourcen einsetzen.

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veröffentlicht: 28. November 2023 06:55
aktualisiert: 28. November 2023 06:56
Quelle: Today-Zentralredaktion

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