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KI-Model erobert Social Media – wie gefährlich ist das?

Künstliche Intelligenz

«Man muss sie sich wie Meister Proper vorstellen»: KI-Model erobert Social Media

· Online seit 09.12.2023, 14:56 Uhr
Von künstlicher Intelligenz erschaffene Bilder sind momentan voll im Trend. Eine Werbeagentur aus Spanien ging noch einen Schritt weiter: Sie haben eine Influencerin kreiert, welche momentan auf Instagram im Aufschwung ist. Wird das auf Dauer sein? Wir haben bei Experten nachgefragt.
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Aitana Lopez ist 25 Jahre, Sternzeichen Skorpion und liebt Sport. Ihre Leidenschaft spiegelt sich auch auf ihrem Instagram-Account wider. Das Fitnessmodel postet Bilder während ihres täglichen Work-outs und stellt Storys ihrer gesunden Mahlzeiten online.

Die junge Frau mit den auffälligen pinken Haaren erreicht mittlerweile über 200'000 Followers. Doch etwas unterscheidet Lopez von anderen Influencerinnen – Lopez wurde mit der Hilfe einer künstlichen Intelligenz erschaffen.

Erschaffen während der Krisenzeit 

Der Kopf hinter Aitana Lopez ist die Werbeagentur The Clueless aus Barcelona. Der Entwickler Rubén Cruz (27) erschuf Aitana während der Pandemie. So sagte Cruz gegenüber Euronews: «Viele Projekte mussten auf Eis gelegt oder abgebrochen werden. Und zwar wegen Problemen, die ausserhalb unserer Kontrolle waren.» Models verschoben krankheitsbedingt die Shootings oder sagten sie gänzlich ab. «Wir mussten unseren Lebensunterhalt finanzieren und wollten nicht von anderen Leuten abhängig sein, die ein Ego haben, wahnsinnig sind oder einfach nur viel Geld verdienen wollen.» Die Werbeagentur verdient mit der makellosen Frau und ihrem perfekten Körper monatlich rund 10'000 Euro.

Influencer müssen authentisch bleiben

Durch Aitana wird aufgezeigt, dass durch künstliche Intelligenz Influencerinnen und Influencer erschaffen werden können, die nicht nur finanziell klar kalkulierbar sind, sondern auch weder einen eigenen Willen noch eine Meinung besitzen. Doch Experten sind sich einig, in Zukunft werden solche Influencerinnen und Influencer nicht dominieren. Das sagt Prof. Dr. Andreas U. Lanz von der Universität Basel: «Influencer sind Content Creator. Diese folgen einer gewissen Passion und durch die damit verbundene Glaubwürdigkeit können sie auch erfolgreich bestimmte Produkte weiterempfehlen.» Die Agentur, welche hinter einem KI-Influencer steht, muss genau diese Passion vertreten, damit sie ein Produkt authentisch vermarkten können. «Diese Passion ist etwas, dass sehr schwer zu vermitteln ist. Deshalb muss hinter einer KI auch gewissermassen ein passionierter Creator stecken», so Lanz.

Ausserdem besitzen die menschlichen Influencerinnen und Influencer einen Faktor, über den KIs nicht verfügen. «Das Ziel eines Creators ist nicht das Vermarkten eines Produktes, sondern viel mehr eine Weiterempfehlung eines Produktes, welches sie mögen und zu ihnen passt. Sie zielen also auf ihre Authentizität ab, was ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit verschafft.» Und Authentizität ist etwas, dass ein KI-Influencer nicht bieten kann. «Ein paar schöne Bilder reichen in der heutigen Zeit nicht mehr aus, um als Creator erfolgreich zu sein.» Laut Lanz muss eine Bindung zu den Followern aufgebaut werden, welche nur durch Passion und Beständigkeit erreicht wird. So kann man die Follower auch langfristig binden.

Perfekte Personen kann man bewundern

Makellose Haut, perfekte Figur und volles Haar: Das Aussehen von Lopez wurde aus den heutigen «Beauty-Standards» erschaffen. «Vor allem junge Frauen ziehen aus Influencerinnen und Influencer ein unrealistisches Ideal und nehmen einen ungünstigen sozialen Vergleich vor. Das kann bekanntlich gravierende Konsequenzen haben, wie beispielsweise Depressionen, Komplexe und Essstörungen», so Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW).

Bereits die echten Influencer schaffen bloss eine selektive Authentizität. Das heisst, sie zeigen nur bestimmte Dinge aus ihrem Leben und blenden andere gezielt aus. «Das kann durch solch künstliche, virtuelle Figuren nochmals verstärkt werden. Die Follower streben nach Idealen, welche gänzlich mit KI geschaffen wurden und nie erreichbar sein können.» Für den Medienpsychologen ist es deshalb ratsam, dass solche Influencer deklariert werden. «Dass wird in den USA sicherlich bald der Fall sein. Danach werden viele Länder nachziehen.»

Doch der Perfektionismus der KIs kann für viele mit der Zeit langweilig werden. «Momentan sind die KI-Influencer noch etwas Cooles und Neues. Sobald die Follower bemerken, dass sie mit den KI-Vorbildern niemals mithalten können, werden sie sich von ihnen abwenden.» Und genau da können die echten menschlichen Influencer wiederum punkten. «Oft werden Influencer nämlich als ältere Schwester oder Bruder angesehen, denen sich die Community nahe fühlen kann. Dann braucht es auch einen gewissen Realismus.» Und das kann ein KI-Influencer schlicht und ergreifend nicht bieten. «Es handelt sich viel mehr um eine Wunschvorstellung oder einen Traum von einem perfekten Leben», so Süss.

Kundschaft kann an Glaubwürdigkeit des Produktes zweifeln

Ein KI-Influencer sollte weniger als reale Person angesehen werden, sondern als fiktiver Charakter oder auch als Maskottchen – beispielsweise wie Meister Proper oder Ronald McDonald. «Bei KI-Influencern handelt es sich um von Computern geschaffene Abbilder der vorab konzipierten Personen. Sollte sich das Konzept der KI-Influencer durchsetzen, würden man die KI-Modelle professionalisieren», erklärt Alexander Bürgin, Mitinhaber der Marketing-Agentur we dot. «Unternehmen müssten sich die Frage nach Authentizität und den Grenzen der Akzeptanz solcher Darstellungen stellen. Es könnte zu einem Realitätsverlust führen, wodurch die Glaubwürdigkeit von Marken und Unternehmen verloren gehen könnten», so Bürgin weiter. Die Kundschaft hinterfragt somit die Marken und könnte zum Konkurrenten wechseln.

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Vor allem in einem Punkt sind sich die Experten einig: Bei Aitana Lopez handelt es sich aktuell um ein spannendes und noch unerforschtes Konzept. Erst mit der Zeit wird sich wohl herausstellen, wie effektiv die Strategie tatsächlich ist und ob diese für die Unternehmen ein Mehrwert bieten wird.

veröffentlicht: 9. Dezember 2023 14:56
aktualisiert: 9. Dezember 2023 14:56
Quelle: ArgoviaToday

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