Medikamente

Aargauer Pharmafirma muss schliessen: «Swissmedic findet mich nicht vertrauenswürdig»

5. Januar 2023, 17:28 Uhr
Swissmedic hat die Aargauer Pharmafirma Amino AG vorerst geschlossen. Der Inhaber hat gegen das Heilmittel- und Betäubungsmittelgesetz verstossen. Da die Firma schweizweit der einzige Hersteller des Schmerzmittels Methadon ist, könnte bald ein Lieferengpass herrschen. Auch andere Medikamente sind betroffen.

Quelle: ArgoviaToday / Severin Mayer

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In der Schweiz könnte es in den nächsten Wochen zu einem Lieferengpass des Schmerzmittels Methadon kommen. Die Amino AG, die einzige Schweizer Produktionsstätte, die sich in Gebenstorf befindet, wurde vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic vorerst geschlossen. «Das ist eine Katastrophe», sagt Suchtmediziner Thilo Beck gegenüber «SRF». Doch wie kam es dazu?

Im März 2017 fand eine Aargauer Regionalpolizei mehrere Ampullen und Heilmittelfläschchen bei sieben Jugendlichen. Sie gaben zu, in zwei Liegenschaften eingebrochen zu sein. Dabei handelte es sich um die ehemaligen Produktionsgebäude der Aargauer Pharmafirma Amino AG in Neuenhof. Die Firma ist seit 2007 in Gebenstorf beheimatet. Dem Inhaber der Firma, Edmund Wyss, wurde daraufhin wegen Gefährdung von Umwelt und Menschen der Prozess gemacht.

Bei einer Hausdurchsuchung waren in seinen alten, stark baufälligen Produktionsräumen in Neuenhof diverse Medikamente und Reste von Chemikalien gefunden worden, die dort unsachgemäss gelagert worden waren. Das Bundesgericht bestätigte im November 2022 das Urteil des Obergerichts gegen Wyss, wonach er gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Heilmittelgesetz verstossen hat.

Swissmedic sistiert Betriebsbewilligung

Seit dem 8. Dezember darf die Firma Amino AG nun nichts mehr produzieren und verkaufen. Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic hat die Betriebsbewilligung der Firma sistiert, bis eine neue Person gefunden wird, die für die Produktion verantwortlich ist. Zudem muss diese Person von Swissmedic akzeptiert werden.

Vom Produktionsstopp betroffen sind unter anderem auch Spitäler. Peter Wiedemeier, der Chefapotheker des Kantonsspitals Baden, sagt im «SRF-Regionaljournal», dass dem Spital das Medikament Succinolin fehle, das bei Operationen wichtig ist, weil es die Muskeln schlaff macht. Dem KSB bleibe keine andere Wahl, als das Medikament aus dem Ausland zu beziehen, so Wiedemeier.

Unbefriedigende Situation

Aber auch Menschen, welche Methadon als Heroin-Ersatz verwenden, sind betroffen. In der Schweiz sind dies rund 9000 Personen. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO wird das Schmerzmittel für solche Menschen als lebenswichtig eingestuft. «Die Existenz und die Stabilität des Lebens dieser Menschen ist in Frage gestellt», erklärt Suchtmediziner Thilo Beck gegenüber «SRF».

Weil die Firma die mit Abstand grösste Herstellerin von Methadon-Tabletten in der Schweiz ist, droht ein Versorgungsengpass. Schon jetzt seien die Grosshändler ausgeschossen und könnten kein Methadon mehr an Apotheken oder Ärzte liefern, so Beck. Die Umstellung auf alternative Medikamente ist umständlich und auch der Import aus dem Ausland gestaltet sich schwierig. Laut Beck arbeite die SSAM derzeit intensiv an einer Lösung: «Wir hätten einen deutschen Hersteller, der bereit wäre, Methadon in die Schweiz zu liefern. Doch damit diese Importe vergütet werden, braucht es eine Zulassung durch Swissmedic. Ob das klappt, wissen wir nicht.»

Parteien streiten seit mehr als 20 Jahren

Swissmedic behauptet, man könne dem Inhaber der Gebenstorfer Firma, Edmund Wyss, nicht vertrauen. Trotz Bundesgerichtsurteil sieht sich Wyss jedoch in der Opferrolle. Gegenüber «SRF» sagt er, dass Swissmedic ihn loswerden wolle und dass er wie ein Schwerverbrecher behandelt werde.

Der Streit zwischen Swissmedic und der Amino AG besteht schon seit mehr als 20 Jahren, schon seit 2002 bestehen gemäss dem Heilmittelinstitut einige Mängel bei der Pharmafirma. «Der Inhaber verletzt seine Sorgfaltspflicht wissentlich und seit Jahren», sagte ein Vertreter von Swissmedic vor dem Aargauer Obergericht im Jahr 2020.

Quelle: Aargauer Zeitung /ArgoviaToday
veröffentlicht: 5. Januar 2023 12:30
aktualisiert: 5. Januar 2023 17:28