Ewige Diskussion

«Wir sind nicht zufrieden» – Lokführer rüffeln die SBB

26.12.2022, 11:35 Uhr
· Online seit 26.12.2022, 11:32 Uhr
Die SBB nehmen die Lokführer nicht ernst. Das sagt der Präsident der Verbandszeitschrift Schweizer Lokomotivführer und Anwärter. Für die These hat er auch genügend Gründe. Die SBB wissen um deren Unzufriedenheit.
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Das Abstellgleis 80 in Baden sorgt seit Jahren für Diskussionsstoff. Das zeigt auch der Artikel in der Verbandszeitschrift Schweizer Lokomotivführer und Anwärter (VSLF). «Das Abstellgleis in Baden befährt man ab zu und stellt dort einen Zug ab. Dort sind die Schienen alt und in einem schlechten Zustand. Ausserdem überwächst das Gras die Gleise», sagt Hubert Giger, Präsident der VSLF. Das kann laut Giger gefährlich sein. Das überwachsende Gras schmiert nämlich die Gleise und die Bremswege werden dadurch länger.

Schon 2015 war das ein Thema, da es dort eine Kollision mit einem Prellbock gab. Der Aufprall war so stark, dass sich die schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) einschaltete. Bei der Analyse kam heraus, dass die Lokführer unter vermeintlichem Zeitdruck stehen, fehlende Ortskenntnisse haben und eine schlechte Adhäsion – das sind nasse, von hohem Gras bewachsene Schienen – herrsche. Doch laut Giger sei trotz SUST-Bericht nichts gegangen. «Wir sind zum Teil nicht zufrieden, wie man mit den Meldungen des Lokpersonals umgeht. Wir haben das Gefühl, dass sie die Meldungen ernster nehmen sollten und mehr auf die Sicherheit eingehen müssen.» Für die ganze Infrastruktur in Baden seien die SBB verantwortlich.

Jedoch gab es immer die gleiche Antwort. «Man hat immer darauf hingewiesen, dass die Lokführer die Geschwindigkeit anpassen müssen», so Hubert Giger. Er stimmt zwar zu, dass die Lokführer das Tempo drosseln sollen, doch dass die SBB die Schuld ständig an die Lokführer weitergeben, sei einfach nicht passende die Lösung.

Das sagen die SBB 

Auf Anfrage von ArgoviaToday hiess es vonseiten der SBB: «Die Situation ist uns bekannt. Die SBB nehmen das Thema ernst. Die geltenden Standards werden jederzeit eingehalten. Unsere Fachstellen sind involviert. Beim erwähnten Abstellgleis ist, gemäss deren aktueller Planung, für 2023 eine Fahrbahnerneuerung vorgesehen.»

SBB sehen die Schuld bei den Lokführer

Dass man zum grössten Teil die Schuld bei den Lokführern sehe, zeige auch der Bericht der SBB. Sie führen folgende Punkte für die verursachten Kollisionen auf: Fehlende oder ungenügende Bremsprobe auf Wirkung, keine Geschwindigkeitsreduktion vor dem ‹Fahrt mit Vorsicht› Signal, fehlendes Bewusstsein für die Situation beim Gleis 80. Zudem zeigte der Bericht auch auf, dass der Prellbock nicht zum ersten Mal touchiert wurde. Dies wurde allerdings nicht gemeldet, was auch mit einer Kündigungsangst verbunden sein könnte, wie die Zeitschrift in der aktuellen Ausgabe berichtet. Der Gesamtschaden beim Prellbock auf dem Gleis 80 in Baden belaufe sich laut VSFL auf rund 18'000 Franken. Ein Lokführer, der einen Schaden verursacht hat, meldete einen Unfall beim Prellbock. Daraufhin bekam er eine Kündigungsandrohung ausgesprochen. Die SBB möchten sich über diesen Fall nicht äussern. Auf Anfrage heisst es: «Zur Situation des Lokführers machen wir aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen keine Angaben.»

Wenn nichts geht, drohen den Lokführern Konsequenzen

So kann es nicht weitergehen, wie Giger meint. «Es ist eine Tatsache, dass sich jeder Lokführer selbst schützen muss. Unter anderem, indem man die Geschwindigkeit verlangsamt. Daraus resultieren dann die Konsequenzen, dass wir vielleicht in Zukunft defensiver fahren müssen. Das bedeutet aber eben auch einen Fahrzeitverlust.»

veröffentlicht: 26. Dezember 2022 11:32
aktualisiert: 26. Dezember 2022 11:35
Quelle: ArgoviaToday

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