Prostitution an der Langstrasse

«Alle verdienen mit: Die Clubs, die Vermieter, die Zuhälter, die Polizei»

Lothar Lechner Bazzanella, 21. März 2022, 12:55 Uhr
Der Verein «Heartwings» hilft Prostituierten der Zürcher Langstrasse, aus der Branche auszusteigen. Ein Gespräch über horrende Mietpreise und tausende Sexarbeiterinnen im Kanton Zürich: Wer verdient am Geschäft und warum befürchtet man, dass auch der Krieg in der Ukraine Flüchtende in die Prostitution treiben wird?
Die Langstrasse ist berühmt-berüchtigt für ihr Nachtleben. (Symbolbild)
© Keystone

Jael, du und euer Verein «Heartwings» setzen sich für Prostituierende in Zürich ein. Was sind eure Ziele?

Jael: Unser Ziel ist eigentlich ganz klar: Frauen aus der Prostitution zu holen. Dafür wurde der Verein 2008 von Peter und Dorothe Widmer gegründet, die davor auch schon ähnliche Projekte in Afrika gestartet hatten.

Wie wollt ihr das hier in Zürich erreichen?

Wir haben insgesamt vier Arbeitsbereiche. Zum einen Streetwork: Wir gehen auf den Strassenstrich, in die Clubs der Langstrasse, reden mit den Frauen. Schenken ihnen Essen, Hygienartikel, Kondome. Viele kommen hierher und wissen gar nicht, wie kalt es in Zürich ist. Sie stehen dann mit Flipflops und Mini-Rock im Winter auf der Strasse. Bei uns können sie sich mit Kleidung eindecken. Damit wollen wir Vertrauen aufbauen, was die Basis unserer ganzen Arbeit ist. Denn sind wir ehrlich: Das Vertrauen von allen Frauen, die in diesem Job arbeiten, ist schon mehrmals missbraucht worden.

Ist es schwierig, dieses Vertrauen aufzubauen?

Verdammt schwierig. Aber da hilft es, wenn wir von uns, von unseren Geschichten erzählen. Die Frauen merken: «Hey, ich bin nicht allein in dieser aussichtslosen Situation.» Sie beginnen, sich zu öffnen und ihre Geschichte zu erzählen. Die allerwenigsten sagen, das sei ihr Traum gewesen, seitdem sie ein Kind waren. Man rutscht in die Prostitution, weil man in irgendeiner Art von Notsituation ist. Meistens ist es bittere Armut. Die Prostitution ist für viele der letzte Weg, aus dieser Armut rauszukommen.

Dabei helft ihr?

Genau. Das ist unser zweiter Arbeitsbereich: Wir helfen den Frauen, die ihr Leben ändern wollen. Egal ob mit Geld, Wohnungen oder Beratung. Wir unterstützen den Schritt in die Legalität. Wir haben eine Putzfirma gegründet und stellen die Frauen dort an. Sie erhalten einen offiziellen Arbeitsvertrag, 25 Franken die Stunde, eine Aufenthaltsgenehmigung, eine Wohnung, für die wir die erste Zeit lang aufkommen.

Ein ausbeuterisches System? Wie frei sind die Frauen der Langstrasse? (Symbolbild)

© ZüriToday

Warum mieten die Frauen denn nicht ganz normale Wohnungen in der Stadt?

Weil so gut wie niemand einer Prostituierten eine Wohnung geben würde. Vor allem haben sie oft auch nicht das Geld, eine Kaution zu hinterlegen. Sobald sie von uns einen Arbeits- und Mietvertrag erhalten haben, können die Frauen endlich damit beginnen, ihr Leben und ihren Lebenslauf aufzubauen. Was sollen sie denn sonst da reinschreiben? «Ich arbeite seitdem ich 16 bin in der Prostitution?»

Wo müssten die Frauen sonst leben, wenn nicht in euren Wohnungen?

Sonst würden sie in der Regel ein Zimmer hier an der Langstrasse beziehen. Und horrende Summen von 500 bis 1000 Franken die Woche zahlen. Grund: Viele sind hier nicht gemeldet. Dürften keine Wohnung beziehen, kein Bankkonto eröffnen, ja nicht einmal einen Handyvertrag unterschreiben. An der Langstrasse aber stellt keiner mühsame Fragen. Das Bürokratische fällt weg. Dafür nehmen die Frauen die hohen Preise in Kauf. Und die miserablen Zustände der Wohnungen.

Miserable Wohnungen mitten in Zürich? Ist es wirklich so schlimm?

Wir sind oft in den Wohnungen. Und die Zustände sind erschreckend. Eine Wohnung, zehn Zimmer, dutzende Frauen. Eine Küche mit Gaskocher, Stockbetten und Matratzen auf dem Boden, keine Waschmaschine. Im Normalfall würde hier sofort der Mieterschutz reagieren. Aber verständlicherweise beschwert sich keine von den Frauen, da sie Strafen vom Staat und von den Vermietern und Zuhältern fürchten.

Und zahlen aus diesem Grund auch horrend hohe Preise. Verdient man denn gut als Prostituierte in der Stadt?

Nein, das ist ja das Problem. Die Mieten sind unbezahlbar hoch, weshalb sich die Frauen oft verschulden und noch mehr in die Abhängigkeit der Zuhälter und Clubs rutschen. Dazu kam dann Corona: Die Preise fielen ins Bodenlose. Für zehn Franken konnte man an der Langstrasse schon alles Mögliche bekommen. Ausserdem gibt es noch die Bussen, die die Polizei verhängt. Die Langstrasse ist nämlich kein offizieller Strassenstrich.

Du hast Corona angesprochen. Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf die Branche?

Wir haben von vielen Frauen gehört, dass sie während dieser Zeit in die Prostitution eingestiegen sind, da das Sozialangebot in anderen Ländern einfach nicht so gut ist wie hier in der Schweiz. Viele dieser Frauen sind auch nach Zürich gekommen. Ausserdem gaben die Frauen an, dass seit Corona die Freier vermehrt ausbleiben. Wir haben also ein Überangebot an Prostutierten, was die Preise noch weiter drückt. Dazu kam dann das temporäre Prostitutionsverbot während des Lockdowns. Dies hat die Preise noch mehr gesenkt.

Wieso bleibt man trotzdem in der Branche?

Eben weil man meistens nicht anders kann. Weil man Schulden hat, weil man eine Familie daheim ernähren muss. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre. Wenn man ausssteigt, dann steht man da, ohne Wohnung, ohne AHV, ohne Eintrag im Lebenslauf. Ohne Hilfe ist das fast nicht machbar. Dazu kommen dann die psychologischen Aspekte, was das Ganze noch kniffliger macht.

Was meinst du damit?

Die Frauen sind oft in diesem schrecklichen Geschäft gross geworden, sie kennen nichts anderes. Da ist das Einzige, was du kennst, immer noch besser als alles, was du nicht kennst. Ähnliche Phänomene gibt es bei Kindern mit gewalttätigen oder alkoholsüchtigen Eltern. Obwohl es für die Kinder so schlimm ist, wollen sie doch nicht weg, weil es das einzige Zuhause ist, das sie kennen. In der Prostitution ist das nicht anders. Du bist im System dann ja doch jemand, kennst die Spielregeln und alles Fremde macht dir Angst. Es gibt dir Sicherheit, auch wenn es die Hölle ist.

Auch hier versucht ihr zu helfen?

Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Hier müssen wir Vertrauen aufbauen und den Frauen eine andere Welt, eine andere Realität zeigen. Wir hatten Frauen, die lebten seit Jahren hier und waren nur an der Langstrasse. Die wussten nicht mal, dass es in Zürich einen See gibt. Eine glaubte einmal sogar, sie sei in Frankreich. Hier öffnen wir neue Perspektiven. Dann findet auch bei den Frauen ein Prozess statt. Die merken: «Wer macht denn den Scheiss hier freiwillig? Wenn ich Bock auf Sex hätte, könnte ich doch in einen Club gehen und einen Mann suchen, der mir gefällt und nicht einem Wildfremden für 20 Franken einen blasen.»

Niemand mache diesen Job freiwillig, meint der Verein Heartwings.

© iStock (Symbolbild)

Wie lange unterstützt ihr die Frauen finanziell?

Weniger lange als man glauben würde. Es ist wichtig, den Frauen in den ersten Monaten zur Seite zu stehen. Danach werden die allermeisten verdammt selbstständig. Finden eine weitere Arbeit, besuchen Kurse, lernen die Sprache, schaffen den Ausstieg. Es ist echt grossartig, das mitzuerleben.

Wie finanziert ihr euch?

Wir leben nur von Spenden. Anders wäre das nicht möglich. Denkt man nur an die Krankenkassen-Kosten, die eine Frau dann ja rückwirkend zahlen muss, seitdem sie in der Schweiz lebt, kommen schon horrend hohe Summen zusammen.

Erkennt ihr eine systematische Ausbeutung im Milieu an der Langstrasse?

Auf jeden Fall. Es ist ein System von Ausbeutung, an dem jeder mitverdient. Die Clubs, die Vermieter, die Zuhälter, die Liegenschaftsbesitzer, die Restaurants. Selbst die Polizei, die ja ordentliche Strafen verteilt. Alle verdienen mit, weil so viele Frauen hier sind.

Und wie viele Frauen sind denn eigentlich hier?

Das ist eine schwierige Frage. Da ja keine registriert ist, weiss keiner wie viele Prostituierte in der Stadt oder im Kanton genau arbeiten. Einzig der Kanton Bern führt eine Statistik. Beschämend für ein Land wie die Schweiz. Ehrlich gesagt müssen wir eingestehen: Wir haben keine Ahnung, wie viele sich gerade hier aufhalten. Es werden wohl einige Hunderte, wenn nicht Tausende im Kanton sei.

Tausende?

Ja, ich denke, dass die Schätzung durchaus hinkommt. Blicken wir allein auf die Stadt Zürich: Etwa 100 Clubs, in denen hunderte Frauen arbeiten. Dazu die Wohnungsbordelle, die Escort-Dienste, dutzende Websites, der inoffizielle Strassenstrich an der Langstrasse und der Strichplatz. Da kommt eine hohe Zahl zusammen.

Du hast vorhin die prekäre Situation aufgrund der Corona-Krise genannt. Denkst du, dass auch der Ukraine-Krieg einen Einfluss auf die Branche hat oder haben wird?

Bis jetzt haben wir diesbezüglich in der Stadt noch nichts gemerkt. Wir rechnen aber damit, dass es einen Anstieg geben könnte von Frauen aus der Ukraine. Bereits jetzt sprechen Organisationen vor Ort, dass der Krieg Menschenhändler auf den Plan gerufen hat, die die Lage der Flüchtenden ausnützen wollen. Es gibt ganz sicher auch hier in der Schweiz Männer, die daraus Profit ziehen möchten. Ein Instagram-Post einer schwedischen Aktivistin gegen Pornografie ziegt, dass in den letzten Wochen die Suchbegriffe «ukrainian girl» und «ukraine» sehr häufig gesucht wurden. Das muss zu denken geben.

Wenn ihr etwas am Umgang mit den Prostituierten hier ändern könntet, was wäre es?

Das wäre zum einen sicher das Bild, das die Gesellschaft von den Frauen, ihren Beweggründen und ihrer Arbeit hat. Deshalb geben wir auch Vorträge an Schulen. Hier müssen wir nämlich ansetzen und das Denken der Gesellschaft verändern.

Welche Art von Denken?

Dafür muss ich weiter ausholen. In den Schulen, die wir besuchen, wird ja altersgerecht Sexualunterricht gelehrt. Und da heisst es immer wieder, es ist in Ordnung Pornos zu gucken oder zu einer Prostituierten zu gehen. Das tönt harmlos, aber genau hier fängt es an. Die Kinder lernen: «Wenn du Lust hast, schau einen Porno.» Ohne dabei zu wissen, dass hunderttausende dieser Videos zum Beispiel Frauen zeigen, die das machen müssen. Ich weiss ganz genau, dass man in einigen Clubs nur ein wenig mehr zahlen muss und dafür seine ganzen Handlungen mit den Frauen filmen kann. Das lädt man dann problemlos auf die Porno-Seiten hoch. Ob es die jeweilige Frau interessiert oder nicht.

Auf einer Wand im Büro von Heartwings können die Frauen ihre Wünsche und Träume festhalten.
© ZüriToday

Du denkst, die Erziehung der Jugend ist ein wichtiger Faktor?

Absolut. Wir sprechen oft mit Jungs, die beginnen mit 10 oder 11 Jahren Pornos zu gucken. Nicht nur, dass daraus eine regelrechte Sucht entstehen kann und dann Kinder mit uns reden und weinend gestehen, dass sie davon nicht mehr loskommen. Dass sie sich nicht mehr konzentrieren können und merken, dass es ihnen nicht guttut. Dazu kommen Kanäle wie Instagram, Tiktok oder Only-Fans. Oder die Jugendsprache und die Liedtexte von gefeierten Rappern. Dadurch wird das Bild von Sex, das Jugendliche haben, komplett verzerrt.

Was meinst du damit?

Diese Kinder landen dann als junge Erwachsene in den Clubs und Bordellen und wollen die perversesten Sachen von den Frauen. Nur mehr anal, nur mehr ohne Gummi, nur mehr Hardcore. Weil ihr Bild von Sex von den Pornos ihrer Jugend geprägt worden ist. Hier muss man auf jeden Fall ansetzen und sich fragen, was eine solche Entwicklung aus unserer Gesellschaft macht und wie es den Leidtragenden – nämlich den Frauen, die sich nicht wehren können – dabei geht. Das wäre mein erster Wunsch.

Was muss sich sonst noch ändern?

Ich denke, dass es auch neue Gesetze im Bereich der Prostitution braucht. Ein Vorbild wäre zum Beispiel das Freierbestrafungsgesetz nach dem nordischen Modell. Hier steht nicht die Prostitution unter Strafe, sondern vielmehr die Inanspruchnahme.

Und du denkst, das könnte die Situation der Frauen verbessern?

Es wäre einen Versuch wert, finde ich. Schweden hat das seit 23 Jahren und gute Erfahrungen damit gemacht. Hier in der Schweiz heisst es salopp: «Wenn es dich juckt, dann geh halt zu einer Nutte.» Sobald man aber die Inanspruchnahme der Dienste unter Strafe stellt, überlegt sich der Freier dann zweimal, ob er das machen will. Ähnlich wie beim Kiffen oder anderen Drogen. Das würde auch das Bewusstsein schärfen. In Schweden ist eine Generation grossgeworden, die gelernt hat, dass es nicht ok ist, eine Frau für Sex zu kaufen. Dass es den Frauen schadet. Auch die Frauen haben dadurch ein anderes Bild von sich selbst erhalten.

Inwiefern?

Bei uns heisst es immer: «Hey, die sind so emanzipiert, die machen die Arbeit, weil sie das wollen.» Das ist aber einfach nicht wahr. Sie machen das, weil sie keine andere Wahl haben. Hier muss unsere Gesellschaft aufwachen und sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen: «Ist es in Ordnung, einen Menschen zu kaufen und mit ihm zu machen, was man will?»

Quelle: ZüriToday
veröffentlicht: 19. März 2022 11:26
aktualisiert: 21. März 2022 12:55
Anzeige