Geschlechtsangleichung

Beschwerde eingereicht: SRF soll falsch über trans Jugendliche berichtet haben

17.02.2024, 06:53 Uhr
· Online seit 17.02.2024, 06:42 Uhr
Transgender Network Switzerland (TGNS) hat eine Beschwerde gegen einen SRF-Beitrag über die Behandlung von trans Jugendlichen eingereicht. Dieser sei einseitig, erwecke einen falschen Eindruck und schüre Ängste.
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Am 17. Januar strahlte SRF in der «Rundschau» und in «Schweiz Aktuell» Berichte über die medizinische Behandlung von trans Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus. Gleichzeitig veröffentlichte SRF einen Online-Artikel zum Inhalt der Fernsehsendungen.

Die Sendungen und der Artikel zeigen drei Personen, die im jugendlichen und jungen Erwachsenenalter eine Geschlechtsangleichung vorgenommen haben. Meli (35) kam als Mädchen zur Welt, wurde zum Mann und lebt jetzt wieder als Frau. Cédric (18), der anonym auftritt, will mit 14 das Geschlecht angleichen, fühlt sich unter Druck gesetzt und bricht seine Behandlungen eineinhalb Jahre später ab. Raphael (16) kam in einem weiblichen Körper zur Welt, macht jetzt eine Testosteron-Therapie und ist mitten im Transitionsprozess.

Die SRF-Beiträge wurden nach ihrer Veröffentlichung scharf kritisiert. Erwecken sie den Eindruck, dass trans Jugendliche falsch und zu früh behandelt werden? Sind die Sendungen einseitig und schüren Ängste? Ja, findet das Transgender Network Switzerland (TGNS). Der Verein, der sich für die Rechte von trans Menschen in der Schweiz einsetzt, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen das SRF und beanstandet die Beiträge von «Impact Investigativ» und «Schweiz Aktuell» sowie einen Online-Artikel.

«Tendenziöse Berichterstattung, die Ängste schürt»

Die Berichterstattung fokussiert laut TGNS auf die Gefahr von Fehlentscheidungen und wirft Fachpersonen vor, sie würden die Jugendlichen unsorgfältig begleiten und vorschnell Diagnosen stellen. «Die Sendung zielt nicht wirklich auf eine ausgewogene Berichterstattung ab», sagt Anis Kaiser von Transgender Network Switzerland. «Es handelt sich vielmehr um eine tendenziöse Darstellung eines aktuellen Themas, die darauf abzielt, Ängste zu schüren, einen objektiven Blick auf das Thema zu verhindern und eine transfeindliche Perspektive auf die Transition von Minderjährigen zu beleuchten.»

Der Verein hat im Beschwerdetext detailliert aufgeführt, in welcher Form welche Passagen wie geframet wurden. Und hält in jeder der drei Beanstandungen Vorwürfe fest. Dazu gehört unter anderem:

  • Auslassungen, Zuspitzungen und Framing erzeugen in der Reportage den Eindruck, dass trans Jugendliche falsch und zu schnell behandelt würden. Aussagen werden weder fachlich eingeordnet noch hinterfragt, sondern skandalisiert. (Schweiz Aktuell)
  • Er (der Artikel) erzeugt den Eindruck, es gebe zahlreiche Behandlungsfehler, viele zu früh gestellte Diagnosen und etliche junge trans Personen, die irrtümlich geschlechtsangleichende Massnahmen durchführen lassen. (Online-Beitrag)

«Viele Eltern haben uns geschrieben und sich beschwert, dass ihre Perspektive nicht einbezogen wurde», sagt Anis Kaiser. TGNS kritisiert ausserdem die «verzerrte bis falsche» Darstellung von Studienresultaten.

Eltern sollen aus Umfeld einer transfeindlichen Organisation kommen

Der Anlass für die SRF-Berichte war eine Beschwerde von Eltern an die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. Ein weiterer Vorwurf des Vereins ist nun, dass diese Eltern aus dem Umfeld einer Organisation stammen, die Behandlungen von trans Jugendlichen in Verruf bringen und gefährden will, namentlich AMQG. Tatsächlich hat SRF selbst erwähnt, dass die Eltern, welche die Beschwerde geschickt haben, mit der AMQP zu tun haben.

Weil die Berichte Ängste verstärken, die Eltern von trans Kindern und Jugendlichen sowieso schon belasten, führt das laut TGNS dazu, dass es nun noch schwieriger ist, Akzeptanz zu finden. Anis Kaiser weiss, wie ein gelungener Bericht unter anderem hätte aussehen sollen: «Eltern sollten in einer repräsentativen Art und Weise zu Wort kommen, auch positive Feedbacks müssen angehört werden.» Es sei klar, dass es für Eltern nicht immer einfach ist, ihre Kinder auf diesem Weg zu begleiten und dieser Weg Sorgen und Fragen aufwirft.

«Es wäre interessant gewesen, diesen Sorgen und Fragen Raum zu geben, da sie meistens von Eltern geäussert werden, die lange nach psychotherapeutischen Fachleuten suchen, die das tiefe Bedürfnis nach Transition ihrer Kinder ernst nehmen und bereit und kompetent sind, diesen Prozess sowie die Eltern selbst zu begleiten.» Ausserdem sei es laut Anis Kaiser äusserst wichtig gewesen, auch die positiven Erfahrungen mit Fachleuten sorgfältig zu berücksichtigen.

SRF nimmt Stellung

Auf Anfrage bestätigt SRF, dass die Beanstandung am 3. Februar 2024 eingetroffen ist und dementiert die Vorwürfe. «Die Beiträge hatten nicht zum Gegenstand, grundsätzlich schnelle Abklärungen und Behandlungen von trans Jugendlichen zu kritisieren. Es wurde gar die Wichtigkeit von schneller Hilfestellung für Betroffene betont.»  In der Berichterstattung sei das Thema breit beleuchtet worden, etwa auch mit einer erfolgreichen Transition eines Jugendlichen.

Weiter sei es um Fälle gegangen, die das Tempo und die Sorgfalt der Abklärungen und Behandlungen kritisierten, aufgrund einer breit abgestützten Recherche bei betroffenen Eltern und Jugendlichen. «Betroffene erhoben darin konkrete Kritik gegenüber der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie KJPP. Deren Chefärztin und Leiterin der Sprechstunde für Geschlechtsidentität, Dagmar Pauli, erhielt ausführlich die Gelegenheit zur Stellungnahme», schreibt SRF weiter. Es sei in den Beiträgen auch klargestellt worden, dass viele Familien zufrieden waren mit der Begleitung von Dagmar Pauli.

veröffentlicht: 17. Februar 2024 06:42
aktualisiert: 17. Februar 2024 06:53
Quelle: ZüriToday

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