Alkoholverbot

Ex-Migros-Chef Bolliger: «Auf etwas zu verzichten, hat auch einen Wert»

16. Juni 2022, 13:23 Uhr
Der Aargauer Herbert Bolliger war von 2005 bis 2017 Chef der Migros. Er warnte schon früh davor, dass die Abschaffung des Alkoholverbots in der Migros zur Spaltung führen könnte. Im Interview mit Radio Argovia zeigt er sich erleichtert über den Entscheid der Genossenschaftler, das Alkoholverbot beizubehalten.
Herbert Bolliger war von 2005 bis 2017 Chef der Migros. Er wehrte sich gegen die Aufhebung der Alkohol-Verkaufsverbot in der Migros. (Archivbild)
© KEYSTONE/Walter Bieri

Der 68-jährige Herbert Bolliger geniesst gerade Ferien mit seiner Frau in einem Hotel, wo es keinen Alkohol gibt. Fast schon kitschig, wenn man bedenkt, dass sich der Ex-Migros-Chef schon früh dafür stark machte, dass der orange Riese das Alkoholverbot beibehalten soll. Umso erfreulicher war für ihn der Entscheid der Genossenschafter, weiterhin auf Alkohol im Migros-Sortiment zu verzichten. Trotz Urlaub nahm sich Bolliger für Radio Argovia Zeit für ein paar Fragen zum lang erwartenden Entscheid.

Herbert Bolliger, die Schlagzeile «Die Migros bleibt alkoholfrei» ging am Donnerstagmorgen wie ein Lauffeuer durch die Schweizer Medien. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es sehr gut und ich habe mich sehr über diese Nachricht gefreut. Es ist ein toller Tag.

Alle zehn Genossenschaften haben gegen die Aufhebung des Alkoholverbots gestimmt. Haben Sie mit einem so deutlichen Ergebnis gerechnet?

Nein, darüber war ich sehr überrascht. Ich habe damit gerechnet, dass einige Genossenschaften wie zum Beispiel das Tessin oder Wallis ja zur Aufhebung des Alkoholverbots sagen. Aber das auch dort Nein gesagt wurde, das hat mich doch erstaunt. Aber dieser Entscheid ist gut für die Migros, weil es jetzt keine unterschiedlichen Regelungen in den verschiedenen Genossenschaften gibt.

Was bedeutet dieser Entscheid jetzt für die Migros?

Es bedeutet, dass die Basis – also die Genossenschafterinnen und Genossenschafter – sich klar zu den Grundwerten der Migros bekennen. Und das Alkoholverbot ist ein solcher Grundwert, auch wenn das nicht alle wahrhaben wollen und in der Abstimmungskampagne ganz anders argumentiert haben. Das Ergebnis zeigt nun, dass die Basis dieses Alkoholverbot aber klar als Grundwert sieht.

Der 68-jährige Herbert Bolliger ist gebürtiger Aargauer und war von 2005 bis 2017 Chef der Migros. Dass er sich für ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit stark machte, kam beim orangen Riesen nicht nur gut an.

© KEYSTONE/Walter Bieri

Es geht also um mehr als nur die Plattitüde «de Dutti wörd sich im Grab umtreie»?

Gottfried Duttweiler hat sich in den letzten Jahren schon zigmal im Grab drehen müssen und kommt gar nicht mehr zur Ruhe. Aber bei diesem Thema bin ich überzeugt, dass auch er klar Nein gesagt hätte.

Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass das Alkoholverbot die Migros gegenüber der Konkurrenz ausbremst. Hat man mit dem Ja zum Alkoholverbot nicht auch eine Chance verpasst?

Nein, das hat man bestimmt nicht. Auf etwas zu verzichten, hat eben auch einen Wert. Im Geschäft geht es nicht immer nur um Umsatz, sondern auch um die Werte, die ein Unternehmen verkörpert. Und die Migros steht mehr zu diesen Werten als andere Detailhändler. Und ein zentraler Wert der Migros ist nun mal, dass kein Alkohol verkauft wird. Sowieso macht die Migros mit dem Verkauf von Alkohol im Denner genügend Umsatz.

Herbert Bolliger, Sie waren selber lange Chef der Migros. Was bedeutet dieser Entscheid für Sie persönlich?

Für mich bedeutet es, dass viele Leute die Migros gleich sehen wie ich. Nämlich als ein Unternehmen, welches noch andere Werte vertritt und auch dazu steht. Und das finde ich sehr schön.

Intern war die Migros nicht glücklich darüber, dass Sie sich als Ex-Chef in der Öffentlichkeit stark für den Erhalt des Alkoholverbots gemacht haben. Gibt es jetzt ein Hausverbot für Sie?

Das weiss ich nicht. Ich gehe auf jeden Fall nach wie vor in der Migros einkaufen und werde nach wie vor sehr freundlich begrüsst. Das zeigt mir auch, dass das Verkaufspersonal die ganze Thematik ähnlich sah wie ich. Ich habe den Eindruck, dass diese Leute, welche nun enttäuscht über den Entscheid sind, zu wenig auf die Basis, auf ihre Genossenschafter hören. Jetzt sind sie halt ein wenig gefrustet.

In einem Interview mit dem «Blick» haben Sie gesagt, dass Sie bei einem Abstimmungssieg mit Champagner oder Bier anstossen werden. Haben Sie das schon gemacht?

Nein, das habe ich noch nicht gemacht. Ich bin mit meiner Frau gerade in einem Hotel, wo es keinen Alkohol gibt. Ich mache etwas für meine Gesundheit, deshalb muss ich das verschieben. Aber ich werde das bestimmt nachholen. Das Erste, was ich am Morgen zu meiner Frau sagte, war, dass wir jetzt nicht mal die Champagnerkorken knallen lassen können.

Quelle: ArgoviaToday
veröffentlicht: 16. Juni 2022 13:11
aktualisiert: 16. Juni 2022 13:23
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