Schweiz

Schweizer Kinder erkranken häufiger an der «fleischfressenden Krankheit»

Invasive Streptokokken

Schweizer Kinder erkranken häufiger an der «fleischfressenden Krankheit»

· Online seit 26.06.2023, 11:18 Uhr
Von Oktober 2022 bis Februar 2023 mussten 162 Kinder und Jugendliche in der Schweiz mit einer möglichen Streptokokken-Infektion stationär behandelt werden – deutlich mehr als in anderen Jahren. Vier Kinder sind gestorben. Was steckt hinter der «fleischfressenden Krankheit»?
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Invasive Streptokokken – was nach etwas Fiesem klingt, ist tatsächlich etwas ziemlich Fieses. Die Bakterien können eine schwere Infektion hervorrufen, die sich innert Kürze im ganzen Körper ausbreitet – und zum Tod führen kann. In der Schweiz wie auch in anderen Ländern gab es 2022 mehr Fälle. Die WHO warnte Ende vergangenen Jahres von einer «Zunahme invasiver Streptokokken-Infektionen der Gruppe A unter Kindern in Europa mit teilweise tödlichem Ausgang».

Zum Vergleich: 2019 waren es insgesamt 41 Fälle, im Jahr 2020 18. Dies zeigt die Erfassung der Swiss Paediatric Surveillance Unit. Wie kam es zu diesem Anstieg? Und was ist das für eine Krankheit, die innert kurzer Zeit vier Kinder das Leben gekostet hat?

Bakterien lösen Infekte aus

«Streptokokken sind Bakterien, die gesunde Menschen auf sich tragen, aber auch schwere Infekte hervorrufen können», erklärt Annelies Zinkernagel im Gespräch mit ZüriToday. Sie ist Klinikdirektorin der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich (USZ) und Professorin für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene an der Universität Zürich.

Bakterien sind nicht grundsätzlich gefährlich. Sie besiedeln uns und schützen so unsere Haut oder Schleimhaut vor krankmachenden Bakterien.

«Gelangen aber solche Bakterien an den falschen Ort, etwa durch Hautschnitte, oder beginnen sie plötzlich, ihre bakteriellen ‹Waffen›, die Virulenzfaktoren, hochzufahren, können wir schwere Infektionen erleiden», so Zinkernagel.

Bakterium «frisst» sich durch das Gewebe

«Gruppe-A-Streptokokken (Streptococcus pyogenes) sind Bakterien, die uns normalerweise nur besiedeln, ohne uns krankzumachen», erklärt Zinkernagel. Manchmal durchbrechen sie aber unsere Haut- oder Schleimhautbarriere.

Es kommt zu oberflächlichen Infekten – etwa Rachenentzündungen, Scharlach und Hautentzündungen. Solche Infektionen sind häufig, vor allem bei Kindern. Sie verlaufen selten schwer.

«Wenn die Bakterien tiefer eindringen, sprechen wir von schweren invasiven Streptokokken-Infekten. An diesen können Menschen schwer erkranken oder sogar sterben», sagt Zinkernagel. Zu diesen Infekten zählt auch die Krankheit mit dem morbiden Namen «Flesh Eating Disease» – Nekrotisierende Fasziitis in der Medizinsprache.

Nun mussten also deutlich mehr Kinder mit dieser Krankheit behandelt werden. Dies bestätigt auch Annelies Zinkernagel: «Relativ viele Kinder waren betroffen.» Was war dieses Jahr anders als in den Jahren zuvor?

Mehr Infektionen in der Region Zürich

«Es gibt immer wieder Berichte über Ausbrüche von invasiven Streptokokken», erklärt Annelies Zinkernagel. Typischerweise beginnen die Zahlen Anfang Jahr zu steigen und nehmen im Frühling wieder ab. Dieses Jahr sei es anders gewesen: «Schon im Oktober, November und Dezember haben wir eine Zunahme beobachtet.»

Zinkernagel relativiert: «In der Schweiz gibt es keine Meldepflicht. Somit ist die offizielle Anzahl der Infektionen mit invasiven Streptokokken nicht genau bekannt.»

Andere Länder, wie die Niederlande, erheben aber Zahlen und zeigen ein klares Bild. Waren die Fälle dort in den letzten Jahren stabil oder sanken unter den Covid-19-Schutzmassnahmen, stiegen sie danach deutlich. Besonders bei Kindern im Alter von 0 bis zehn Jahren seien die Streptokokken Infekte nach der Covid-19 Pandemie quasi explodiert, so Zinkernagel.

Trotz fehlender Daten für die Schweiz sagt auch die Ärztin: «In der erweiterten Region Zürich haben wir eine Häufung gesehen. Deutlich mehr als während der Covid-19-Pandemie, als wir fast keine invasiven Streptokokken-Infektionen gesehen haben.»

Infektionen wegen Covid

Wie kam es zum Anstieg der Fälle in den letzten Monaten? Annelies Zinkernagel erklärt: «Wir beobachten folgenden Effekt: Die Schutzmassnahmen, etwa Handhygiene, Maskentragen, während der Pandemie sind nicht nur effektiv, um eine Ansteckung mit SarsCoV-Viren zu verhindern, sondern auch, um eine Infektion mit anderen Atemwegserkrankungen zu vermeiden».

Es sei zu weniger Infektionen durch SarsCov wie auch durch Bakterien wie die Gruppe-A-Streptokokken gekommen. «Wir sahen deshalb auch weniger invasive Infektionen. Als Nebeneffekt wird das Immunsystem weniger ‹trainiert›, weil es weniger mit Erregern in Kontakt kommt», so Zinkernagel.

Die zweite Vermutung könne erklären, warum es diese Saison so früh zu den Infektionen gekommen war. «Die Grippe-Saison war früher als normalerweise und wir hatten eine schwere und auch frühe RSV-Welle», so Zinkernagel. Vor allem Kinder sind vom RS-Virus betroffen. «Influenza und andere Viren führen dazu, dass ein bakterieller Infekt viel schwerer verläuft.»

«Diese zwei Faktoren erklären zu einem gewissen Grad, warum es mehr Fälle von Infektionen mit Invasiven Streptokokken gab und diese früher auftraten», fügt die Ärztin hinzu.

Amputationen und Tod möglich – doch es gibt Therapien

Die Vorstellung, dass sich ein Bakterium durch die eigene Haut frisst, ist keine schöne. Vor allem nicht bei Kleinkindern. Eine Infektion mit invasiven Streptokokken kann sich sehr schnell im Körper verbreiten. Wie kann man die Krankheit therapieren? Die Therapie bestehe aus zwei Ansätzen, so Zinkernagel. Einerseits versucht das Gesundheitspersonal die Bakterien mit zwei Antibiotika abzutöten. «Wir haben erkannt, dass die Therapie besser ist, wenn man zwei Antibiotika miteinander kombiniert», erklärt die Ärztin.

Andererseits werde versucht, die Bakterien zu «entwaffnen», sie weniger krankmachend zu machen. Denn: «Wenn es zu viele Bakterien hat und man zu spät therapiert, kann man sterben.» Ist die Infektion bereits stark fortgeschritten, werde versucht, das tote Gewebe – und die Bakterien – wegzuschneiden. So könne das Antibiotikum besser wirken. «Um die Infektion unter Kontrolle zu bringen, kann es deshalb auch zu Amputationen kommen», erklärt Zinkernagel.

Rückgang der Infektionen seit drei Monaten

Wie kann man sich gegen eine Infektion schützen? Die Centers for Diesease Control and Prevention raten, möglichst oft, die Hände zu waschen und Wunden zu reinigen und zu pflegen. Gibt es eine Impfung? Zurzeit noch nicht, doch weltweit seien verschiedene Gruppen daran, eine Impfung zu entwickeln, so Zinkernagel. Die Ärztin rät: Wenn Symptome auftreten, sofort in ärztliche Behandlung gehen.

Der Peak war im Herbst und Winter 2022. Müssen sich Eltern von Kindern jetzt immer noch Sorgen machen? «Es ist eine Winter-Krankheit», sagt die Expertin. «Mein Eindruck ist, dass es jetzt wieder viel ruhiger geworden ist.» Dieser Eindruck zeigt sich auch in den Daten der Swiss Paediatric Surveillance Unit. Waren es in der ersten drei Monaten noch jeweils rund 40 gemeldete Fälle, sind es seit Frühlingsbeginn nur noch etwa die Hälfte. Für den Monat Juni sind Stand 15. Juni noch keine Fälle bekannt.

Zinkernagel will weder einen Hype anregen noch Angst schüren. Sie betont zwar, dass eine Infektion mit invasiven Streptokokken sehr dramatisch verlaufen könne – sie sei aber selten. Aber: «Es gab vermehrte Fälle bei kleinen Kindern, was die Menschen natürlich alarmiert.»

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veröffentlicht: 26. Juni 2023 11:18
aktualisiert: 26. Juni 2023 11:18
Quelle: ZüriToday

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