Veronica Lake

Höhenflug und tiefer Fall: Die tragische Geschichte eines Filmstars

René Rödiger, 14. November 2022, 11:02 Uhr
Sie war der Inbegriff der «Femme fatale», eine Ikone des Film Noir: Veronica Lake. Dabei war ihr Leben selbst eine filmreife Tragödie. Am 14. November 2022 wäre Veronica Lake 100 Jahre alt geworden.
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«Ich war psychologisch nie dafür gemacht, ein Filmstar zu werden.» Das sagte Veronica Lake in einer Talkshow 1971. Nur zwei Jahre vor ihrem Tod.

Dabei hatte Lake, mit bürgerlichem Namen Constance Frances Marie Ockleman, alles erreicht. Bereits während ihrer Zeit in der High School in Florida machte sie bei der Wahl zur Miss Miami mit, sie wurde Dritte. Die Wahl zur Miss Florida kurz darauf gewann sie. Es passt zu ihrem Leben, dass sie diesen Titel nur für ein paar Minuten hatte: Als Minderjährige wurde er ihr gleich wieder aberkannt.

«Völlig talentlos»

Als Lake 16 Jahre alt war, zog ihre Familie nach Hollywood. Ihre Mutter hatte Grosses mit ihr vor: Sie sollte ein Star werden. Die junge Veronica wurde auf eine Schauspielschule geschickt. Schon bald bekam sie kleinere Rollen. «Ich war schrecklich. Du hättest mein ganzes Talent in dein linkes Auge stecken können und hättest noch immer kein bisschen schlechter gesehen», sagte Lake über ihre ersten Auftritte.

Lake wurde trotzdem 1940 zum MGM-Studio für einen Aufnahmetest eingeladen. Es wurde – laut ihren eigenen Angaben – ein Desaster. Allerdings lernte sie dort den 16 Jahre älteren John Detlie kennen, sie heirateten noch im selben Jahr.

Veronica Lake mit ihrem Markenzeichen: Die Haare verdecken ein Auge.

© Getty Images

Der (kurze) Höhenflug

Und plötzlich kam auch ihre Karriere in Schwung: Als Nachtclub-Sängerin in «I Wanted Wings» (1941) wurde sie über Nacht berühmt. Weniger für ihr Talent. «Meine Haare sind mir immer wieder über ein Auge gefallen, es war richtig peinlich», sagte Lake, die in diesem Film erstmals unter ihrem Künstlernamen auftrat.

Die Haare über dem einen Auge – und das zu einer Zeit, in der das niemand auf der Leinwand hatte: Es wurde zum Markenzeichen Veronica Lakes. Das Magazin «Life» widmete Lakes Stil gleich drei Seiten: 150'000 Haare soll sie haben und sie benutze ein Shampoo-Öl-Essig-Gemisch, um sie zu pflegen.

Jetzt war Lake ein Star. In «This Gun for Hire» (1942) spielte sie erstmals an der Seite ihres langjährigen Filmpartners Alan Ladd. Das Publikum und die Kritiker liebten Lake. Ihre Co-Stars nicht. Lake wurde als launisch bezeichnet, sie verschwand immer wieder grundlos vom Set, sie trank (zu) viel Alkohol.

Der eifersüchtige Ehemann

Ein Kassenschlager nach dem anderen folgte. Lake war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Gleichzeitig steuerte ihre Ehe auf einen Tiefpunkt zu: Lohn Detlie war es leid, immer nur «Mr. Lake» zu sein. Er ging zur Armee und zwang Veronica und das gemeinsame Mädchen, dass sie in der Zwischenzeit hatten, mit ihm nach Seattle zu zügeln. Er wolle sich alleine um die Familie kümmern, er verbot Lake, weitere Filme zu machen.

Lake liess sich die Schauspielerei nicht verbieten. Sie kehrte nach Hollywood zurück. Als Lake wieder schwanger wurde, schien es, dass die Ehe mit Detlie doch noch zu retten war. Doch es sollte nicht sein: Lake stolperte 1943 auf einem Filmset über ein Kabel, was eine Frühgeburt zur Folge hatte. Ihr Sohn starb nur sieben Tage später. Noch im selben Jahr liess sich Detlie von Lake scheiden.

«Mein Mann war immer gegen mich. Er war auch gegen meine Freunde. So sehr, dass ich irgendwann keine Freunde mehr hatte», sagte Lake über diese Zeit.

Betrunken und unberechenbar

Unterdessen hatte Lake in Hollywood den Ruf, ein Problem zu sein. Sie wurde als «wandelnde Zeitbombe» bezeichnet. Ihr wurde nachgesagt, dass sie ständig betrunken und völlig unberechenbar sei. In dieser Phase lernte sie den Regisseur André De Toth kennen, der ebenfalls für seinen exzessiven Alkoholkonsum berühmt war.

Lake spielte in ein paar eher erfolglosen Filmen, ihre Karriere schien zu Ende. Doch mit «The Blue Dahlia» konnte sie 1946 einen erneuten Hit landen, wieder an der Seite von Alan Ladd. Es war ein letztes Aufbäumen, der letzte Höhepunkt einer intensiven Karriere. Weitere Filme floppten.

Verklagt von der eigenen Mutter

Und wieder wurde sie von ihrem Ehemann enttäuscht: De Toth lebte auf zu grossem Fuss. Er kaufte Pferde, Jachten, sogar ein kleines Linienflugzeug. Lake und ihr Mann waren pleite. Sogar die eigene Mutter verklagte in dieser Zeit Veronica, da diese ihr noch Geld schulden würde. 1951 mussten Lake und ihr Mann Bankrott anmelden, ein Jahr später war ihre Ehe vorbei.

Veronica Lake in einer Aufnahme von ca. 1950.

© Getty Images

Nach ihrer zweiten Scheidung bekam Lake nur noch Angebote für Low-Budget-Filme – die sie alle ablehnte: «Ich wollte nicht mehr das Sexsymbol in B-Filmen sein.» Lake widmete sich der Theaterbühne – und noch mehr dem Alkohol. Ihre dritte Ehe – mit dem Songschreiber Joe McCarthy – dauerte nur von 1955 bis 1959. Rückblickend meinte Lake dazu, dass ihre Liebe zum Alkohol die einzige Gemeinsamkeit war.

Vom Filmstar zur Kellnerin

Weil Lake kein Geld mehr hatte, wurde sie aus ihrer Wohnung in New York geschmissen. Sie verschwand von der Bildfläche. Zumindest bis 1962. Ein Journalist entdeckte, wie sie als Kellnerin in einer Hotelbar in Manhattan arbeitete. «Ich wohne halt hier und mag es, mit Menschen zu sprechen», sagte Lake. 

Als ihre früheren Fans davon erfuhren, schickten sie ihr Geld. Lake sendete alles zurück. «Ein bisschen Stolz habe ich schon noch», meinte sie. Nach dieser Geschichte bekam Lake wieder ein paar Angebote – und verschwand erneut.

Erst 1965 hörte man wieder von ihr. Sie wurde in Texas verhaftet, weil sie komplett betrunken an eine Kirchentür hämmerte.

Lake, unterdessen dreifache Grossmutter, wollte wieder schauspielern. Mehr als ein paar eher bescheidene Filme folgten aber nicht mehr, «Flesh Feast» (1968) war ihr letzter Auftritt auf einer Leinwand.

«Die Welt schuldet mir nichts»

1969 wanderte Veronica Lake nach England aus – und schrieb die sehr lesenswerte Autobiographie «Veronica». Mit der Publikation stieg auch wieder das Interesse an ihr. Sie reiste von Talkshow zu Talkshow. 1971 sagte sie in einer dieser Shows: «Wäre ich in Hollywood geblieben, wäre ich schon lange tot.»

An einer Party 1971 lernte Veronica Lake Andy Warhol (links) kennen. Er wollte sie zusammen mit Joe Dallesandro (rechts) für einen Film engagieren.

© Getty Images

1972 heiratete Lake zum vierten Mal, die Ehe – geprägt von Trinkexzessen und Missbrauch – hielt ein Jahr. Kurz nach der Scheidung verstarb Veronica Lake völlig verarmt und alleine in einem Spital in Vermont, sie wurde nur gerade 53 Jahre alt.

In einem der letzten Interviews kurz vor ihrem Tod sagte Lake: «Ich will bis ins Jahr 2000 leben. Ich werde meine Karriere erneut lancieren. Die Welt schuldet mir nichts, ich schulde ihr jedoch sehr viel. Und bevor ich noch viel älter werde, will ich endlich zeigen, was ich kann.» 

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 14. November 2022 11:01
aktualisiert: 14. November 2022 11:02