Milliarden-Geschäft

«Haben mir Kindheit gestohlen»: Paris Hilton kämpft gegen Missbrauch von Jungen

Maurus Held, 12. Oktober 2022, 14:13 Uhr
Paris Hilton macht erstmals öffentlich, dass sie als Teenager auf einem Internat sexuell missbraucht wurde. Ihr Kampf für mehr Kinder- und Jugendschutz hat bereits die Politik erreicht – mit ersten Teilerfolgen.
Im Oktober 2021 spricht Paris Hilton in Washington: Sie macht sich stark für mehr Jugend- und Kinderschutz in staatlichen Einrichtungen.
© Getty Images
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«Sehr spät in der Nacht brachten sie mich und andere Mädchen in einen Raum, um medizinische Untersuchungen durchzuführen», sagt Paris Hilton in einem umfassenden Artikel der «New York Times», der am Dienstag erschienen ist und in den USA seither hohe Wellen schlägt. Nur: «Die Leute in diesem Raum waren definitiv keine Ärzte.» Mit 16 Jahren wurde Hilton von ihren Eltern aufgrund ihres rebellischen Verhaltens auf ein Internat im Bundesstaat Utah geschickt – wo sie sexuell missbraucht wurde, wie sie nun, rund 25 Jahre später, gesteht.

«Ich weinte, während sie mich festhielten und sagten: ‹Sei still. Hör auf, dich zu wehren, oder du kommst in eine Zelle›», so Hilton. Und weiter: «Es ist wichtig, über diese schmerzhaften Momente zu sprechen, damit ich heilen und dazu beitragen kann, diesem Missbrauch ein Ende zu setzen.»

«Es ist ein Multi-Milliarden-Geschäft»

Dem Missbrauch ein Ende setzen – dies tut Hilton nicht erst seit Dienstag, auch wenn die sexuellen Vergehen an ihr selbst bis dahin nie an die Öffentlichkeit gelangten. Mit der «Provo Canyon School», wie besagtes Internat heisst, hat sich die heute 41-Jährige schon im Jahre 2020 angelegt und deren Schliessung gefordert. «Seelische und körperliche Misshandlungen waren dort an der Tagesordnung. Sie haben mir meine Kindheit gestohlen.»

Und ihr Kampf beschränkt sich nicht bloss auf die Schule in Utah: Anlässlich einer politischen Kundgebung in Washington D.C. zu strikteren Gesetzen gegen Kindsmisshandlung vor gut einem Jahr sagte sie bereits: «Das Multi-Milliarden-Geschäft mit Sorgenkindern hat Eltern, Schuldistrikte, Jugendämter oder Pflegekinder-Hilfen während Jahrzehnten in die Irre geführt.»

800 Dollar pro Kind und Tag

Immer wieder kommt es zu mysteriösen Todesfällen auf US-amerikanischen Internaten und in Jugendinstitutionen. Prominentes Beispiel: der Tod des 16-jährigen Cornelius Fredrick in einer Anstalt in Michigan. Drei Angestellte hatten ihn am Oberkörper gefesselt, nachdem er jemanden mit einem Sandwich bewarf. Ob der Fesselung erlitt Fredrick einen Herzstillstand.

Hilton sieht dahinter ein System. Sie sagt, mit dem Missbrauchen und Misshandeln von Kindern – beabsichtigt oder nicht – würden sich einige eine goldene Nase verdienen, weswegen sie vehement Reformen und schärfere Gesetze fordert.

Die Rechnung ist eigentlich simpel: Je mehr Kinder im System sind, desto mehr verdienen die Betreiber der einzelnen Institutionen daran. Pro Kind und Tag würden diese teils bis zu 800 Dollar verdienen, rechnet die «New York Times» vor – das seien Steuergelder von den Bundesstaaten, welche die Kinder mittels des Pflegefamilien- oder Strafrechtssystems dorthin schicken.

Vieles ist nicht verboten

Das sind Unmengen an Geld, doch Profit lässt sich bekanntlich immer maximieren: Der Staff, also die Betreuer, die am meisten Zeit mit den Kindern und Jugendlichen verbringen, seien personell knapp aufgestellt und schlecht bezahlt, auch bei deren Ausbildungen würde gespart. Sie wüssten nicht, wie in besonderen Situationen adäquat zu reagieren sei. Folglich wählen sie des Öfteren den «falschen Weg» – womit wir wieder bei den Misshandlungen wären.

Viele Missbrauchsmethoden, die auch Hilton nennt – zum Beispiel das Verabreichen von Medikamenten ohne ärztliche Diagnose – sind je nach Bundesstaat zudem gar nicht illegal. Die Betreuenden haben also genug, wenn nicht zu viel Spielraum, um ihre Handlungen zu rechtfertigen, wenn sie denn auch infrage gestellt werden.

Und so geht Paris Hiltons Kampf gegen das System weiter. Sie und andere frühere Geschädigte haben im US-Kongress genügend Politiker gefunden, die bereit sind, auf Gesetzesebene einen Wandel zu forcieren. Mit ersten Teilerfolgen: In Utah, jenem Bundesstaat, wo Hilton einst missbraucht wurde, hat das Parlament Missbrauchs-Ermittlern zusätzliche Hilfsgelder zugesprochen.

Quelle: Today-Zentralredaktion
veröffentlicht: 12. Oktober 2022 14:11
aktualisiert: 12. Oktober 2022 14:13